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Kultur
Freitag, 20. Oktober 2017 19° 3

Ausstellung

Bis in jede Faser politisch

Schnittmuster zwischen Diva und Dirndl: Das Augsburger tim zeigt, wie stark Politik und Alltag verwoben waren.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Dr. Karl Borromäus Murr, Leiter des Textil- und Industriemuseums in Augsburg, vor eleganten Roben aus den 1930er Jahren: Während Deutschland gegen Frankreich hetzte, kauften NS-Bonzen im großen Stil in Paris ein. Foto: Sperb
  • Ein Abendkleid aus Goldlamee mit Fuchskragen aus den 1930ern: Während NS-Ideologen gegen Frankreich hetzten, kauften NS-Bonzen im großen Stil in Paris ein.Foto: Jürgen Hoffmann, © LVR-Industriemuseum
  • Das Hängerkleid der 1920er war in den 1930ern passé: Frau zeigte wieder Rundungen. Filmstars, Parteigrößen und Gesellschaftsdamen trugen die neue Mode: fließende Stoffe im Schrägschnitt und reiche Garnituren.
  • Ein Wintermantel, aus einer umgenähten und umgefärbten Wehrmachtsuniform geschneidert: Im entnazifizierten Deutschland wurde jedes Fitzelchen Stoff genutzt. Foto: Sperb
  • Unverfälschte Tracht, regional verwurzelt und oft auch von religiöser Konfession geprägt, passte den NS-Ideologen nicht ins Konzept. Das Klischee von der deutschen Gretel im Dirndl wurde unter anderem von der US-Filmindustrie mitgeprägt. Foto: Sperb

Augsburg.Das Haar zum Gretelzopf um die Stirn gelegt, am Körper Tracht: So ähnlich schaut die Frau in der NS-Zeit in der Vorstellung aus. Ein Trugbild. Tatsächlich zeigen historische Dokumente moderne, schlanke Frauen und schicken Kleidern.

Die Ausstellung „Glanz und Grauen“ im tim, dem Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg, räumt mit Klischees über Mode im „Dritten Reich“ auf und rüttelt Schubladen kräftig durch. Tracht zum Beispiel: „Sie war gar nicht so sehr verbreitet, wie wir heute denken“, sagt Museumsleiter Dr. Karl Borromäus Murr. „Jedenfalls wenn wir nicht von Landhaus-Mode sprechen. Das Dirndl ist eher das Pop-Phänomen.“

Tracht passte den NS-Ideologen nicht ins Konzept. Regional verwurzelt, verbunden mit einer speziellen Identität und oft auch mit einer religiösen Konfession, stand sie konträr zum NS-Ziel, Gruppen-Identitäten aufzulösen und alle Deutschen zu einer Volksgemeinschaft zu verschmelzen. Und: Die Idealfrau der NS-Zeit war nicht drall, mit „Holz vor der Hüttn“, sondern schlank und sehnig. Das Windhund-Körperbild dominierte. Tracht-Träger drückten also eher Eigenwilligkeit aus als eine Willfährigkeit, sich ins NS-Bild einzugliedern.

Tristesse im Alltag, Luxus im Kino

Es gibt keine Privatheit. Du bist immer politisch, beansprucht von einem Staat, der immer und überall Zugriff auf dich hat: Robert Ley, Führer der deutschen Arbeiterfront, postulierte klar die Linie. „Die NS-Ideologie hat den Alltag durchdrungen, bis zum letzten Kreuzstich, bis in jedes Detail“, sagt Karl B. Murr bei einem Rundgang im tim. Die These lässt sich Schritt für Schritt abschreiten in der opulenten Ausstellung, übernommen vom Landschaftsverband Rheinland, angereichert durch das Augsburger Haus. Auf 1000 Quadratmetern sind Dirndl und Ledermantel, Abendrobe und Kinderschürze, Spenden-Abzeichen und HJ-Schartuch als Seismograph ihrer Zeit und als Ausdruck politischer Haltung zu erleben.

Am Gretel-Klischee nähte die US-Filmindustrie kräftig mit. Daneben gab es auch die deutsche Diva, Zarah Leander und andere Ufa-Größen. Während Gretel das Sehnen nach Heimat spiegelte, nach einem Nahraum, in dem die Welt scheinbar in Ordnung war, verkörperten die Stars internationales Flair, Modernität und Luxus – das Antibild in einer Zeit, die von Mangel geprägt war. „Gretchen mag’s mondän“ hieß der Titel einer Ausstellung im Stadtmuseum München, die 2015 Damenmode der 1930er Jahre untersuchte. Das tim schürft in „Glanz und Grauen“ tiefer und dröselt den Alltag auf. Die Ausstellung bleibt ohne moralischen Zeigefinger. Sie zeigt: Es ist Zeit, neue Fragen zu stellen. Wie weit reichte der Arm der Nazis ins Privatleben? Wie politisch war Mode?

