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Zeitung in der Schule
Dienstag, 16. Januar 2018 6

Drogen

Jugend in der Hölle der Sucht

Vier junge Menschen, die beinahe an Alkohol und Drogen zugrundegegangen wären, schildern ihre Erlebnisse.
Von der Klasse EV 11b des BSZ Regensburger Land

Zollfahnder stellen regelmäßig Crystal Meth sicher, besonders im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Foto: Arno Burgi/dpa-Archiv

Regensburg.Vier Jugendliche erzählen von ihrem Absturz in die Sucht. Ihr eiserner Wille hat sie gerettet. Bald haben sie, wenn alles gut geht, sogar eine Ausbildung in der Tasche. Weil die vier Betroffenen anderen Jugendlichen die Hölle der Sucht ersparen möchten, erzählen sie hier ihre Geschichte.

Thomas: Den Übergang zur Alkoholsucht bemerkte ich nicht.


„Unvorstellbar, ich habe fast vier Jahre durchgesoffen. Jeden Tag ab Mittag habe ich mich nur von Wodka und Whiskey ‚ernährt‘, gegessen habe ich selten. Durch Gruppenzwang und Langeweile aufgrund von Arbeitslosigkeit verfiel ich dem Alkohol. Den Alkoholkonsum finanzierte ich von meinem Arbeitslosengeld. Für Essen blieb meist kein Geld übrig, ich beschaffte es mir anderweitig. Der Alkohol verschluckte mein ganzes Einkommen. Angefangen hat es damit, dass ich das ganze Wochenende alkoholisiert war. Der Übergang zum täglichen Trinken erfolgte sehr schnell. Ich bemerkte nicht, dass die Sucht begann. Trinken wurde zur Routine. Bis Mittag habe ich geschlafen. Danach kamen Freunde zu mir in die Wohnung. Dort soffen wir gemeinsam bis in die Nacht. Jeden Tag erwachte ich mit einem heftigen Kater. Der Brummschädel und das tägliche Kotzen waren mir egal, die Sucht war zu groß.

Nach fast vier Jahren der Sucht hatte ich plötzlich starke Herzschmerzen. Da wurde mir bewusst, dass ich den Alkoholkonsum drastisch reduzieren musste. Ich entschied mich, nur noch am Wochenende zu trinken. Als dies nichts nutzte, ist mir klargeworden, dass ich ganz aufhören musste, um meine intensiven Herzschmerzen loszuwerden. Gut, dass ich auf meinen Körper gehört habe. Mit meinen damaligen Freunden habe ich keinen Kontakt mehr. Meine neuen Freunde geben mir Halt, deshalb habe ich kein Verlangen mehr nach Alkohol. Meine jetzige Ausbildung regelt den Tagesablauf neu und macht mir Spaß, da ich praktisch arbeiten und mit Leuten kommunizieren kann.“

Carly: Ich wollte Mobbingerlebnisse mit Drogen lösen.


„Mit 15 Jahren fing ich an zu kiffen. Ich wollte mich dadurch beliebt machen, weil ich vorher ständig gemobbt wurde. Zum Beispiel wurden heimlich Bilder von mir gemacht und online gestellt. Zum anderen wurde ich von meinen Klassenkameraden geschlagen und getreten. Über das Internet lernte ich schließlich eine neue Liebe kennen. Auch er kiffte. Zu spät bemerkte ich, dass mein Freund mehr konsumierte, als ich zunächst dachte. Nach einiger Zeit konsumierte ich mit, da ich ihn nicht verlieren wollte. Crystal, LSD, Marihuana, Kokain und Ecstasy. Ich fiel tief. Zunächst fühlte ich mich immer selbstbewusster, allerdings kamen die Konsequenzen früher als erwartet.

Meine Eltern haben mich rausgeschmissen. Meine Ausbildung habe ich vernachlässigt und letztendlich verloren. Ohne Geld habe ich auch noch meine Wohnung verloren. Danach landete ich für elf Wochen im Bezirkskrankenhaus. Dort hatte ich Ausgang und konsumierte weiter. Als ich bemerkt habe, dass ich alles verloren hatte, begriff ich erst, dass ich was ändern musste. So hörte ich mit eisernem Willen von heute auf morgen auf. Die Sucht blieb nicht ohne körperliche Folgen. Da noch Probleme vorhanden waren, habe ich mich geritzt. Durch den Konsum wurde ich psychisch geschädigt und habe deshalb Borderline und Depressionen. Vieles wäre nicht geschehen, wenn ich damals schon einen Ansprechpartner in der Schule gehabt hätte und Hilfe gesucht hätte. Dieser hätte sicher mein Selbstbewusstsein gestärkt, was mir damals so sehr fehlte.“

Fabian: Aus kindlicher Neugier kam ich zu Drogen.


