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Kultur
Montag, 25. September 2017 20° 3

Land Art

Barfuß über den See

Der Künstler Christo verzaubert den Lago d’Iseo mit schwimmenden Stegen. Wie es sich wohl anfühlt, über Wasser zu gehen?
Von Helge Bendl

  • Christo dokumentiert und finanziert „The Floating Piers (Project for Lake Iseo, Italy)“ durch seine Bilder – zum Beispiel diesem. Foto: André Grossmann © 2014 Christo
  • Christo arbeitet im November 2015 in seinem Studio in New York an einer Zeichnung für sein Projekt „The Floating Piers“, das von 18. Juni bis 3. Juli im Lago d‘Iseo Wirklichkeit wird. Foto: Wolfgang Volz © 2015 Christo

Sulzano.Ganz früh ist das Farbenspiel am schönsten. Wenn die Nacht noch mit sich ringt, ob sie für den Morgen das Feld räumen will, geht es deshalb quer durch den noch schlummernden Ort Sulzano den Hang hinauf – ziemlich steil, weil Gletscher das Tal wie mit einer Diamantensäge ins Gestein der Alpen geschnitten haben. Wenn dann die Sonne über die Gipfel lugt, errötet das Kirchlein, das wie ein Adlerhorst auf der Insel Monte Isola thront, 400 Meter hoch über dem Iseosee. Olivenbäume und Zypressen ergrünen, es leuchten in Pastelltönen die alten Häuser der Fischer im Dorf Peschiera Maraglio, und das Schwarz des Wassers wandelt sich in ein tiefes Blau. Wer auch immer diese Landschaft einst so idyllisch geschaffen hat: Er war ein großer Künstler. Und nun kommt Christo, um sie zu verzaubern.

Der Lago d’Iseo, noch ohne Christo: im Vordergrund liegt Sulzano, rechts die Insel Monte Isola und links das kleine Eiland San Paolo Foto: Wolfgang Volz

Ganz früh wird das Farbenspiel am schönsten sein. Weil erst Morgenlicht den See in Molltönen erleuchtet und dann Winde ins Tal fallen, die kleine Wellen an die auf dem See schaukelnden Stege schwappen lassen. Die Schwimmbrücken sind abgedeckt mit Nylonbahnen, gewebt aus brillant leuchtendem Garn. Wasser benetzt den an ihren abgeflachten Enden sorgsam drapierten Stoff und dunkelt ihn ab. Auf den Entwurfsskizzen, die man im künstlichen Licht von Kunstgalerien und Museen sehen kann, glänzt das nach einem ausgefeilten Muster geraffte und gefaltete Material durch das Wechselspiel gelb-orange wie bei voll erblühten Dahlien. Doch im Original schimmert es unter Italiens Sonne wie flüssiges Gold.

The Floating Piers

  • Termin:

    Christos Installation lässt sich vom 18. Juni bis 3. Juli nur 16 Tage lang erleben - kostenlos und rund um die Uhr (www.thefloatingpiers.com ). Parallel zeigt das Stadtmuseum von Brescia die Ausstellung „Christo and Jeanne Claude: Water Projects“ mit Collagen und Fotos aller großen Kunstevents der vergangenen 50 Jahre (Museo di Santa Giulia, Tel. 0039/030/2977833, www.bresciamusei.com , geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10.30 bis 19 Uhr, Eintritt 10 Euro, ermäßigt 5,50 Euro).

  • Anreise:

    Entspannt und günstig kommt man per Bahn nach Brescia (Europa-Spezial-Ticket ab 39 Euro pro Strecke). Eine Lokalbahn führt von dort am Iseosee entlang nach Sulzano. Oder per Flugzeug von München nach Bergamo oder Verona mit Air Dolomiti (www.airdolomiti.de ) und Lufthansa (www.lufthansa.com ). Tickets kosten ab 200 Euro. Zum Iseosee ist es eine Stunde mit dem Mietwagen: Günstige Angebote bietet Auto Europe (Tel. 0800/5600333, www.autoeurope.de ). Mit dem eigenen Auto schafft man die Strecke bis nach Norditalien je nach Verkehrslage in fünf bis sechs Stunden.