Die Schürze war allgegenwärtig

Die NS-Zeit besaß moderne Züge. Sie war offen für technische Neuerungen, Hitler, der Vegetarier, und NS-Bonzen, die auf Landgütern einer Agrarromantik anhingen, stehen für den Öko-Trend, den wir gern für eine Errungenschaft unserer Zeit halten. Und modern war auch: Jugend rückte in den Mittelpunkt. „Der Nationalsozialismus war in gewisser Weise eine Jugendbewegung“, sagt Karl B. Murr vor Puppen mit der Kleidung der Hitlerjugend. „Man dachte, man kann Jugend total umerziehen, braun waschen.“

Das Frauenbild wandelte sich. Auftakt der Ausstellung sind Frauen zwischen Nähtisch, Schreibmaschine und Drehbank. Ein Wandteppich zeigt die Frau als „Lebens-, Kampf- und Arbeitsgefährtin des Mannes“. Das Bild vom Heimchen am Herd wurde konterkariert durch Frauen im Beruf. Kriegsvorbereitungen und Krieg gaben emanzipatorischen Auftrieb – auch wenn Kinderkriegen die wichtigste Aufgabe blieb.

Das Spardiktat der 1930er Jahre mit ihren Millionen Arbeitslosen gebot: Kein Fitzelchen Stoff durfte verlorengehen. Mangel bedeutete: Was ich habe, muss ich schützen. Die Schürze war allgegenwärtig, selbst die Kleinsten, Kinder von drei oder vier, tragen sie. Teure Importe von US-Baumwolle, der „Devisenverschlingerin“, wurden gedrosselt, um Geld für Rüstungsimporte zu haben. Schon ab 1934 galten einschneidende Vorschriften. Produzenten mussten der Baumwolle Zellwolle beimischen. Die Mäntel, die im tim zu befühlen sind, kosteten die Hälfte des Jahresguthabens an Punkten auf der Reichskleiderkarte, die ab 1939 galt. Aber sie wärmten nicht.

Lässig gerollt statt straffgezogen

Später wurden sogar Säcke aufgetrennt, um aus dem Material Tragbares zu nähen. Und statt raren Leders probierte man Kunststoffe für Schuhe aus. Auf der „Schuhprüfstrecke“ im KZ Sachsenhausen, die die Ausstellung nachstellt, mussten Häftlinge, bis zum Erschöpfungstod, auf diversen Bodenbelägen die Tauglichkeit der Mixmaterialien prüfen.

Das Bild auf der Straße, diesem textilen Lesebuch, in dem Menschen soziale Codes zeigten, war von Uniformen dominiert. Die Reichszeugmeisterei gab für alle Verbände Vorschriften aus; das Regime achtete manisch darauf, dass niemand aus der Reihe tanzte. Die Hitlerjugend trug Schartuch mit Lederknoten um den Hals. Stramme Nazijungs trugen straff gezogene Kniestrümpfe. Die christliche Jugendbewegung zeigte ihren Code dagegen mit bis zum Knöchel heruntergerollten Strümpfen. Die Swings, mit Anzug, Krawatte und Schal, standen für Eleganz und Leichtigkeit. Sie liebten die offiziell verpönte „Negermusik“ Swing, und sie kleideten sich nicht nur widerständig, sie zeigten ihre Haltung auch: lässig, Schultern entspannt, wie Fotos im tim belegen, konträr zu den aufrechten HJ-Recken.

Mode-Vorbilder lieferten Zeitschriften wie „NS-Frauenwarte“, „Deutsche Modezeitung“ oder „die neue linie“. Sie gaben Tipps, wie aus nichts etwas zu zaubern war. Kleider in kontrastierenden Stoffen im tim stehen für die geschickte Frau, die aus zwei abgetragenen Kleidern ein „neues“ schneidern konnte. Wer keinen Mangel litt, sich aber solidarisch zeigen wollte, trug eben aufwendige Kleider aus zweierlei Stoffen und signalisierte so: Schau, die Frau kann sich helfen.

Eine zweite Quelle für Vorbilder war das Kino mit seiner luxuriösen Ersatzwelt. Im Gegensatz zur grassierenden Tristesse sah der Zuschauer hier Kleidung, die verschwenderisch in Stoffkaskaden schwelgte – bis Reichspropagandaminister Joseph Goebbels schließlich drängte, etwas kürzerzutreten. Marika Rökk nähte sich also 1944 im Film „Die Frau meiner Träume“ aus einem Duschvorhang im Handumdrehen eine Bluse. Und Zarah Leander zeigte mit Turban, dass auch eine Diva Sinn fürs Praktische haben konnte.

Ein roter Vorhang trennt im tim die Welt der oberen 10 000 ab. Den Luxus, mit dem die Bonzen unter sich blieben, dokumentieren Pelze, bestickte, mit Strass besetzte Schuhe oder Straußenfeder-Fächer. Während Deutschland gegen Frankreich agitierte, kauften NS-Größen wie Magda Goebbels und Reichsminister Hermann Göring, dessen Fantasie-Uniformen legendär sind, im großen Stil in Paris ein:

Abendrobe und Notgarderobe

  • Museum:

    Das Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) vermittelt auf 2500 Quadratmetern Textilgeschichte von 1600 bis heute in den historischen Hallen der ehemaligen Kammgarnspinnerei, Info: www.timbayern.de

  • Ausstellung:

    Die Ausstellung „Glanz und Grauen – Mode im Dritten Reich“ (bis 22. Oktober) stellt Klischees in Frage. Elegante Roben, Dirndl oder Uniformen, vor allem aber Alltagskleidung und Notgarderobe im Nationalsozialismus sind zu sehen.

  • Epoche:

    Die NS-Zeit ist so gut wie keine andere historische Epoche erforscht, aber mit der Frage nach der Kleidung hat sich bislang kaum jemand befasst. Die vielen Mythen, die entstanden sind, entlarvt die Ausstellung ideologiekritisch.

Mode unter dem NS-Diktat

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