„Als Kind probierte ich mit Freunden Marihuana von älteren Nachbarsjungen – aus Neugier und Spaß. Ich konsumierte es alle zwei Wochen, meist kostenlos. Mit zwölf Jahren kiffte ich jeden Tag, mit 13 fing ich mit Crystal Meth an. Die Folgen: Ich kämpfte verstärkt mit Psychosen. Das belastete mich sehr. Nach fünf Jahre langem Konsum war ich am Ende. Die Psychosen trieben mich dazu, im Winter von einer zwölf Meter hohen Brücke zu springen. Ich ließ mich 2,5 Kilometer im Fluss treiben. Es war kalt. In meinem Kopf hörte ich Stimmen und sah Bilder, die sprachen. Gott sei Dank trieb ich auf ein Wehr zu. Dort wollte ich nicht sterben und rief laut um Hilfe. Ein Fußgänger, der nachts auf der Brücke stand, hörte meine Hilfeschreie und forderte die Rettung an. Ich bin diesem Menschen heute sehr dankbar. Noch zehn Minuten länger, dann wäre ich durch die Unterkühlung gestorben.

Viele können aus dem Drogenkonsum nicht aussteigen. Leider hat mich der Suizidversuch nicht dazu bewegt, die Finger von Crystal zu lassen. Mehrmals wurde ich von der Polizei kontrolliert und zwangseingewiesen. In der Psychiatrie bekam ich einen Zweijahresbeschluss für die geschlossene Unterbringung. Im zweiten Jahr habe ich nicht nachweisbare Drogen (Kräutermischungen und Badesalz) und manchmal Crystal sowie Gras eingenommen. An den Kräutermischungen sind meine zwei besten Kumpels gestorben. Dann wurde ich nach Berlin in eine betreute Wohngemeinschaft entlassen. Ich verließ sie schnell, um wieder Drogen zu konsumieren. Nachdem ich erneut erwischt wurde, wählte ich den Weg über die Psychiatrie, weil ich dem Gefängnis entgehen wollte. Dort bekam ich wieder einen Zweijahresbeschluss, die Anklage wurde eingestellt. Nach acht Monaten kam ich frei und führe jetzt ein cleanes und normales Leben. Ich vermisse meine zwei verstorbenen Freunde sehr. Ich verdanke ihnen die Einsicht, mit den Drogen aufzuhören. Viele meiner vorderen Zähne fielen dem Crystal-Konsum zum Opfer. Inzwischen sind die Zähne aber repariert. Meine Familie ist ein Grund, dass ich clean bleibe. Sie gibt mir Rückhalt.“

Schaut nicht weg!

  • Hilfe holen

    Eltern sollten möglichst früh handeln und Hilfe in Anspruch nehmen, zum Beispiel über Schulsozialarbeiter, das Jugendamt oder das Familiengericht. Erste Anzeichen für Drogenkonsum können fehlendes Geld oder Schmuck im Haushalt sein.

  • Veränderungen wahrnehmen

    Ein zurückgezogenes Verhalten oder übertriebenes Eigenlob können weitere Hinweise sein. Die Einstellung zu Personen und zum Leben verändert sich bei Drogenkonsumenten insgesamt.

  • Früh eingreifen

    Bei Jugendlichen haben Eltern noch mehr Handlungsmöglichkeiten, da die jungen Leute mit 18 Jahren schon selbstverantwortlich sind. Am besten ist es, wenn die Eltern sich bei Fachleuten informieren.

  • Freundeskreis

    Die Eltern sollten Bescheid wissen, mit wem ihre Kinder verkehren.

Paul: Die Drogen besorgte ich mir in Tschechien.


„Aus Neugierde fing ich mit ein paar falschen Freunden an, Drogen zu konsumieren. Zuerst probierte ich Gras, dann wollte ich mich steigern und verfiel härteren Sachen, wie zum Beispiel Crystal Meth. Nach jedem Crystal Meth Rausch war ich extrem down und griff wieder zur Droge, um dauerhaft ‚gut drauf‘ zu sein. Vier Jahre ‚ernährte“ ich mich täglich davon. Dieser Absturz war sehr schlimm für mich, denn wenn ich die Droge nicht hatte, bekam ich äußerst starke Knochenschmerzen. Man liegt dann nur im Bett und rührt sich nicht, jede Bewegung schmerzt furchtbar. Den Übergang zur Sucht merkte ich nicht. Wenn man dieses Zeug einmal nimmt, dann braucht man es immer wieder. Gegessen hab ich wenig und auch nicht hochwertig. Mit 800 Euro Ausbildungsgehalt hatte ich keine Probleme mit der Finanzierung der Drogen, ich konnte sie billig im grenznahen Tschechien kaufen. Mit steigendem Konsum wurde die Sucht immer teurer und ich begann größere Mengen einzukaufen, die ich meinen Freunden zum Weiterverkauf überließ.

Die Folgen meines Drogenkonsums sieht man heute noch. Nachdem mir massiv die Zähne ausgefallen sind, wurde mir klar, dass ich was ändern muss. So entschied ich mich, von heute auf morgen aufzuhören. Der Körper reagierte mit starken Entzugserscheinungen. Ich zitterte heftig am ganzen Körper, konnte mich nicht mehr bewegen. Zwei Wochen hatte ich starke Knochenschmerzen. Dann hatte ich es überstanden. Lächeln fällt mir noch schwer, da man dann die Zahnlücken an den vorderen Schneidezähnen sieht. Mein größter Wunsch wäre die Reparatur der Zahnlücken. Die Finanzierung ist aber ein großes Problem für mich.“

Die Klasse EV 11b des BSZ Regensburger Land, Plattlinger Straße 24, 93055 Regensburg, würde sich über ein Feedback zum Artikel sehr freuen.

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