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Kultur
Mittwoch, 23. August 2017 27° 1

Ausstellung

Beflügelnde Werke vom Fallensteller

Witz und brutale Wahrheit: Alles geht bei Daniel Spoerri zusammen. Das Kunstforum Regensburg widmet ihm eine Retrospektive.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Ein Stuhl hängt an der Wand, ein Bussard krallt sich an einem Schädel fest: eine der Arbeiten, die Daniel Spoerri auf alten Setzkästen mit Holzlettern entwickelt hat. Foto: altrofoto.de
  • „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, eine Assemblage von 1989, aus der ahlers collection Foto: altrofoto.de / VG Bild-Kunst Bonn 2016 / ahlers collection

Regensburg.Daniel Spoerri – beim Klang dieses Namens haben einige Regensburger den Geschmack von Cappuccino mit Zigarre auf der Zunge, der im Juni 2002 bei einem denkwürdigen Abend als Vorspeise gereicht wurde. Oder sie erinnern sich an eine seltsame Kürbiscremesuppe, die als Dessert auf den Tisch kam. Das Palindromische Bankett, das die Sinne narrte, wurde im Kunstforum Ostdeutsche Galerie serviert und in einem Wohnwagen im Stadtpark gekocht: von Sarah Wiener, die damals noch kaum bekannt war.

Die Entdeckerin der neuen Esslust fand mit dem Kunst-Mahl im KOG ihren Durchbruch, das kann man so sagen. Am Ende des Abends blieb ein Fallenbild von Daniel Spoerri an Regensburg hängen, als Geschenk des Künstlers. Jetzt kehrt der Schweizer aus Wien, oder wie immer man den Kosmopoliten verorten will, zurück ins Kunstforum. Das Haus widmet ihm eine Retrospektive und ehrt ihn am Samstag für sein Lebenswerk mit dem Lovis-Corinth-Preis 2016.

Ein Mahl wird eingefroren im Bild

Fallenbilder markieren den Beginn von Spoerris außergewöhnlicher Karriere. Abgegessene Tische samt Krümeln, Weinflecken, Kippen und allen anderen Zeugen eines Mahls werden fixiert und kommen dann, um 90 Grad gedreht, an die Wand. Fallenbild: Das Wort erinnert an Herunterfallen, weil der Betrachter ja wirklich denkt, die horizontal in den Raum ragenden Teller und Flaschen könnten, der Schwerkraft nachgebend, zu Boden krachen. Tatsächlich knüpft der Begriff an die Situation an: Ein Moment wird eingefroren, die Falle schnappt zu, der Zufall gerinnt zu dauerhafter Form.

Dr. Gerhard Leistner und Dr. Agnes Tieze in der Ausstellung im KOG Foto: altrofoto.de

Die Retrospektive im KOG schenkt den Fallenbildern viel Raum. Die Assemblage von 2002 aus Regensburg ist natürlich dabei, auch einige üppig mit Trödel beladene Tafeln, die Spoerris Sammellust auf Pariser Flohmärkten oder am Wiener Naschmarkt belegen. Ein sehr reduziertes Beispiel ist der blaue Tisch mit der Kerze, die an Spoerris Geburtstag am 27. März 1969 niedergebrannt ist. „Ein Selbstporträt“, sagt Kurator Dr. Gerhard Leistner. Er gibt unserer Zeitung am Donnerstag mit Direktorin Dr. Agnes Tieze einen exklusiven Blick in die Ausstellung. Für Restauratoren sind die Fallenbilder übrigens eine nie endende Aufgabe. Auch Zwei-Komponentenkleber halten schließlich nicht ewig.

Kulinarische Experimente

„Restaurant Spoerri“, eine Tafel von von 1972, erinnert an das Düsseldorfer Lokal oder vielmehr das Ess-Labor, in dem der Begründer der Eat-Art experimentierfreudige Gäste bewirtet hat. Denn Spoerri war in seinem Leben ja vieles: Restaurantbetreiber, Tänzer, Ausstellungsmacher, Regisseur, Akademieprofessor, Schriftsteller, Kunsthändler. Mitbegründer der Gruppe Nouveau Réalisme war er auch. Sie war 1960 angetreten, um der Kunst das Pathos auszutreiben und ihr das vordergründig Banale einzuverleiben.

Die Spannweite von Spoerris Lebenswerk spiegelt sich an zwei Aufnahmen zum Auftakt der Ausstellung. Links hängt ein Bild, das den Künstler 1961 im Hotel Carcassonne in Paris zeigt, noch am Anfang seiner Karriere, rechts ein Foto von 2005: Der Meister, der Kunstgeschichte geschrieben hat, sitzt an einem Tisch, der darauf wartet, zum Fallenbild zu werden. Die Aufnahme ist in Spoerris Skulpturenpark in der Toskana entstanden, auf den ein Film im KOG einen ausführlichen Blick wirft. Eine weitere Spoerri-Basis ist Hadersdorf bei Krems, mit Ausstellungshaus und Restaurant. Eine dritte ist Wien, wo Spoerri heute lebt.

Spoerri erhält Corinth-Preis

  • Der Künstler

    Daniel Spoerri gilt in der Künstlergruppe Nouveau Réalisme als einer der wichtigsten Vertreter der Objektkunst. Als Meister der Assemblage und Begründer der Eat Art schreibt er Kunstgeschichte. Anlässlich der Auszeichnung seines Lebenswerks widmet das Kunstforum Ostdeutsche Galerie dem vielseitigen Grenzgänger eine retrospektive Werkschau (bis 26. Februar 2017).

