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Kultur
Dienstag, 21. November 2017 5

Roman

Buch der Saison: Underground Railroad

Colson Whiteheads preisgekröntes Werk führt zu den Wurzeln der USA. Selbst Barack Obama nahm es mit in seinen Sommerurlaub.
Von Fred Filkorn, MZ

Das Buchcover Foto: Verlag

New York.Als Anfang August diesen Jahres der Stadtrat von Charlottesville im Bundesstaat Virginia beschließt, eine Statue des Südstaaten-Generals Robert E. Lee abzubauen, versammelte sich eine unheilige Allianz aus Rechtsradikalen, Ku-Klux-Klan-Anhängern und Alt-Right-Parteigängern, um gewaltsam dagegen zu protestieren. David Duke, ehemaliger Anführer des Klans, teilte vor Ort mit: „Das ist, warum wir Donald Trump gewählt haben. Weil er gesagt hat, dass er uns unser Land zurückgibt.“

Die nationalistischen Geister, die der 45. Präsident der Vereinigten Staaten rief, wird er nun nicht mehr los – so er dies überhaupt möchte. Die gesellschaftliche Spaltung reicht tief im „Land of the Free“. Das historische Erbe der Sklaverei nagt am Selbstverständnis einer Nation, die immer noch von todbringenden Übergriffen weißer Polizisten erschüttert wird, die ungestraft wehrlose Afroamerikaner erschießen. Auch heute noch weht über manchem Rathaus oder Gemeindezentrum im tiefen Süden der USA die Konföderierten-Flagge, die für das rassistische Sklavenhaltersystem steht.

Mit seinem Roman „The Underground Railroad“ greift der in New York geborene 48-jährige Colson Whitehead ein aktuelles Thema auf. Die bewegende Geschichte über die Flucht einer jungen Sklavin aus den Südstaaten der USA startet mit einigen Vorschusslorbeeren in unseren deutschen Lesesommer.

Empfehlung von Obama

Das 350-Seiten-Werk erhielt mit National Book Award und Pulitzer-Preis die beiden renommiertesten Literaturauszeichnungen der USA. Was für den Verkaufserfolg aber noch wesentlicher gewesen sein dürfte: Das Buch landete auf der Empfehlungsliste der einflussreichen Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey und wurde von Barack Obama mit in den Sommerurlaub genommen.

Im Mittelpunkt des Geschichte steht Cora, die Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Baumwollplantage in Georgia ein entbehrungsreiches Dasein fristet. Rückblicke werfen Schlaglichter auf die Lebensläufe ihrer Großmutter Ajarry, die aus Afrika nach Nordamerika verschleppt wurde, und Mutter Mabel, der als Einziger die Flucht von der Plantage gelang. Das Geheimnis, was aus der Mutter wirklich wurde, lüftet Whitehead nur nach und nach. Ähnlich wie die 1970er-Jahre Fernsehserie „Roots“, hält auch „Underground Railroad“ einige erhellende Erkenntnisse über das Funktionieren des Sklavenhaltersystems parat. Der namenlose Sklave bekommt durch sie ein Gesicht, ihre Fluchtgeschichte begleitet der Leser mit Empathie.

Lesen Sie auch: Sein Sklavenroman „Underground Railroad“ ist in diesem Jahr zu einem der bedeutendsten Werke geworden. Jetzt äußert sich Autor Colson Whitehead zu den den Ereignissen in Charlottesville. Dabei stellt er einen geschichtlichen Vergleich an.

Nicht alles entspricht den historischen Gegebenheiten und ihrer zeitlichen Einordnung, doch Whiteheads Motto lautete: „Halte dich nicht an Tatsachen, sondern an die Wahrheit.“ Der Autor spitzt zu und fasst zusammen, um Strukturen aufzuzeigen. Brutale Bestrafungen für die kleinsten Verfehlungen, sexuelle Ausbeutung, das systematische Auseinanderreißen von Familien, die bewusste Vorenthaltung von jedweder Bildung gehören zu einem System, das nicht nur das Opfer, sondern auch den Täter brutalisiert.

Übles Überwachungsregime

Auf ihrer Flucht in den Norden lernt Cora vier unterschiedliche Bundesstaaten kennen. Die Abschaffung der Sklaverei vor Augen, versuchen diese mit jeweils eigenen Methoden dem Bevölkerungszuwachs der schwarzen Population Herr zu werden. In der spannungsreichsten Episode erschließt sich Cora erst nach und nach, was hinter der oberflächlichen Menschenfreundlichkeit South Carolinas steckt, das mit wissenschaftlich verbrämten Maßnahmen der Zwangssterilisation und Geburtenkontrolle Grundzüge eines totalitären Staates aufweist. Ein übles Überwachungsregime herrscht auch in North Carolina, wo sich Nachbarn gegenseitig bespitzeln und denunzieren, was zu einem generellen Vertrauensverlust und einer Herrschaft der Angst führt. Das Kapitel, in dem sich Cora über Monate hinweg auf einem Dachboden versteckt halten muss, hat der Autor mit der Leidensgeschichte von Anne Frank im Hinterkopf geschrieben.

Whiteheads Roman erfährt derzeit auch deshalb so viel Zuspruch, weil er seiner Geschichte ein phantastisches Element beigefügt hat. Eigentlich war die historische „Underground Railroad“ ein klandestines Netzwerk von geldspendenden Abolitionisten und waghalsigen Fluchthelfern, das Sklaven zur Flucht in den Norden verhalf.

Whitehead hat daraus eine real existierende Untergrundbahn mit Lokführern, Schaffnern und Stationsvorstehern gemacht, deren Zugänge freilich nur schwer zu finden sind. Und am Ende muss sich Cora ihren eigenen Weg bahnen, um endlich die ersehnte Freiheit zu erlangen. Zusammengefasst: Eine Coming-of-Age-Geschichte unter extrem erschwerten Bedingungen.

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