mz_logo

Kultur
Sonntag, 19. November 2017 7

Auszeichnung

Akin ist die deutsche Oscar-Hoffnung

Mit dem NSU-Film „Aus dem Nichts“ soll Regisseur Fatih Akin den Auslands-Oscar holen. Ein Hollywoodstar könnte ihm helfen.
Von Aleksandra Bakmaz, dpa

München.„Freude, Erleichterung, Stolz, Nervosität“: Regisseur und Drehbuchautor Fatih Akin kann sein Glück kaum fassen. Mit dem NSU-Drama „Aus dem Nichts“ geht er für Deutschland ins Rennen um den Auslands-Oscar. „Das ist so ein Gefühlsbad“, sagt der Filmemacher kurz nach der Bekanntgabe gestern in München. Eine neunköpfige Fachjury hatte sich unter elf Filmen für das Werk des Hamburger Regisseurs entschieden. Die mitreißende Erzählkraft habe überzeugt, heißt es zur Begründung.

Fatih Akin (l.) und Schauspielerin Diana Kruger stellten ihren Film „Aus dem Nichts“ im Frühjahr in Cannes vor. Foto: Alastair Grant

Der Film, der beim Filmfest in Cannes Weltpremiere hatte und am 23. November in die deutschen Kinos kommen soll, erzählt die Geschichte von Katja, gespielt von Hollywoodstar Diane Kruger. Verheiratet mit dem Kurden Nuri lebt sie mit ihm und dem gemeinsamen kleinen Sohn in Hamburg. „Aus dem Nichts“ zerbricht Katjas ganze Welt. Ihr Mann und ihr Sohn sterben bei einem Bombenanschlag. Schon bald kristallisieren sich Parallelen zu den Morden des rechtsextremen NSU heraus – ein junges Neonazi-Paar wird verdächtigt. Katja will Gerechtigkeit. Und das um jeden Preis.

Akins zweite Chance

Der Film sei Drama, Thriller und Gerichtsfilm zugleich – schonungslos und mitreißend, sagt Jurymitglied Rainer Matsuni vom Bundesverband Regie bei der Präsentation des deutschen Oscar-Kandidaten. Oder wie Akin selbst sein Werk beschreibt: „Der Film kommt wie ein Faustschlag in die Fresse, man kann ihn lieben oder hassen: Aber er lässt dich nicht kalt.“ Die Academy könnte vielleicht genau wegen der hemmungslosen Erzählweise etwas damit anfangen.

Mit der Ernennung zum deutschen Kandidaten hat es der Film aber noch nicht zu den Oscars geschafft. Erst muss sich das Werk eines der erfolgreichsten Regisseure Deutschlands noch gegen die Konkurrenz aus aller Welt durchsetzen. Nur fünf Filme bekommen am 23. Januar 2018 die begehrte Nominierung für den Auslands-Oscar – und somit auch eine Eintrittskarte zur feierlichen Oscar-Gala am 4. März in Los Angeles.

Fatih Akin als deutscher Oscar-Kandidat nominiert

So eine seltene Eintrittskarte hatte Regisseurin Maren Ade mit ihrem gefeierten Film „Toni Erdmann“ im vergangenen Jahr ergattert. Bei der Verleihung ging das komödiantische Familiendrama aber leer aus. Den letzten deutschen Auslands-Oscar-Erfolg feierte das DDR-Drama „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck im Jahr 2007.

Fatih Akin war schon einmal deutscher Oscar-Kandidat: 2008 trat sein Film „Auf der anderen Seite“ an, schaffte es aber nicht in die Endauswahl. Diesmal könnte nicht nur die Intensität von „Aus dem Nichts“ und das politische Thema gute Chancen für eine Oscar-Nominierung bringen, sondern auch die überragende und auch in Hollywood geschätzte Diane Kruger. Für ihre Rolle wurde sie in Cannes als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.

Der Erfolgsregisseur

  • Debüt

    Fatih Akin gilt als einer der erfolgreichsten Filmemacher Deutschlands. Schon sein Debüt „Kurz und schmerzlos“ von 1998 wurde mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

  • Durchbruch

    Es folgten die wunderbar stimmungsvollen Dramen „Im Juli“ und „Solino“, bevor der Regisseur 2004 endgültig seinen internationalen Durchbruch feierte: „Gegen die Wand“ erzählt von einer jungen Türkin in Deutschland, die eine Scheinehe eingeht, um den engen Moralvorstellungen ihrer Familie zu entkommen. Das Werk machte Hauptdarstellerin Sibel Kekilli („Game of Thrones“) über Nacht berühmt und gewann 2004 den Goldenen Bären als bester Film der Berlinale sowie zwei Europäische Filmpreise.

  • Herkunft

    Akin wurde am 25. August 1973 als Kind türkischer Einwanderer in Hamburg geboren und wuchs im multikulturellen Stadtteil Altona auf. Auch seine Filme spielen häufig in Hamburg – und greifen immer wieder das Leben zwischen verschiedenen Kulturen und Welten auf. Dazu gehören neben „Gegen die Wand“ auch die Komödie „Soul Kitchen“ mit Adam Bousdoukos und Moritz Bleibtreu sowie das Drama „Auf der anderen Seite“.

  • Schwerke Kost

    Kritische Aspekte scheut Akin, der auch als Produzent und Drehbuchautor arbeitet, ebenfalls nicht: Mit „The Cut“ griff er das Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich auf und prangerte mit der Dokumentation „Müll im Garten Eden“ die Müllverschmutzung in der türkischen Heimatregion seiner Eltern an.

  • Bestsellerverfilmung

    Im vergangenen Jahr feierte der Deutsch-Türke allerdings mit einem ganz anderen Genre einen großen Erfolg: „Tschick“ ist die Bestsellerverfilmung von Wolfgang Herrndorfs Roman und erzählt von der Flucht zweier ausgerissener Jungs durch Ostdeutschland. Akin lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen zwei Kindern in Hamburg.

Vielleicht hat auch Kruger eine Chance auf eine Oscar-Nominierung. „Das wäre ja geil, wenn er (der Film) zwei Nominierungen kriegt“, kommentierte Akin in seiner unkomplizierten Art. Kruger sei wie eine gute Boxerin: „Die für eine Überraschung gut ist.“

Fatih Akin darf zum zweiten Mal von einem Oscar träumen. Foto: dpa

In den nächsten Wochen und Monaten geht es für Akin in die USA auf Werbetour. „Ich kenne Cannes, ich kenne die Berlinale, ich kenne Venedig – diese Anzugträger in Hollywood, die kenne ich jetzt nicht so gut, aber ich bin neugierig“, sagte er. Doch bevor es über den Großen Teich geht, wird erstmal gefeiert: Nicht nur die Wahl seines Films, sondern auch der anstehende 44. Geburtstag an diesem Freitag. Die Nominierung sei schon mal ein „schönes Geburtstagsgeschenk“.

Lesen Sie auch: Daniel Brühl und Fatih Akin in Oscar-Akademie aufgenommen

Mehr Kultur finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht