mz_logo

Kultur
Sonntag, 18. Februar 2018 3

Film

Blut, Schweiß und Tränen reloaded

Joe Wrights „Die dunkelste Stunde“ ist ein fesselndes Drama und ein Porträt des Mannes, an dem sich Hitler die Zähne ausbiss.
Von Helmut Hein

Gary Oldman brilliert als Winston Churchill in „Die dunkelste Stunde“: Der Film ist seit Donnerstag in den deutschen Kinos zu sehen. Foto: Jack English/Universal Pictures International/dpa

Regensburg. Dieser Mann verbringt seine Tage am liebsten im rosa Schlafrock im Bett, frühstückend und Champagner schlürfend, später dann Konfekt naschend und Whiskey trinkend, immer die große Zigarre im Mundwinkel, lesend und schreibend. Selbst seine Minister empfängt er gern in bequemer Position in seinem Schlafzimmer. Sport und andere Vorlieben der englischen „upper class“ verabscheut er. Als Hitler erfährt, dass dieser Mann, den seine zartgliedrige Frau Clementine (Kristin Scott Thomas) zärtlich und ziemlich zutreffend „Pig“ („Schwein“) nennt, den schneidigen Herrenreiter Neville Chamberlain als Premierminister beerbt, weiß er, dass er verloren hat.

„In dunkelster Stunde“ wird sich Winston Churchill, der schon geschlagen scheint, mit seinem Volk während einer (fiktiven) U-Bahn-Fahrt beraten, und als ihm die ganz Alten und die ganz Jungen, die Weißen und die Schwarzen, die Männer und die Frauen erklären, dass sie immer kämpfen – und sei es mit einem Besenstiel – und niemals aufgeben werden („Never! Never!“), da werden seine Augen mehr als nur feucht. Ein Mädchen fragt ihn: „Weinen Sie, Sir?“ und er antwortet: „Ich weine gern und viel.“

Befragt, was denn seine größten Tugenden seien, meint er nur: eine tiefe Skepsis und ein eiserner Wille – den man hinter diesem runden Gesicht und schwammigem Körper gar nicht vermuten würde. Gary Oldman verkörpert diesen Winston Churchill so überzeugend, dass er völlig zurecht den Golden Globe erhielt und auch als Favorit ins Oscar-Rennen geht.

Warum soll ich das machen?

Aber man fragt sich doch: Warum Churchill? Warum gerade jetzt, wenige Monate nach Christopher Nolans „Dunkirk“, der im Grunde das Gleiche erzählt: die drohende Vernichtung der gesamten britischen Armee an der französischen Ärmelkanalküste – und ihre wundersame Rettung. Wenn wir uns eine weit zurückliegende Geschichte immer wieder vor Augen führen, dann hat das meist mit unserer Gegenwart zu tun; und die ist für das einst so große Britannien düster, nicht nur wegen des bevorstehenden Brexits.

Joe Wright ist weit mehr als nur ein versierter Kino-Handwerker – das ist er auch – und sein Drehbuchautor Anthony McCarten ein gewiefter Historien-Experte, der zusammen mit dem Drehbuch gleich noch ein Sachbuch verfasste. Aber was treibt sie an, was ist ihre Botschaft? Wären sie Amerikaner, würde sie wohl lauten: „Yes, we can“. Aber das ist einem Bewohner der alten Welt dann doch zu pathetisch. Er überlegt lieber, was möglich ist.

Nicht möglich ist, was die furchtsamen Herrenreiter im Kriegskabinett wollen: eine als „Frieden für unsere Zeit“ getarnte Kapitulation, für die der Ex-Premier Chamberlain und Lord Halifax so beredt eintreten. Churchills klare Antwort: „Man kann nicht mit dem Tiger verhandeln, wenn der eigene Kopf in seinem Maul steckt.“

Churchill macht sich keine Illusionen, warum man Anfang Mai 1940 ausgerechnet ihm den verdammten „Job“ anträgt, obwohl doch selbst der König anfangs an ihm zweifelt: Weil er schlechte Manieren hat und das militärische Desaster vor Gallipoli ein Vierteljahrundert zuvor wie ewiges Pech an dem damaligen Ersten Lord der Admiralität haftet. „Weil das Schiff schon sinkt“ – und weil man ihm den Untergang in die Schuhe schieben möchte.

Es gibt das Wunder von Dünkirchen. Es gibt aber auch das Wunder dieses Films: Dass es Joe Wright gelingt, aus einer Abfolge klaustrophobischer Innenraum-Situationen, die nur gelegentlich von zeitlupenhaft-verlangsamten Straßen-Szenen unterbrochen werden, ein fesselndes Drama zu machen. Obwohl doch den Ausgang der kleinste Blick in die Geschichtsbücher verrät, folgt man gebannt dem Geschehen. Das hat viel mit dem Zauber dieser Hauptfigur zu tun, die längst zum Mythos geworden ist. Churchill verspricht den eben noch verängstigten Massen nur eins: „Blut, Schweiß und Tränen“ und macht ihnen so Mut. Diese Rede hat selbst seine Nazi-Gegner so beeindruckt, dass ihm Reichspropagandaminister Joseph Goebbels für seine berüchtigte Sportpalast-Rede („Wollt ihr den totalen Krieg?!“) das Skript klaute.

Kein Mann zum Kuscheln

Warum fürchten alle diesen fetten, alten Mann: Hitler, seine politischen Rivalen, sogar der König; nur seine Frau nicht? Weil sie spüren, dass er keine Angst vor dem Verlust hat; dass er bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen. Ein Politiker zum Kuscheln ist dieser Mann nicht; vielleicht einer zum Anlehnen. Weil jeder, der ihn reden hört, den Eindruck gewinnt, das Schlimmste schon hinter sich zu haben.

Hitler ist in diesem Film permanent präsent – durch Abwesenheit. Wright und McCarten sprechen es nie direkt aus, aber es wird in vielen kleinen Details deutlich, was Hitler, diesen „Höllenhund“, so sehr erschreckt, wenn er an Churchill denkt: dass sie Brüder sind. Beide verachten das „Establishment“ und seine Regeln, beide sind Bohemiens und „Künstler“ (Churchill erhielt 1953 den Literaturnobelpreis), beiden ist Todessehnsucht oder zumindest -bereitschaft nicht fremd. Zumindest als Option. Nur dass Hitler zum größten Massenmörder der Geschichte wurde und Churchill, bei aller Härte, Humanist blieb.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht