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Kultur
Montag, 25. September 2017 20° 4

Ausstellung

240 intime Momente mit den Idolen

Marilyn Monroe, Marlon Brando, Anthony Quinn: Sam Shaws Kamera kam den Stars ganz nahe. Regensburg zeigt seinen Bilderschatz.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Marilyn Monroe, 1954 in New York: Sam Shaw fotografierte sie für die Filmproduktion von „Das verflixte 7. Jahr“. Foto: Sam Shaw Inc./www.shawfamilyarchives.com
  • Der junge Marlon Brando, 1959 in Los Angeles, als düsterer Prophet Foto: Sam Shaw Inc./www.shawfamilyarchives.com

Regensburg.Im September 1954 steht die begehrteste Frau des Erdballs vor dem Trans Lux Theatre an der Lexington Avenue in New York und zeigt der Welt ihre nackten Schenkel. Das Gebläse eines unterirdischen Lüftungsschachts lässt ihr weißes Kleid fliegen. Und die Welt greift nach diesem Bild: Marilyn Monroe prangt am nächsten Tag auf den Titelseiten aller großen Zeitungen, von Berlin bis Tokio und Rom.

Allein diese Foto-Serie hätte Sam Shaw, den Mann hinter der Nikon, unsterblich gemacht. Dabei war er auch höchst erfolgreicher und anerkannter Filmproduzent und Journalist. Er reiste kreuz und quer durch die USA, um Jazzmusiker, Intellektuelle, Farmer, Grubenarbeiter oder Bürgerrechtler zu fotografieren. Die Städtische Galerie rollt dem US-amerikanischen Fotografen (1912-1999) jetzt den roten Teppich aus. Eine üppige Schau im Leeren Beutel präsentiert 240 Aufnahmen aus 60 Jahren. Viele, bisher ungezeigt, sind ganz frisch zu entdecken; viele, tausendfach publiziert, sind längst ins kollektive Gedächtnis des 20. Jahrhunderts eingegangen.

Auf der Lauer nach dem Moment

Die Arbeit mit MM markiert in einem Punkt eine Ausnahme: Die Szene über dem Lüftungsschacht war präzise vorbereitet. Normalerweise vertraute Sam Shaw dem Zufall. Seine Aufnahmen waren das Ergebnis von Erfahrung, Empathie und Inspiration. Der Fotograf ließ sich konzentriert auf den Menschen vor der Kamera und auf den richtigen Moment ein. Sam Shaw lieferte Hartnäckigkeit und Hingabe – und Kairos, der Gott des idealen Zeitpunkts, belohnte ihn reichlich. Auch MM in ihrem hochfliegenden Kleid, in diesem Moment zwischen scheu hochgezogenen Schultern und provozierendster sexueller Einladung, ist, bei aller peniblen Vorbereitung, am Ende eine Zufallsgabe, eine Frucht, in der perfekten Sekunde geerntet.

Sam Shaw kam den Unerreichbaren ganz nahe

Regensburger Fans von Fotografie wundern sich ein wenig. Schon wieder MM in der Städtischen Galerie? Der Leere Beutel hatte erst 2011 eine große Ausstellung über den Mythos Marilyn präsentiert, mit rund 8000 Besuchern übrigens eine der erfolgreichsten in der Geschichte des Hauses überhaupt. Dr. Reiner Meyer, Leiter der Galerie, beruft sich aber gar nicht so sehr auf die Anziehungskraft dieser wunden und vergötterten Schauspielerin, sondern eher auf das Profil der Galerie, in der internationale Fotografie – neben regionaler Kunst oder klassischer Moderne – einer der Schwerpunkte ist. Und natürlich auf die Prominenz und Opulenz der Schau, die alle drei Säle im Leeren Beutel einnehmen wird und in der die MM-Aufnahmen vielleicht fünf Prozent der Bilder ausmachen werden.

