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Kultur
Dienstag, 17. Oktober 2017 20° 2

Ausstellung

Altdorfer wandelt die Putzfläche in einen Ort des Begehrens

Rosig durchpulste Haut, glänzende Augen – Albrecht Altdorfers Bekenntnis zur natürlichen Macht der Liebe ist ungeheuer modern.
Von Dr. Oliver Jehle, Institut für Kunstgeschichte, Uni Regensburg

Das Fragment der Kaiserbad-Wandmalereien mit dem Paar in der Badekufe malte Altdorfer um 1535.

Regensburg. Frivoles war einst zu bewundern – im Schatten des Regensburger Domes: Albrecht Altdorfer schuf im sogenannten „Kaiserbad“ Wandmalereien besonderer Art, inszeniert er doch dort Frauen, die sich im Bad entblößten, Männer, die ihnen die leichten Gewänder lösten oder ihnen Gaben reichten, die kostbar waren wie die weiblichen Körper, die sie begehrten. Überrascht es den heutigen Betrachter kaum, solch menschliche Nahbeziehungen explizit in Szene gesetzt zu sehen, so ist die Tatsache, dass Altdorfer die Badeszenen in Lebensgröße malte, noch immer bemerkenswert. Auf betörende Weise treten uns dort Menschen entgegen, deren Erregbarkeit und Sinnesfreude Altdorfer mit den Mitteln seiner Kunst vergegenwärtigt: Rosig durchpulste Haut und glänzende Augen sehen wir dort, sein Bekenntnis zur natürlichen Macht der Liebe – unabhängig von jeder symbolischen oder typologischen Verschlüsselung und damit ungeheuer modern.

Unabhängig von der Frage, ob sich Altdorfers Wandmalereien in einer Badestube befanden, was mit Blick auf die Technik der Seccomalerei und das Fehlen jeglicher Feuchtigkeitsschäden eher unwahrscheinlich ist, ist die Wirkung der Malereien bestechend: Dem Betrachter mussten die lebensgroßen Figuren wie Gestalten der eigenen Lebenswelt erscheinen. In den Raum der gemalten Architektur gestellt, begegnen die Badenden auf Augenhöhe den Blicken, die dem Maler und seinem Auftraggeber bereitwillig in die Welt erotischer Phantasien folgen: In den Räumlichkeiten des Bischofshofs öffnete sich Altdorfers Scheinarchitektur und verwandelte die Putzfläche in einen Ort des Begehrens.

Das Fragment (siehe Foto) gehört so zu einer prunkvollen Bühnenarchitektur, die im monumentalen Format von 3,62 mal 5,08 Metern eine simple Wand in einen Schauraum der Gefühle verwandelte. Auftraggeber dieser Bühnenarchitektur war Johann III., seit 1507 Administrator des Bistums Regensburg, der zeitlebens den Empfang höherer Weihen ablehnte. Seinem Ruf als ‚luxusliebender römischer Lukullus‘ wurde er lieber damit gerecht, dass er bei Altdorfer keine intimen Darstellungen für den persönlichen Gebrauch bestellte, keine unter Verschluss gehaltenen Miniaturen für den anspruchsvollen Kunstkenner, sondern ein wandfüllendes Erotikon. Wurden spätestens seit Boccaccios Decameron erotische Erzählungen als Form niveauvoller Zerstreuung geschätzt, gleicht Altdorfers Malerei allerdings keinem Trostbuch für liebende Damen, wie es noch in der Vorrede des Italieners heißt.

Das monumentale Format der Seccomalerei lässt keinen anderen Schluss zu, als dass der mächtigste Mann des Bistums, Johann III., im halböffentlichen Raum seiner Residenz den Gebrauch der Lüste wandfüllend inszenieren ließ. Ob das, was dort auf den Wänden zu sehen war, auch tatsächlich praktiziert wurde, scheint heute unerheblich. Wir wissen auch nicht, wer einst die Betrachter dieser Wandmalereien waren. Aber es muss sie gegeben haben, all diejenigen, die sich verführen ließen – und noch immer lassen. Die erhaltenen Fragmente der Wandmalereien sind derzeit in der Ausstellung im Historischen Museum zu bewundern.

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