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Kultur
Donnerstag, 30. Juni 2016 27° 8

Unesco

Antike Stätten sind in akuter Gefahr

Mechtild Rössler vom Welterbezentrum fordert im Kampf gegen die Zerstörung die Hilfe der internationalen Gemeinschaft.
Von Sabine Glaubitz, dpa

Touristen vor dem berühmten Triumphbogen im syrischen Palmyra, im März 2014: Terroristen des IS sprengten ihn Ende 2015 in die Luft. Weltweit sind antike Stätten in akuter Gefahr. Foto: afp

Paris.Hatra, Mossul, Palmyra: Die drei Namen sind Beispiele für das Weltkulturerbe, das in den vergangenen Monaten von islamistischen Extremisten zerstört wurde. Was kann man zum Schutz tun?

Wir können viel tun, nur brauchen wir dazu die Hilfe aller, anfangen von der internationalen Gemeinschaft bis zum Kunsthandel.

Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren für das Welterbezentrum in Paris, zuletzt als Vizedirektorin. Könnte man das, was im Nahen Osten passiert, als die größte Weltkulturerbekrise bezeichnen?

Die Situation, die wir jetzt erleben, ist dramatisch. Es gab im Nahen Osten noch nie so viele Krisenherde.

Gibt es Prioritäten?

Überall ist Dringlichkeit angesagt. Es wird in einem bislang einzigartigen Ausmaß zerstört und geplündert. Die illegalen Ausgrabungen in Syrien und im Irak etwa sind dramatisch.

Mechtild Rössler, Direktorin des Welterbezentrums in Paris: Sie fordert den Schulterschluss der internationalen Gemeinschaft, um Welterbe zu schützen. Foto: dpa

Können Sie in diesen Ländern noch arbeiten?

Viele unserer Leute sind bei ihrer Mission ums Leben gekommen. In Syrien zum Beispiel können wir nicht mehr arbeiten. Dort agieren wir von Beirut aus. Und im Irak sind wir noch teilweise vertreten.

Was können Sie unter diesen Arbeitsbedingungen erreichen?

Wir können viel tun, wenn wir ein Mandat haben. In Mali konnten wir die im Jahr 2012 von den Islamisten zerstörten Mausoleen wieder aufbauen. In Mali war das Mandat in der UN-Mission verankert.

Der Direktor des Pariser Louvre Museums, Jean-Luc Martinez, hat vorgeschlagen, den durch die Terrormiliz IS bedrohten Schätzen in Frankreich Asyl zu bieten. Was halten Sie von Martinez’ Empfehlung?

Das sind die sogenannten Safe Havens, vorübergehende Zufluchtsorte für archäologische Objekte. Dieser Vorschlag, der in Übereinstimmung mit den jeweiligen Herkunftsstaaten umsetzbar ist, ist nicht unproblematisch. Denn es stellt sich unter anderem die Frage, wie die bedrohten Objekte aus den Ländern herausgeführt werden können. Das ist riskant.

Wäre der Vorschlag mit Hilfe von Militärs umsetzbar?

Reliefs aus Palmyra begehrt

  • Die Welterbewächterin:

    Mechtild Rössler studierte in Freiburg Geographie und Germanistik. 1988 promovierte sie an der Fakultät für Geowissenschaften in Hamburg. Bevor sie 1991 für die Unesco tätig wurde, arbeitete sie unter anderem für das Forschungszentrum „Cité des Sciences et de l’Industrie“ in Paris. 2015 wurde sie zur Direktorin des Unesco-Welterbezentrums ernannt, das seinen Sitz in Paris hat.

  • Bedrohte Kulturstätte:

    Die antiken Ruinen von Palmyra wurden 1980 zum Welterbe erhoben. Seit 2015 ist das Gelände durch IS-Terroristen akut bedroht. Der IS, der aus ideologischen Gründen Kulturgut zerstört, hat bereits mehrere Bauwerke gesprengt. Die UNESCO hat Palmyra auf die rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt. Palmyrenische Grabreliefs sind in Sammlerkreisen sehr gefragt und werden illegal ausgeführt.

Welches Militär führt die Objekte heraus? Und unter welchen Bedingungen bekommen die Museen und Einrichtungen die Objekte wieder zurück? Man muss die Gewissheit haben, dass diese Kulturgüter wieder zurückgeführt werden. Einige Objekte sind auch wichtig für die Religionsausübung. Man kann sie den Menschen nicht einfach wegnehmen. Das sind komplexe Sachverhalte. Viele Experten halten die Lösung, die Objekte in situ, also vor Ort zu schützen, für die beste.

Eine Touristengruppe im Oktober 2009 vor den Tempelruinen im syrischen Palmyra: Terroristen des IS jagten 2015 das Menschheitserbe in die Luft. Foto: dpa

Was ist darunter zu verstehen?

Das heißt, die Kulturgüter bleiben dort, wo sie sind. Ihre Orte werden völlig geheim gehalten. Das trifft bereits für Syrien und andere Gebiete zu.

Wie sieht derzeit die Situation in Syrien und im Irak aus?

Dramatisch sind derzeit die illegalen Ausgrabungen. Wir wissen, dass teilweise auch Archäologen von der Terrormiliz dazu gezwungen werden. Satellitenbilder der archäologischen Stätten zeigen, dass sie mittlerweile aussehen wie ein Schweizer Käse. Durch die Plünderungen verschwindet nicht nur bedeutendes Kulturerbe. Auch ein Teil der Geschichte geht dadurch verloren. Derzeit besteht die Gefahr, dass bedeutsame Objekte aus Palmyra illegal ausgeführt werden. Die Kulturgüter könnten für die nächsten zehn Jahre verschwinden.

Wohin verschwinden diese Kulturgüter?

Sie werden vermutlich über den Libanon oder die Türkei nach Westeuropa geschmuggelt oder in die Golfstaaten oder nach Nordamerika. Die Terroristen arbeiten auf industriellem Level, wie die Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova gesagt hat.

Kann der Kunstmarkt helfen?

Wenn sich der Kunstmarkt an ethische Prinzipien hält, dann ist schon viel gewonnen. Die Provenienz eines Objektes muss geprüft werden, seine Historie. Wir haben intensive Diskussionen geführt und arbeiten jetzt mit dem Auktionshaus Christie’s zusammen.

Was wünschen Sie sich für 2016?

Ich wünsche mir, dass alle mehr Verantwortung übernehmen. Wir können viel tun für den Schutz. Aber wir sind nur so stark wie die Staaten uns stark haben wollen.

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