Wolfgang Grimm in seiner Ausstellung im Kunstverein GRAZ (2006)Foto: MZ-Archiv/altrofoto.de
Von Helmut Hein, MZ
REGENSBURG. In der Einführungsrede zu einer Ausstellung brachte einst Jürgen Huber Leben und Werk seines Künstlerkollegen auf den Begriff: „Ein Berserker!“ Darin drückte sich die staunende Bewunderung für einen aus, der „anders“ war, bei dem Existenz und Arbeit untrennbar verschmolzen, der alles auf den Kopf stellte, der die Nacht zum Tag machte und nie „temperiert“ war, vielmehr wüst, extrem, leidenschaftlich. Am Freitag ist Wolfgang Grimm gestorben.
Die ganze Welt ging durch ihn hindurch und er versuchte, „brennend“, für das, was ihn bedrängte, eine Form zu finden. In einer Zeit, in der selbst die Kunst zunehmend zum „Job“ wie jeder andere wird, den man auf der Suche nach Geld und Ruhm ausübt, um dann ins feierabendliche Privatleben abzutauchen, wo Maler stolz darauf sind, wenn sie sich wie Betriebswirte und PR-Agenten auf dem Markt durchsetzen, war Grimm ein Künstler wie aus einer anderen Zeit: eine romantische Figur, ein „Genie“ im Sinn des Sturm und Drang, das sich um herrschende Regeln nicht kümmert, weil es andere, bessere im Blick hat.
Der passionierte Lehrer
Dabei war aber Grimm, der Berserker, der „outlaw“ und „nighthawk“ (eine Zeitlang war er als Barkeeper auch so etwas wie der erotisch-melancholische König des Regensburger Nachtlebens), kein Egoist und Egomane, sondern einer, der zu Kooperationen fähig und bereit war; kein „schlampertes“ Genie zudem, sondern handwerklich bestens ausgebildet, erst als technischer Zeichner und Graphiker, später dann als Meisterschüler von Robin Page an der Münchner Kunstakademie. Zusammen mit Stefan Göler, Erich Gohl, Raoul Kaufer und Frank Scholz initiierte er in den 80er Jahren das längst legendäre „Kunst-Werk“, das beides war: eine Künstlervereinigung in der Tradition der Avantgarden und ein Ort der Möglichkeiten, ein Kommunikations- und Veranstaltungszentrum.
Sehr viel später dann, 2002, gründete er zusammen mit Jürgen Huber, der einst, als Vor-Denker der anderen großen ostbayerischen Künstlergruppe „Warum Vögel fliegen“ Konkurrent war, in einer Art „großen Vereinigung“ den Kunstverein GRAZ. Es war der Versuch, abseits der beamtenmäßigen Institutionen der Kunst eine Chance zu geben – und zwar im permanenten Austausch und „Dialog“ mit Literatur, Musik (Beige GT hatten im GRAZ-„Keller“ Übungsraum und Studio) und Philosophie. Grimm war immer auch an Theorie interessiert, wobei sich bei ihm das Interesse an der Verstörung mit dem an der Vermittlung paarte.
So gründete er in bester dadaistischer und situationistischer Tradition eine „Akademie für konstruktiven Unsinn“, aber auch, 1994, eine „Fantasiewerkstatt“ an der Montessori-Schule. Noch im letzten Jahr erzählte er mir, voller Passion, von der Arbeit mit jungen Leuten; er war ein überzeugter, „ansteckender“ Lehrer, nicht einer, der notgedrungen ein paar Euro für den Lebensunterhalt dazuverdient. Er war auch ein großer Projekte-Macher: von seinen Bilder-Büchern, deren erstes 2006 in Regensburg präsentiert wurde, bis zu seinem großen polnischen Architektur-Projekt, das buchstäblich ins Wasser fiel. Am wichtigsten war und blieb aber der Maler Wolfgang Grimm, der Meister einer neuen Figuration, der über das wilde, heftige Ausdrucksverlangen der Vorgängergeneration, wo vieles nur Eruption oder Pose war, hinausging. Bei ihm setzte die Expression konzeptuelle Sorgfalt, handwerkliche Sicherheit und gedankliche Schärfe voraus.
Seine heroische Anstrengung
In den 90er Jahren lieferte der große Reisende Grimm (der er auch war) mit seiner „Ciompi“-Serie ein erstes Meisterwerk: im Leid der frühindustriellen Florentiner Arbeiter entdeckte er die bleibende „condition humaine“, eine Hölle auf Erden, die von humanistischer Rhetorik nur mühsam verdeckt wird.
Noch bewegender aber ist die späte Selbsterforschungs und -vergewisserungs-Serie: Was sonst oft nur modisches Gerede ist, der Kampf um die eigene Identität, die Erinnerung, die Grundfesten der Existenz, wurde für Wolfgang Grimm eine körperhaft-bedrückende, todesnahe Erfahrung. Während einer London-Reise schwer an einem seltenen Virus erkrankt, verlor er alle Orientierung, das Gedächtnis, buchstäblich alles, was einen Menschen ausmacht. Er musste sich sein Leben, seine Existenz mühsam zurückerobern, in einer heroischen Anstrengung, wovon seine Bilder Zeugnis ablegen: Dokumente eines schwarzen Realismus, einer abgründigen Verzweiflung, die aber nicht das letzte bleibt. Der kranke Grimm wurde zum Forscher, ihm wurde bewusst, wie zeichenhaft unser Welt- und Selbstbezug ist.
In den späten Bilder-Büchern zog er ein letztes Resümee, verglich die Resultate der empirischen Wissenschaften und die Semantik der durchmedialisierten Welt mit seinen Grenzerfahrungen und zog daraus seine bildhaften Schlüsse: schwarzer Humor, grotesker Witz verbanden sich in Versuchsanordnungen mit der Suche nach Lehr- und Tradierbarem.