„Floating Piers“ heißt das neueste Projekt von Christo. An diesem Samstag ist es soweit: Aus 200 000 Plastikwürfeln zusammengesetzte Stege führen drei Kilometer übers Wasser des Iseosees, vom Festland in Sulzano hinüber nach Peschiera Maraglio auf Monte Isola und dann weiter zum Inselchen San Paolo, das man komplett umrundet. Nicht nur die schwimmenden Brücken, auch einige Straßen der Ortschaften und das Ufer des Sees werden auf einer Länge von eineinhalb Kilometern mit Stoff verhüllt.

Christo testet seinen Steg – und hat Spaß. Foto: Wolfgang Volz

In seinem langen Künstlerleben hat der 81-jährige Bulgare zusammen mit seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude immer wieder scheinbar Unmögliches möglich gemacht, indem er Bauwerke wie den Berliner Reichstag verhüllte und Landschaften in aller Welt mit Kunst im großen Stil verfremdete. Nun lässt er in seinem ersten Mammutprojekt seit mehr als zehn Jahren Besucher übers Wasser gehen – bitte ohne Schuhe, damit man den Stoff spüren kann. „Es wird nicht nur schön aussehen. Es wird sich auch ziemlich sexy anfühlen: Als ob man auf einem Wasserbett spazieren geht“, sagt Christo. Ein vergängliches Wunder, so wie bei fast allen seinen Ideen für den öffentlichen Raum: Nach wenig mehr als zwei Wochen werden die Stege wieder abgebaut, das Spektakel ist Geschichte.

Wäsche trocknet im Wind, in den Gassen duftet es nach Pastasauce mit getrockneten Sardinen.

Seit die Schnellstraße hoch oben am Osthang des Iseosees verläuft, ist es am Ufer in Sulzano noch ruhiger als früher. Auf Monte Isola sind Autos sowieso tabu: Die 2000 Bewohner der Insel kommen mit dem Moped oder dem Inselbus zu den Siedlungen und zu ihren abgeschiedenen Farmen zwischen Ginsterbüschen und Olivenhainen. Wer an einem normalen Sommertag mit der Fähre nach Peschiera Maraglio übersetzt, flaniert dort durch ein ungeschminktes Dörfchen. Katzen sonnen sich auf Fensterbänken, Wäsche trocknet im Wind, in den Gassen duftet es nach Pastasauce mit getrockneten Sardinen. Auf einem Maultierpfad (doch leider ohne Lastesel) geht es zur über den See wachenden Wallfahrtskirche. Dort ist man mit dem weiten Blick auf See und Berge allein.

Die Insulaner schätzen den Abstand und das kurze Wunder der Nähe

Im Ort gibt es ein paar familiäre Pensionen und die umgebaute Residenz der Adelsfamilie Oldofredi. Einst wurden hier Fischernetze für halb Italien gewebt, doch diese Zeiten sind vorbei, fast alle Einwohner arbeiten jetzt auf dem Festland. Wenn dann doch ein am Holz nagender Hobel zu hören ist, liegt das an Andrea Erchetti, der in fünfter Generation die Tradition des Bootsbaus wach hält: Sein Vorfahre flüchtete einst aus Venedig auf die Insel und erfand hier das Naèt, ein schnelles Fischerboot. Noch heute wird es in Handarbeit gefertigt.

Das Projekt verschwindet, aber die Kunst bleibt: Mit Bleistift, Kohle, Pastell- und Wachskreide, Lack, gezeichneten Karten, Fotos von Wolfgang Volz, Gewebe, Klebeband bewahrt Christo „The Floating Piers (Project for Lake Iseo, Italy)“ für die Zukunft. Foto: André Grossmann © 2014 Christo

„Die Leute auf Monte Isola schätzen es, dass sie auf einer Insel leben, mit etwas Abstand zum Festland“, sagt Alessandra Dalmeri. Die Gemeinderätin musste ihre Wähler beruhigen, als durchsickerte, dass Christo hier seine Floating Piers bauen will. „Die Leute dachten: Oh mein Gott, die Brücken bleiben für immer – und die Leute aus Sulzano können Tag und Nacht zu uns herlaufen!“ Als sich klärte, dass der Künstler das Ganze nur als temporäre Installation konzipiert, war die Zustimmung gesichert. „Wir wissen aber nicht, mit wie vielen Besuchern wir rechnen müssen. Es wird wahrscheinlich ein großes Chaos geben“, meint sie und lächelt. „Ich freue mich trotzdem. Es wird ein fantastisches Chaos! Eigentlich schade, dass es nur 16 Tage sind.“ Der See könne Werbung gut gebrauchen.

