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Kultur
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Ans Festival-Flair könnte man sich gewöhnen

In Regensburg herrschte Theater-Ausnahmezustand. „An dieses Festival-Feeling könnte ich mich gewöhnen“, sagt der Intendant.
Von Marianne Sperb, MZ

Intendant Jens Neundorff von Enzberg mit seinem Kumpel Bugs Bühny: Das Festivalmaskottchen zieht aus dem „Wilden Bayern“ ab. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Herr Neundorff, heute enden die Theatertage. 35 bayerische Theater waren zu Gast. Welche Juwelen haben Sie entdeckt?

Absolut positiv überrascht war ich zum Beispiel von der sängerischen Qualität in „Albert Herring“ aus dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper. Was da an Qualität geboten wird, macht schon sehr gespannt auf das, was diese jungen Künstler noch zeigen werden. „Das Vorsprechen“ von den Kammerspielen fand ich in seiner Form interessant, ebenso „Einer flog über das Kuckucksnest“ vom Theater an der Rott, Eggenfelden. Bei den „Präsidentinnen“ des Volkstheaters München haben mich die schauspielerische Leistung und der Umgang mit dem Text beeindruckt. Aber es ist schwierig, aus der Fülle einzelne Inszenierungen hervorzuheben.

„Gefährliche Liebschaften“ vom Gärtnerplatz war die mit Abstand opulenteste Produktion. Hat das Musical reibungsfrei funktioniert?

Es war erstaunlich, wie gut insgesamt die Übertragungen auf eine andere Bühne in sehr kurzer Zeit geklappt haben. Dass eine Produktion mit mehr als 100 Beteiligten und 47 Drehungen nach einer Probe sitzt: Das ist für mich eines der „Wunder des Theaters“.

Was auffiel: Der Spielplan führte neben rund 50 Inszenierungen auch viel Programm ab 22 Uhr an.

Die Lesung von „Zuagroasten“ aus dem Ensemble, Irrenhaus-Pop mit Gast-Dramaturgin Jana Schulz, Jazz mit Tenor Arpad Vulkan – das Rahmenprogramm war sehr vielfältig. Das war unser Special. So ein Zusatzangebot, von eigenen Künstlern dargeboten, ist bei Theatertagen sonst auf keinen Fall üblich – übrigens von einem Sponsor ermöglicht.

Einführungen und Nachgespräche waren gut besucht. Gibt es einen Hunger nach Reden über das Theater?

Ich denke ja; das merken wir auch bei unseren regulären Gesprächsangeboten über die gesamte Spielzeit. Nach „Gefährliche Liebschaften“ etwa wurde noch bis kurz vor Mitternacht geredet. Bei diesen Gesprächen kommen Publikum und Theaterschaffende in Kontakt. Das wird geschätzt

Wie wurde das Festival angenommen?

Ich könnte mich an so ein Festival-Feeling gewöhnen – das Publikum meiner Meinung nach auch. Das Haus wirkte in diesen zwei Wochen insgesamt noch offener und belebter. Es kamen auffallend viele Kurzentschlossene. Wir haben bis zu 50 Tickets an der Abendkasse verkauft, zu normalen Zeiten sind es circa 20. Bis Donnerstag waren 13 600 Karten gebucht, das sind 76 Prozent Auslastung. Die Prognose bis zum Ende des Festivals: 78 Prozent Auslastung. Das ist der Hammer. In dieser nicht so großen Stadt innerhalb von zwei Wochen knapp 14 000 Menschen ins Theater zu holen, das ist phänomenal.

Wie war die Publikumsstruktur?

Wir hatten außergewöhnlich viele junge Besucher im Haus und auch viele Menschen, die offensichtlich bisher nicht zu den Theaterbesuchern zählten, denn sie kannten sich in den Spielstätten nicht aus.

Die Qualität der Vorstellungen war sehr unterschiedlich. Zwei Inszenierungen hab’ ich in der Pause frustriert verlassen. Ein Festival soll ja auch neues Publikum erschließen. Aber wenn es enttäuscht wird, kommt es vielleicht lange nicht wieder.

Die Theatertage sollen die bayerische Theater-Bandbreite zeigen, interessant und unterhaltsam sein, kein Ranking und keine Leistungsschau. Aus diesem Grund wurde auch eine Fach-Jury abgeschafft, die die vermeintlich beste Produktion auszeichnen sollte. Was hier nicht gefallen hat, läuft an der Heimatbühne oft sehr gut – und bestimmt auch anders herum. Die Häuser machen ja Theater für ihr Publikum.

