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Kultur
Montag, 29. August 2016 33° 8

Fotografie

Bilder einer saphirkalten Welt

Im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie kann man bis zum 15. Juni das Werk des Fotografen Detlev Orlopp durchstreifen.
Von Ulrich Kelber, MZ

Auch so eine „Lichtzeichnung“: Schlicht „31.10.2001“ heißt diese Fotografie.Foto: Folkwang Museum/Detlef Orlopp

Regensburg.„Mit jeder Fotografie, die ich mache, gebe ich der Erde die Erde zurück.“ Dieser Satz, in großen Lettern zitiert auf einer Schrifttafel, bildet den Schlusspunkt der neuen Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie, die unter dem etwas widersprüchlich anmutenden Titel „Nur die Nähe – auch die Ferne“ das Werk des 1937 geborenen Fotokünstlers Detlef Orlopp vorstellt.

Aber die Erde, die Orlopp zeigt, ist unwirtlich, ist biblisch „wüst und leer“. Nur auf wenigen Fotos sind Spuren von Vegetation zu erkennen. Man sieht zerklüftete Karstlandschaften, bizarre Felsformationen, gewaltige Gletscher und immer wieder Wasser und Meer, mal aufgewühlt vom Sturm, mal leicht von sanfter Brise gekräuselt mit einem gleichförmigen Rhythmus der Wellen. Es gibt keine Farbe, Orlopp setzt bis heute ganz auf analoge Schwarz-Weiß-Fotografie und verwendet dabei ein eher ungewöhnliches nahezu quadratisches Format. Wenn er seinem berühmten Lehrer Otto Steinert, bei dem er ab 1956 in Saarbrücken und dann an der Folkwangschule in Essen studierte, nicht beim Weg zur „Subjektiven Fotografie“ folgte – die Strenge der Form und die bis ins Extrem geführte Kontraststeigerung übernahm er doch.

Im Blick: Strukturen und Kräfte

Nur in frühen Arbeiten Orlopps lässt sich der geographische Ort konkret benennen: die Lavendelfelder und die Weinberge der Provence, die Felsküste an der kroatischen Adria. Später „anonymisiert“ er seine Fotos, macht sie zu einer Art „Bilderrätsel“, nur noch eng begrenzte Ausschnitte sind zu sehen, Naturdetails ohne Himmel. Es geht ihm um die Strukturen und um die Kräfte, die sie erzeugt haben. Er zeigt, wie die Erosion die ursprüngliche Landschaft verändert hat, zeigt an den Brüchen, Faltungen und Kanten von Bergmassiven, welche Gewalten bei der Entstehung der der Alpen und anderer Gebirge wirkten.

Führung mit dem Künstler

  • Der Künstler:

    Detlef Orlopp wurde 1937 geboren, bis 1944 verbrachte er seine Kindheit in Saalfeld am Ewingsee (Ostpreußen). Heute lebt Orlopp in St. Goar am Rhein. Ab 1961 lehrte Detlef Orlopp an der Werkkunstschule im nordrheinwestfälischen Krefeld, von 1973 bis 2000 war er Professor an der Fachhochschule in Krefeld.

  • Die Ausstellung:

    Die Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie wird heute, Freitag, um 19 Uhr eröffnet. Eine Einführung gibt Kurator Florian Ebner vom Museum Folkwang. Zu sehen ist die Werkschau bis 15. Juni. Es gibt einen umfangreichen Katalog. Am Samstag, 5. März, um 11 Uhr führt Detlef Orlopp persönlich durch die Ausstellung.

Und er spürt seriellen Mustern nach: den vom Wasser ausgewaschenen Karstrinnen, der Spaltenbildung der Gletscher, den Felsschichtungen. Immer geht es auch darum, wie sich durch wechselnden Lichteinfall die visuelle Wirkung verändert. Als „Lichtzeichnungen“ und ein „Meer aus Strichen“ bezeichnet der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott deshalb in seinem Katalogbeitrag die Fotografien Orlopps. Von der „Saphirkälte“ seiner Bilder spricht auch der Künstler selbst, um damit ihre Stille und ihren analytischen Ansatz zu charakterisieren.

„Kristin, 1958“ heißt dieses Porträt. Foto: Folkwang Museum/Detlef Orlopp

Tatsächlich scheint sich Orlopp nicht allein für die Fotografie sondern auch brennend für die Entwicklungen in der Malerei interessiert zu haben. Der „abstrakte Expressionismus“, den er Ende der 50er Jahre bei der „documenta“ und in Paris kennenlernte, habe für ihn, so heißt es, große Bedeutung gehabt. Anklänge und Parallelen zur Malerei sind häufig in Orlopps Foto-Arbeiten zu spüren. Ausstellungskurator Florian Ebner nennt dabei die „Gruppe Zero“, Minimal Art, Land Art oder auch Konkrete Kunst.

Flirrendes Licht: „1.8.1988“ Foto: Museum Folkwang, Essen/Detlef Orlopp

Die Ausstellung macht sehr schön deutlich, wie konsequent Orlopp seinen Weg gegangen ist. Am Anfang gibt es eine locker und spontan wirkende Foto-Serie mit Musikern von Sidney Bechet bis Ella Fitzgerald. Aber bald bricht eine Vorliebe für klaren Rhythmus und formale Strenge durch. Das zeigt sich dann auch bei einem vorwiegend in den 60er und 70er Jahren entstandenen Porträt-Zyklus, darunter die Künstlerin Meret Oppenheim oder der Galerist Otto van de Loo. Immer sind es ernste Gesichter ohne einen Anflug von Lächeln, so kühl inszeniert wie die Landschaften.

Der Kurator ist Regensburger

Der Dichter Helmut Heißenbüttel beschreibt das – wie immer ohne Rücksicht auf Syntax – folgendermaßen: „Detlef Orlopp macht keine Schnappschüsse Detlef Orlopp fotografiert keine Anekdoten nichts Idyllisches … was ihn interessiert ist das Bild das seine Arme weit ausstreckt Felsen oder Gesicht Schluchten des Felsens oder Schluchten des Gesichts Höhlen des Felsens oder Höhlen des Gesichts…“ Mensch und Landschaft sind untrennbar verbunden.

Schroffe Strukturen: „4.9.1967“ Foto: Museum Folkwang, Essen/Detlef Orlopp

Schon vor drei Jahren waren im Kunstforum einige Arbeiten Orlopps zu sehen, bei der Präsentation der Sammlung Riese. Dass jetzt die rund 160 Werke umfassende Retrospektive, die zunächst im Museum Folkwang in Essen zu sehen war, nach Regensburg kommt, ist Florian Ebner zu verdanken, der die Ausstellung auch kuratiert hat. Ebner, der die fotografische Sammlung des Museum Folkwang leitet, wurde 1970 in Regensburg geboren. So wusste er natürlich, dass der in Elbing in Westpreußen geborene Orlopp genau zum Programm der Ostdeutschen Galerie passt. Ebner ist ein Mann, auf dem man in seiner Heimatstadt stolz sein kann. Er ist heute ein renommierter Ausstellungsmacher. Seine Krönung bisher: Die Gestaltung des Deutschen Pavillons bei der Biennale 2015 in Venedig.

Weitere aktuelle Ausstellungskritiken finden Sie hier!

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