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Kultur
Sonntag, 19. November 2017 3

Konzert

Ausbrechen aus dem Althergebrachten

Mit dem Konzert im Thon-Dittmer-Palais suchen Musiker aus Syrien, Italien und Regensburg den interkulturellen Brückenschlag.
Von Juan Martin Koch, MZ

Fagottist Ralf Müller spielt, dahinter das syrische Ensemble. Foto: Koch

Regensburg.Erst mal Schuhe ausziehen. Andrea Apostoli weist den Zuhörern – darunter vielen Eltern mit Kindern – im Auditorium des Thon-Dittmer-Palais Plätze zu. Auf wertvollen orientalischen Teppichen darf man es sich gemütlich machen für diese musikalische Stunde der besonderen Art.

Der italienische Flötist und Musikvermittler hat mit „Ad.agio“ ein Konzertformat entwickelt, bei dem Musiker mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund einander begegnen können. Er bittet sie vorab, Stücke vorzuschlagen, die ihnen besonders am Herzen liegen, und stellt diese dann zu einem komponierten Ablauf zusammen. Eine wichtige Rolle spielen dabei – zum Teil mit Publikumsbeteiligung – improvisierte Teile, die einige der Nummern miteinander verknüpfen.

Für das von Miriam Pfad-Eder („KulturGut“) initiierte Konzert hatte Apostoli sich mit dem Klamuki-Ensemble des Fagottisten Ralf Müller, mit dem Percussionisten und Pianisten Martin Kälberer sowie drei syrischen Musikern zusammengetan: Aghiad Al Sagher an der Violine sowie Bashar und Fawaz Alsharany an Oud und Trommel. Und so tauchten die Zuhörer, bei gedämpften Licht von den Musikern umringt, in eine sehr spezielle Stimmung ein.

Die harten Schnitte wirken umso stärker

Ebenso wichtig wie die Konzentration auf einzelne Beiträge, darunter kurze Sätze von Peter Tschaikowsky, Malcolm Arnold oder Gottfried von Einem, wurde die Frage, wie und aus welcher Ecke es danach weitergehen würde. Bei mehrheitlich weichen Übergängen wirkten die harten Schnitte umso stärker: zu einem kraftvollen Solohorneinsatz Karin Albrechts etwa, oder zum Eröffnungsakkord von Chopins Fantaisie-Impromptu, den Pianistin Satomi Nishi exakt in den letzten Schlag einer kraftvollen Djembe-Episode Kälberers hineinsetzte.

Die intensivsten Ensemblemomente kamen aus Syrien, vielleicht gerade deshalb, weil sie in sich geschlossen blieben. Andrea Apostoli hatte gut daran getan, hier nicht den Weg eines harmoniesüchtigen Weltmusik-Crossovers einzuschlagen. Wunderbar wiederum, wie Aghiad Al Sagher, mit seiner Violine mitten im Publikum stehend, über einem kollektiv gesummten Ton improvisierte. Wenn da dann zufällig auch noch eine Anka Draugelates sitzt, kann aus einer kleinen, von allen angestimmten Spottmelodie plötzlich ein vokaler Grenzgang werden. Sie hatte zuvor auch an dem Treffen teilgenommen, zu dem das von Berlin aus agierende „Netzwerk junge Ohren“ Musikvermittler aus Süddeutschland und Österreich eingeladen hatte. Präsentationen unter anderem von der Augsburger Kinderlied-Initiative „Radio Vielfalt“ oder dem Syrischen Friedenschor aus München zeigten den kreativen Ideenreichtum, aber auch die Herausforderungen interkultureller musikalischer Projekte und Konzepte.

Ein musikalischer Integrations-Moment

Auch beim Konzert hätte es in Sachen Spannungsdramaturgie und nonverbaler Kommunikation mit dem Publikum noch ein wenig Luft nach oben gegeben – gleichwohl: Wenn in einem solchen Rahmen ein musikalischer Moment entsteht, wie der, als sich alle singend, spielend und hörend in einen magischen „Circle Song“ über Alexander Borodins berühmte Melodie aus den Polowetzer Tänzen integriert fühlen durften, wird klar: Im Ausbrechen aus den althergebrachten Konzertformen steckt jede Menge Potenzial.

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