Eine Jury gibt es ja dennoch: das Publikum. Es konnte für zwei verschiedene Publikumspreise Stimmen abgeben, für Stücke aus dem Abendspielplan und Stücke des Kinder- und Jugendtheaters.

Die Besucher sind unsere größte Jury. Und der Rücklauf der Stimmkarten ist extrem gut, er liegt bei bis zu 90 Prozent. Nach aktuellem Stand bleibt das Rennen spannend bis zuletzt.

Sie kommen gerade von der Jury-Sitzung für den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ und haben sich dafür in den vergangenen Wochen rund 50 Musiktheaterproduktionen angeschaut – eine gute Vergleichsbasis. Wie stehen Ihrem Eindruck nach die bayerischen Häuser in Deutschland da?

Bundesweit für den „Faust“ gesehen gibt es ein für mich nicht nachvollziehbares Ost-West-Gefälle. Und außerdem wird klar: die bayerische Theaterlandschaft ist die reichhaltigste und (noch) nicht existenzgefährdet. Natürlich: In der Qualität der Inszenierungen und bei den Regie-Handschriften gibt es große Unterschiede. Aber dazu dient so ein Festival ja auch: die eigene Arbeit zu überprüfen und nachzudenken, was man ändern möchte.

Welche Rückmeldungen zur Arbeit am Theater Regensburg gab es?

Das Feedback mit Blick auf die Stadt, Atmosphäre beim Festival und auf die Inszenierungen war positiv. Unterm Strich: Wir können uns da sehr gut sehen lassen. Mein größter Dank und Respekt gilt den Mitarbeitern des Theaters Regensburg, die mit größtem Engagement ein wunderbares Festival ermöglicht haben. Das ganze Haus hat Regensburg in ein herrlich „Wildes Festivalbayern“ verwandelt. Ein Dank geht natürlich auch an alle Gast-Theater, die dieses Festival ermöglicht haben und ich bin mir sicher: es waren nicht die letzten Bayerischen Theatertage in Regensburg!Interview: Marianne Sperb, MZ

Kommentar

Eine tragende Rolle

Regensburg hat zwei Wochen lang Theater in all seinen Facetten erlebt: poetisch, hemmungslos, geschichtsbewusst, klug, schrill, in grandiosen Bildern und...

Fakten aus dem Wilden Bayern

  • Die Tradition:

    Regensburg war zum vierten Mal Schauplatz der Bayerischen Theatertage: nach 1998, 2004 und 2010. Gründungsväter des Festivals waren Professor August Everding und Ernst Seiltgen, damals Intendant in Ingolstadt. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, die vielfältige Theaterlandschaft jedes Jahr an einem anderen Ort zu präsentieren. Ab 2017 finden die Theatertage nicht mehr jährlich, sondern alle zwei Jahre statt, so der aktuelle Beschluss der Bayerischen Intendantentagung.

  • Die Jungen:

    „Wildes Bayern“ legte einen Schwerpunkt auf das Junge Theater. 20 der rund 50 Inszenierungen kamen aus der Sparte Kinder- und Jugendtheater. Im Rahmen des Festivals tagte außerdem der Arbeitskreis der Kinder- und Jugendtheater in Bayern. In einer öffentlichen Diskussionsrunde befasste sich der AK mit dem Spannungsfeld von Kunst und Kommerz. Im Zentrum stand der Austausch über die gezeigten Produktionen und die Kür des „Zündstoff“-Preisträgers.

  • Der Dauermodus:

    35 Theater-Ensembles reisten mit rund 50 Inszenierungen in Regensburg an. 700 Theaterleute waren zu Gast. Das Publikum konnte im Hauptprogramm 83 Stunden oder 3,5 Tage nonstop Theater in all seinen Formen erleben: in Schauspiel, Tanz, Musical, Oper, Komödie, Recherche und Reenactment, viele mit Einführung und Nachspiel. Als Special präsentierten die Regensburger Gastgeber ab 22 Uhr Lesungen, Klassik-Karaoke, Jazz, Pop, Disco und Konzert-Kabarett.

  • Die Viecherei:

    Mit Festival-Maskottchen Bugs Bühny – einem verkappten Wolpertinger – begegnete das Publikum im „Wilden Bayern“ einer bunten Menagerie: Kängurus, Paviane, Mufflons, Zebras, Murmeltiere, Bären, Schlangen, Füchse, Hunde, Fische, Wildgänse, Rehe, Pinguine, Maulwürfe, Hühner, Seepferdchen, Holzpferde und Seeungeheuer waren bei den Gastspielen anzutreffen. Mehr als 100 Fahrzeuge schafften geschätzte 375 Tonnen Material und Dekoration nach Regensburg.

Video: MZ

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