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Kultur
Montag, 25. September 2017 19° 5

Museum

2200 Objekte kitzeln die Schaulust

Nach elf Jahren Schließung und einer 18,6 Millionen Euro teueren Neuordnung öffnet Wien seine Kunstkammer wieder – ein Fest für die Augen.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Die Saliera, das Prunkstück der Kunstkammer Wien: Generaldirektorin Sabine Haag setzt das schönste Salzfass der Welt in die Vitrine. Das Meisterwerk von Benvenuto Cellini ist nach elf Jahren Publikumsabstinenz und einer abenteuerlichen Episode als Geisel von Kunstdieben jetzt wieder zu sehen. Fotos: KHM Wien
  • Ein Pokal aus Straußenei und Koralle, um 1570
  • Vanitas-Gruppe, Ulm, um 1470: Drei Nackte, aus einem Stück Lindenholz geschnitzt, mahnen die Vergänglichkeit an. Im Rücken eines jungen Paars steht eine faltige, zahnlose Alte.
  • Blick in den Exotica-Saal: Schätze aus fernen Ländern ziehen ab dem 15. Jahrhundert in Kunstkammern ein. Elfenbein, Straußeneier, Magensteine und Rhinozeroshorn werden zu kunstvollen Schaustücken umgearbeitet.
  • Ein raffinierter Tischautomat, Augsburg, 1598: Diana reitet hinter dem Kentauren.

Wien. Filigrane Steingemälde, komplizierte Uhren, anrührende Madonnengesichter, exotische Muschel-Gefäße, mit Juwelen inkrustierte Kästchen, feinstes Tafelgeschirr: „Das ist die weltbeste Präsentation von Kunstgegenständen“, sagt Österreichs Kulturministerin Dr. Claudia Schmied am Mittwoch im Kuppelsaal des Kunsthistorischen Museums (KHM) Wien bei einer Preview vor gut 150 Journalisten. Seit Freitag sind die Schätze der Habsburger wieder zu entdecken.

Die Kunstkammer im Erdgeschoss des Semper-Baus am Burgring pflegte elf Jahre Abstinenz vom Publikum. „Eine wahnsinnig lange Zeit“, räumt Generaldirektorin Dr. Sabine Haag ein. Einer Generation blieb die Sammlung verschlossen. Das Haus machte tabula rasa. Jetzt sind die Gewölbe saniert, die Objekte restauriert und neu geordnet – in einer Präsentation, die 18,6 Millionen Euro gekostet hat und die in jeder Hinsicht state of the art ist.

20 Säle voller Spitzenstücke

Allein die Liste der Materialen kitzelt die Schaulust: Gold, Silber, Elfenbein, Rubine, Saphire, Perlen, Korallen, Bernstein, seltene Hölzer, Email, Muscheln, Kokosnuss, Bisam, Rhinozeroshorn oder Bezoar (ein Magenstein aus verfilzten Pflanzenresten) zieren Pokale, Kreuze, Instrumente, Fächer, Broschen, Kästchen, Geschirr, Tischautomaten, Scherzgefäße und Figuren.

In der Kunstkammer spiegeln Objekte aus der Zeit vom späten Mittelalter bis ins Barock die Lust am Sammeln, Prunken, Wissen und Schauen. 400 Menschen arbeiteten an der Neuordnung, allein am KHM waren 90 Mitarbeiter über Jahre mit einer der umfassendsten Kultur-Initiativen Österreichs befasst. In 20 Sälen, auf 2700 Quadratmetern, sind 2200 Objekte neu inszeniert. Im Wunsch nach größtmöglicher Opulenz und kluger Beschränkung wurden aus 8000 Stücken die Spitzenwerke selektiert. „Wir besitzen 50 Bergkristall-Pokale und zeigen die fünf besten; sämtliche Exemplare zu sehen, bereitet keine gesteigerte Freude“, verdeutlichte Sammlungsleiter Dr. Franz Kirchweger.

66 Tablet-Computer montiert

Prof. Hans Günter Merz hatte es schwer, den Objekten in den über und über mit Malerei, Stuck und Figuren geschmückten Gewölben eine Bühne zu geben. Der Stuttgarter Architekt entwarf schlichte schlanke Kästen, die in den hohen Räumen bestehen können. 300 Vitrinen, die Hälfte mit Umluftsystem oder sogar aktiver Klimatisierung ausgerüstet, rhythmisieren jetzt die Säle. An den Sitzbänken sind 66 Tablet-Computer montiert; Details und Zusammenhänge lassen sich hier abrufen – und vor allem die raffinierten Instrumente und Automaten in Aktion erleben.

Der Rundgang folgt dem roten Faden Zeit. Den Auftakt machen Kelche, Kreuze, Reliquiare und Mini-Altäre, die Frömmigkeit und Reichtum im Mittelalter zeigen. Eine Natternzungen-Kredenz steht für die weltliche Schatzkunst ab 1400; die angeblichen Schlangen-Zungenspitzen sollten der ganz realen Gefahr vorbeugen, am Hof vergiftet zu werden. Die Objekte sind gruppiert um einzelne Sammler-Persönlichkeiten. Einer der besessensten war Kaiser Rudolf II.. In neun Räumen der Prager Burg hortete er Waffen, Münzen, Automaten und Skulpturen. Der Hradschin, um 1600 in Achat und Jaspis „gemalt“, belegt seine Passion für Steinbilder. Und Erzherzog Ferdinand II., ein anderer sammelwütiger Habsburger, richtete sich auf Schloss Ambras bei Innsbruck einen Trakt ein, der als einer der ersten nördlich der Alpen „Musaeum“ genannt wurde. Ab dem 18. Jahrhundert ordneten die Habsburger ihre Schätze um und brachten Naturalia, Bilder, Bücher und Münzen in Spezial-Kabinette – die Vorläufer der Hofmuseen, die Kaiser Franz Joseph I. einrichtete. Das Kunsthistorische Museum eröffnete 1891.

Kunstkammern waren ein Spiegelbild der Welt und des vorhandenen Wissens, ein Archiv der Weisheit. Erst ging es um Repräsentation und um das Horten von Kostbarkeiten, später auch um die Freude am Lernen, Disputieren und Staunen. Der Kosmos wurde im Mikrokosmos sichtbar, in Artefakten, Naturalia, Exotica und Scientifica. Die Kunstkammer Wien vermittelt nur noch einen Teil dieser Vielfalt (die Bestände gingen auf in verschiedenen Häusern), zählt aber zur bedeutendsten Sammlung ihrer Art. Ihre Pfahlwurzel sind die Schatz- und Kunstkammern, die die Habsburger im späten Mittelalter, in der Renaissance und im Barock mit Erlesenem und Kuriosem füllten. Sensationelle 85 Prozent des Bestands gehen noch heute auf diese Basis zurück und sind direkt mit dem Wissen um die Provenienz verknüpft. Das Grüne Gewölbe in Dresden ist berühmter – aber mit der Sammler-Tradition, wie Wien sie jetzt neu ins Licht gesetzt hat, kann kein anderes Haus mithalten.

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