  • Die Auszeichnung

    Der Lovis-Corinth-Preis wird Spoerri bei der Eröffnung der Ausstellung von KOG-Direktorin Dr. Agnes Tieze und Dr. Wilhelm Weidinger (Verein der Freunde und Förderer des Kunstforums) überreicht: Samstag (22. Oktober, 19 Uhr). Die Laudatio hält Prof. Dr. Wulf Herzogenrath (Akademie der Künste Berlin). Für Kinder gibt es eine eigene Eröffnung: Sonntag (23. Oktober, 10 Uhr).

  • Das Begleitprogramm

    Zur Ausstellung „Daniel Spoerri – Das offene Kunstwerk“ gibt es ein vielteiliges Rahmenprogramm mit Vorträgen, Kunstfrühstücken und Workshops. Führungen sind unter anderem jeden Sonntag (ab 23. Oktober, jeweils 15 Uhr). Dr. Gerhard Leistner führt am 27. Oktober (19 Uhr) und am 19. Januar (19 Uhr).

  • Der Katalog

    Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Wienand Verlag (159 Seiten, zahlreiche Abbildungen); die Museumsausgabe kostet 22,50 Euro. Zu den Leihgebern gehören das Essl Museum in Klosterneuburg bei Wien, die Maria und Walter Schnepel Kulturstiftung in Budapest, das Museum Morsbroich Leverkusen, das Landesmuseum Niederösterreich St. Pölten, das MUMOK Wien und das Ausstellungshaus Spoerri in Hadersdorf am Kamp.

„Das offene Kunstwerk“ heißt die Retrospektive, betitelt nach einem Essay von Umberto Eco. Den Schriftsteller hat mit Spoerri eine ähnliche Haltung verbunden: der Hang zu Spitzfindigkeiten, der Drang zu grenzenloser Kultur, die alle Bereiche des Lebens tränkt, und der Einsatz für die Freiheit der Kunst. Der geplante Dialog Spoerri/Eco, den Gerhard Leistner dem Objektkünstler im Herbst 2015 vorgeschlagen hatte, findet nun nicht mehr statt. Eco starb ja im Februar 2016.

Die Spoerri-Retrospektive durchstreift alle Stationen dieses 86-Jährigen, immer noch außerordentlich produktiven Künstlers. Und immer sind es ganze Werkgruppen, die in dieser reichen, animierenden Ausstellung den Blick anziehen. Die „Prillwitzer Idole“ zum Beispiel: Die Gruppe von Bronzen nimmt den großen Saal ein. Spoerri hat hier falschen Heiligenfigürchen aus dem 18. Jahrhundert ein bizarres Comeback verschafft.

Daniel Spoerri im Kunstforum Ostdeutsche Galerie

Ein Raum widmet sich „Wortfallen“. „Verballhornen“ heißt eine Kugel mit aufgesetztem Kuhhorn. „Auf die hohe Kante legen und immer flüssig sein“ ist ein Münzkasten mit Wasserhahn betitelt. Daneben hängt die Gipsmaske einer Frau; in ihre Augen bohren sich die Schenkel einer Schere, Titel: „Das sticht ins Auge“. Spoerri nimmt die Dinge wörtlich und setzt Sprache ins Bild.

Die „Hutfedern“ sind Schädelspalter: eine Leihgabe von Daniel Spoerri. Foto: altrofoto.de / Daniel Spoerri / VG Kunst und Bild-Kunst Bonn 2016

Aufbewahren, festhalten: Spoerri treibt Erinnerungskultur. Und er betätigt sich als soziokultureller Forscher. In einer Kollektion von Kartoffelschälern etwa schreitet die Entwicklung eines banalen Küchengeräts ab.

Als er sich 1966/1967 aus dem Pariser Kunstrummel auf die griechische Insel Symi zurückzieht, entdeckt Spoerri die Magie der Dinge. Er lädt verachtete Objekte mit Werten auf. Kokosnuss, Rattenschwanz und morsche Taue werden zum Fetisch, zum Kraftspender und Haltgeber vielleicht, in einer Umgebung, die fern von allem Vertrauten ist. Zwei Schritte entfernt steht eine Schar bizarrer Köpfe: die „Hutfedern“. Martialisch geht es da zu. Die Hüte auf hohen Ständern wirken nur auf einen ersten Blick wie das modische Arrangement in einem Schaufenster. Die bizarren Schmuckfedern entpuppen sich nämlich als Macheten, die Köpfe spalten.

Grappa, in Bronze gebannt

Der Besucher passiert am Anfang und am Ende der Schau einen Stuhl mit Schuh und Kuhschädel. Mit „Santo Grappa“, seiner ersten Bronzeskulptur, wollte Spoerri 1970 den Dämon Alkohol bannen. Im Wein und im Tresterschnaps liegt eben nicht nur Wahrheit, sondern auch die Möglichkeit von Weinen und Absturz.

Aus einer altertümlichen Schreibmaschine quillt Brotteig. Auf einem Setzkasten mit Holzlettern thront ein Stuhl, ein Bussard klammert sich da an einen Schädel. Auf einem Waschbrett frisst ein Piranha Menschenköpfe. Aus Blechgirlande, Propellerlüfter, Reitstiefel und Karrussell-Fragment entsteht „Das rote Pferd“. Und im „Anatomischen Kabinett“ ziehen Schraubschlüssel an einem Gehirn eventuell lockere Schrauben fest.

Spoerris Werk führt in ein brodelndes Universum. Da wird getarnt und offenbart, verkleidet und decouvriert auf Teufel komm raus, oft humorvoll und manchmal voll brutaler Wahrheit. Aus realen Dingen wird Täuschung konstruiert, aus der Enttäuschung wächst Erkenntnis und in der Fallhöhe dazwischen liegt ein überraschender, befreiender Witz. Der Besucher, der durch diese wunderbare Ausstellung geht, wird oft lachen.

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