Nach und nach verbinden die Planken die Inseln San Paolo und Monte Isola. Foto: Wolfgang Volz

Auch in Sulzano sehen sie Christo als eine Art Messias, der erschienen ist, um den 25 Kilometer langen Iseosee bekannt zu machen. Der liegt nahe der Unesco-Welterbestadt Brescia und nur einen Katzensprung entfernt von den Reben der Franciacorta, wo in den Kellern der Güter einige der besten Schaumweine Italiens in der Flasche reifen. Doch die Idylle der Bergamasker Alpen ist vielen Touristen wohl nicht prickelnd genug, obwohl man hier baden und wandern, segeln und Rad fahren kann. Oder sie kennen den Iseosee einfach nicht. „Uns besuchen bislang nur Eingeweihte“, konstatiert Paola Pezzotti, die rührige Bürgermeisterin des 2000-Seelen-Ortes Sulzano. Nun sorgt Christo dafür, dass die Hotels und Pensionen fast ausgebucht sind. Die 13 Millionen Euro, die sein Projekt wohl am Ende kosten wird, bezahlt er ebenfalls aus eigener Tasche. Der Verkauf seiner Kunstwerke hat alles finanziert.

Bei Setex in Greven wurden die 90 000 Quadratmeter Stoff produziert. Foto: Wolfgang Volz

Im Sommer 2014 bat Franco Beretta die Bürgermeisterin um ein Gespräch. Seiner Familie gehört die 1526 gegründete Waffenmanufaktur, eine Segelschule, sowie die Privatinsel San Paolo. Signor Beretta brachte einen Gast mit, den die Bürgermeisterin noch nicht kannte. „Ein einfacher, netter Mann, mit wildem weißen Haar, voller Energie und Enthusiasmus: Still sitzen konnte er nicht“, erinnert sie sich an die Begegnung. Christo zeigte ihr Skizzen des Projekts und warb um Unterstützung. Paola Pezzotti sagte nicht nur spontan zu, sondern schenkte Christo auch eine Umarmung: „Jahrelang haben wir auf jemanden gewartet, der die Schönheit unseres Sees bekannt macht!“ Der Gemeinderat stimmte einstimmig für das Projekt, innerhalb eines Jahres waren auch alle übrigen Genehmigungen erteilt. Für den verhüllten Reichstag hatte dieser Prozess ganze 24 Jahre gedauert.

Es riecht mal nach Eukalyptus, mal nach „Angel“ von Thierry Mugler – und damit nach Jeanne-Claude, die beide Düfte so liebte.

Doch warum hat Christo gerade den Iseosee ausgewählt? Wer die Antwort auf diese Frage sucht, muss nach New York reisen. Seit über 50 Jahren lebt der Künstler in Manhattan: Sein Haus steht in SoHo, ein paar Schritte vom Broadway. Schmierereien zieren die Fassade mit der roten Feuerleiter, der Laden im Erdgeschoss ist verrammelt. Ein Türschild gibt es nicht, nur einen unbeschrifteten Klingelknopf, damit man den Meister nicht zu oft von der Arbeit abhält. Sein Atelier liegt im vierten Stock, wo der Putz von der Wand bröckelt. Im dritten Stock die Künstlerwohnung und ein Büro. Im zweiten Stock ein Lagerraum, im ersten eine Galerie. Hier riecht es mal nach Eukalyptus, mal nach dem Parfüm „Angel“ von Thierry Mugler – Referenzen an Christos vor sieben Jahren verstorbene Partnerin Jeanne-Claude, die beide Düfte so liebte.