Dr. Reinhard Meyer, Leiter der Städtischen Galerie Leerer Beutel Foto: Museen der Stadt Regensburg

„Remembering Sam“ rückt Regensburg in eine Reihe mit Mailand oder Lissabon, zwei weiteren Stationen der europaweit präsentierten Ausstellung. „Ein Highlight 2016“, sagt Meyer, und: „Wir können uns glücklich schätzen.“

„Ich persönlich suche, um zu finden. Ich habe nur selten eine fotografische Komposition arrangiert.“

Sam Shaw

Sam Shaws Augen waren hungrig auf fast alles: auf Familienszenen und Kinder, auf Tiere und den menschlichen Körper, auf Natur und Industrielandschaften, auf Reisen und Reportagen, Gewalt und Verbrechen, Mode und Sport. Vor allem aber interessierte er sich für die Gefühle und Gedanken der Männer und Frauen, die ihm Modell standen. Und er bekam sie alle: Den jungen Marlon Brando, 1959 in Los Angeles, der als düsterer Prophet von einem Foto schaut. Den charismatischen Anthony Quinn, den er 1964, beim Dreh für „Alexis Sorbas“ auf Kreta, bei seinem legendären Tanz in beinahe psychodelischen Aufnahmen festhielt. Die kühle Ingrid Bergman, die sich 1963 in Rom als Frau der verlorenen Illusionen zeigt – und ganz offensichtlich als Anhängerin exaltierter Brillenmode.

Sam Shaw hatte seine speziellen Tricks. Er machte Wortspiele mit seinen Modellen, warf ihnen Begriffe zu, die sie frei assoziieren sollten, um sie weich und bereit zu machen für das Shooting. Unerreichbare Idole ließen ihn ganz nahe an sich heran, glamouröse Stars zeigten sich ungeschminkt. Shaw spielte ja auch nicht nur; er zeigte sich, wie etwa John Cassavetes bekannte, auch als verlässlicher und loyaler Freund.

In eine Szene eingebettet

Das Closeup, das maximal Gezoomte, dominiert die Fotografie in den Medien heute. Sam Shaw ließ den Porträtierten Raum. Er liebte es, sie einzubetten in ein Zimmer, in ein Stück Park oder in eine Straßenszene. Das Umfeld wurde Teil der Geschichte. Viele dieser narrativen Bilder wirken wie Filmstills; von einem eingefrorenen Moment aus entrollt sich im Kopf des Betrachters ein Spielfilm, ein Roman und manchmal ein ganzes Leben. Gleichzeitig zitieren die Bilder die Kunstgeschichte. Shaw kannte den Boden, auf dem er stand. Eine angeschnittene Straßenszene verweist auf Edgar Degas, die Blickbeziehungen in einem Gruppenbild auf ein Maria-und-Jesuskind-Gemälde.

Lesen Sie mehr über den Menschenfotografen Stefan Moses: hier

Sam Shaw legte sich oft frühmorgens oder abends auf Lauer, wenn die Konturen schärfer und das Licht milder waren, aber nie mittags. Sein Werkzeug waren zwei abgenutzte Nikons, oft im extremen Weitwinkel oder im Tele-Bereich eingestellt, aber fast nie in der Brennweite 55 Millimeter, die in etwa dem menschlichem Auge entspricht.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog von Lorie Karnath, Shaws langjähriger Wegbegleiterin. Sie wird bei der Vernissage in Regensburg über ihre Reisen mit Sam sprechen, über das Buch, das beide immer machen wollten und das sie jetzt allein geschrieben hat. Und sie wird Sam Shaw vorstellen: im großen Horizont und ganz nah, aus persönlicher Sicht.

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Eröffnung am 18. März

  • Die Ausstellung:

    „Remembering Sam - Sam Shaw. 60 Jahre Fotografie“ eröffnet am Freitag, 18. März (19 Uhr) in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel. Bis 15. Mai sind unbekannte Fotografien und weltberühmte Aufnahmen des amerikanischen Fotografen und Filmproduzenten Sam Shaw zu sehen.

  • Der Katalog:

    Lorie Karnath, langjährige Wegbegleiterin, hat ein Foto-Buch mit knapp 200 Abbildungen verfasst, das als Katalog zur Ausstellung erscheint. Sie wird bei der Vernissage in Regensburg sprechen.

  • Das Rahmenprogramm: Sonntagsführungen beginnen am 10. April, 24. April und 8. Mai um 11 Uhr. Führungen mit Kunstdinner am 12. April und 10. Mai (18 Uhr) sind buchbar im Restaurant Leerer Beutel (09 41) 58 99 7. Kurzführungen mit Mittagssnack gibt es am 14. April, 28. April und 12. Mai (12.30 Uhr). Kurzführungen vor Jazzkonzerten sind am 7. April, 14. April und 21. April (19.30 Uhr), Karten: an den bekannten Schaltern und an der Abendkasse.

  • Partner.

    Das Rahmenprogramm veranstaltet die Städtische Galerie mit Cultheca, dem Jazz Club Regensburg e.V. und dem Restaurant Leerer Beutel, alle Details: Städtische Galerie, Telefon (09 41) 507-24 40.

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