Christo und Jeanne-Claude – und eine 40 Jahre alte Idee

Gemeinsam hat das Künstlerpaar in knapp 50 Jahren etliche spektakuläre Land-Art-Projekte umgesetzt. Ein mehr als zwei Kilometer langer Küstenstreifen bei Sydney wurde Ende der 60er Jahre eingepackt. In Colorado überspannte ein fast 400 Meter breiter und bis zu 111 Meter hoher orangefarbener Vorhang ein Tal. Der „Running Fence“ schlängelte sich 40 Kilometer weiß leuchtend über die hügelige Landschaft Kaliforniens, bis er im Pazifischen Ozean verschwand. In der Biscayne Bay vor Miami waren es elf Inseln, die rosafarbener Stoff umgab. Noch aufwendiger waren die „Umbrellas“: 3100 sechs Meter hohe Schirme, aufgestellt zeitgleich in Kalifornien (gelb) und Japan (blau). Dann kamen 1995 der verhüllte Reichstag und zehn Jahre später das Projekt „The Gates“ in New York, wo 7500 Tore mit safrangelben Schleiern den Central Park verwandelten.

Die 200 000 Würfel aus Polyethylen wurden in einer Fabrik am Lago Maggiore gefertigt. Foto: Wolfgang Volz

„Die Idee, mit Stegen auf dem Wasser zu wandeln, hatten wir schon vor über 40 Jahren. Erst wollten wir sie vor Buenos Aires auf dem Rio de la Plata umsetzen. Doch wie so oft bekamen wir keine Genehmigung. Auch ein zweiter Anlauf in der Bucht von Tokio klappte nicht“, erzählt Christo. Nach dem Tod von Jeanne-Claude machte sich der Künstler mit seinem Team auf die Suche nach einem neuen Ort und wurde in Oberitalien fündig.

„Ich habe es ausprobiert: Es fühlt sich an, als balanciere man auf einem Wal.“

Christo

„Einen besseren Ort als den Lago d’Iseo gibt es nicht: Die Landschaft mit ihren hübschen Dörfern, mit den Villen am Ufer und den Kirchlein ist zauberhaft. Man kann die Floating Piers außerdem von den umliegenden Bergen aus sehen. Doch sie sind kein Gemälde zum Anschauen – man erfährt sie besser am eigenen Leib.“ Wer der Spur des goldgelben Stoffes folgt, wird erst auf festem Untergrund durch die Gassen von Sulzano spazieren, bis plötzlich eine 16 Meter breite Promenade auf den See hinaus führt. „Dann wird es spannend“, lächelt Christo. „Ich habe es ausprobiert: Es fühlt sich an, als balanciere man auf einem Wal.“ Das Wechselspiel aus festem und schwankendem Untergrund setzt sich auch in Peschiera Maraglio fort, bevor es hinausgeht zu Berettas Privatinsel San Paolo.

Filzmatten bedecken die schwimmenden Würfel, bevor sie in gelben Stoff gehüllt werden. Foto: Wolfgang Volz

„Ich bin mit einer Idee gestartet“, sinniert Christo. „Wie wir das Ganze technisch umsetzen, testen wir hinterher.“ Die Ästhetik darf aber nicht leiden. Zwar wäre es einfacher gewesen, die Brücken würden die Orte direkt verbinden. Doch wenn sie abknicken, bietet das bessere Sichtachsen. Damit die Stege trotzdem nicht wegwehen, verankern Profitaucher sie am Seeboden in bis zu 220 Metern Tiefe. „Bei meinem Projekt ist nichts virtuell, sondern alles echt: Der Wind von den Bergen, die Nässe nach einem Sommergewitter, das grelle Licht am Tag, die Kühle der Nacht: All das muss man spüren.“ Deswegen ist auch der Termin der Installation nicht zufällig gewählt: Ende Juni sind die Tage am längsten.

„Auch die Eile macht das Projekt so spannend.“ Christo

Christo wird vor Ort auch kleine Stücke des glänzenden Stoffs als Andenken verschenken. „Doch das Projekt kaufen kann niemand. Nicht einmal ich selbst bin dessen Besitzer.“ Nach 16 Tagen, wenn alles wieder abgebaut und recycelt wird, bleibt von den Floating Piers deswegen nur noch die Erinnerung. Wer die Installation erleben will, muss also bald zum Iseosee. Wer nicht sofort kommt, hat die Gelegenheit verpasst. Christo lächelt schelmisch, denn manchmal hat er den Schalk im Nacken: „Auch diese Eile macht das Projekt so spannend.“

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