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Geld

„Das Einzige, was stört, sind Besucher“

Subventionen machen Theater lernfaul und die Kunst nicht reicher, ist überspitzt die These von Armin Klein.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Das Theater am Bismarckplatz, meistens gut gefüllt. Die rund 640 Vorstellungen der Spielzeit 2015/2016 waren zu 84 Prozent ausgelastet, die Besucherzahl stieg von 174 182 (2014/2015) auf 180 268. Foto: J. Quast
  • Professor Armin Klein: Er ist Mitautor von „Der Kulturinfarkt“. Am 25. Oktober wird in der MZ über seine Polemik diskutiert – bei einem Abend des Theaters Regensburg. Foto: studio visuell photography

Regensburg.Professor Klein, Sie haben mit drei Kollegen „Der Kulturinfarkt“ geschrieben, Untertitel: „Von allem zu viel und überall das Gleiche“. Für Ihr Buch sind Sie reichlich geschlagen worden. Welche These hat da so provoziert?

Armin Klein: In einem Satz lässt sich das so zusammenfassen: Der öffentliche Kulturbetrieb steckt in einer Immobilitätskrise, wenig bewegt sich. Durch die Schaffung vieler Einrichtungen, in den 1970er und 1980er Jahren, besitzen wir heute zahlreiche große Kultur-Institutionen, die finanziell laufend bedient werden müssen, sich aber kaum verändern wollen. Der Kulturstaat stößt an seine Grenzen, das heißt, „Neues“, Innovatives kommt kaum in den Genuss von Förderung.

Am Beispiel kommunale Bühne: Was bedeutet das?

Ein Stadttheater bindet eventuell 50 bis 60 Prozent des städtischen Kultur-Etats. Wenn noch ein Museum, eine Musikschule und eine Volkshochschule als öffentlich getragene Einrichtung dazukommen, bleiben nur Krümel für den großen Rest der Kulturszene.

Diese Fakten an sich müssen ja nicht zwingend als Problem gesehen werden.

Nicht, wenn Sie in Kauf nehmen wollen, dass dann für neue Kunstformen, nehmen wir Poetry-Slam oder das breite Feld der Kulturwirtschaft als Beispiel, kein Geld mehr übrig ist. Unser Buch „Der Kulturinfarkt“ fragt: Leute, haben wir nicht eine Überversorgung? Und: Wollen wir nicht neue Formen entwickeln, die es gestatten, auch andere als die bestehenden Einrichtungen zu fördern?

Wo der Rubel hinrollt

  • „Der Kulturinfarkt“:

    Die Polemik schrieben Soziologie-Professor Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Direktor der Kulturstiftung „Pro Helvetia“, Stephan Opitz, Professor für Kulturmanagement, und Kulturwissenschaftler Armin Klein, der auch als Dramaturg und als Marburger Kulturreferent Einblick in den Kulturbetrieb gewonnen hat. Das Buch erschien 2012 im Knaus-Verlag und löste bundesweit Abwehrreaktionen aus.

  • Regensburger Gespräche:

    Die neue Reihe des Theaters Regensburg in Kooperation mit unserer Zeitung greift Themen der Stadtgesellschaft auf. Zu Gast sind meinungsstarke Diskutanten aus Regensburg und von außerhalb.

  • Auftakt:

    Die neue Reihe startet unter dem Titel „#1 Wo der Rubel hinrollt: (Irr)wege der finanziellen Förderung von Kunst und Kultur“: am Dienstag (25. Oktober, 19 Uhr) im MZ-Medienhaus (Kumpfmühler Straße 15). Der Eintritt ist frei. Die Veranstaltung fördern die Zahnärzte Obermünsterstraße.

  • Auf dem Podium:

    Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, Professor Dr. Armin Klein (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg), Martin Eich (Theaterkritiker, u. a. Die Zeit, Die Welt), Insa Wiese (Künstlerische Leitung Internationale Regensburger Kurzfilmwoche) und Jens Neundorff von Enzberg (Intendant des Theaters Regensburg), Die Moderation hat Marianne Sperb (Leitung der MZ-Kulturredaktion).

Sie sind am 25. Oktober Gast bei den „Regensburger Gesprächen“, einer neuen Reihe des Theaters Regensburg. Wo würden Sie in Regensburg Änderungsbedarf sehen?

Als Außenstehender kann ich das zunächst kaum beurteilen. Regensburg ist – was das Theater betrifft – ein eher schlechtes Beispiel. Das Theater deckt einen großen Einzugsbereich ab. Aber etwa im Rhein-Main-Gebiet oder in Karlsruhe, wo ich lebe: Da finden Sie im Umkreis von 50, 80 Kilometern sechs, sieben Stadt- oder Staatstheater. Unser Anliegen ist nicht: Schafft die Theater ab! Sondern: Können wir die Förderung nicht anders organisieren, damit wir Spielraum haben für andere, neuere Kultureinrichtungen?

Im bundesweiten Durchschnitt wird jede Theaterkarte mit 120 Euro subventioniert. Ohne diesen Zuschuss wären Tickets so teuer, dass nur ein Teil der Gesellschaft ins Theater gehen könnte.

Aber Sie müssen sehen, was das in der Konsequenz bedeutet: Ein Jazzclub etwa hätte – wenn wir die 120 Euro pro Karte als Maß anlegen – bei 100 Zuschauern ein Förderanrecht auf 12 000 Euro. Und bei 1000 Zuschauern auf 120 000 Euro.

Wenn die Theater etwas weniger Förderung erhalten und die freie Szene etwas mehr: Erzeugt man so nicht nur gleichmäßiges Mittelmaß, Schmalspur-Kunstproduktion überall?

Gar nicht! Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Das Theaterhaus Stuttgart, eine private gemeinnützige Einrichtung, die eine international renommierte Tanz-Kompanie und eine Schauspieltruppe besitzt und bei weitem nicht nur Gastspiel-Betrieb veranstaltet, deckt seinen Finanzbedarf zu 25 Prozent mit Mitteln der öffentlichen Hand. Am Staatstheater Stuttgart liegt diese Zahl bei rund 80 Prozent. Die Förderung klafft also weit auseinander – aber das private Haus muss jeden Abend möglichst ausverkauft sein, damit es überleben kann. Und es liefert trotzdem Qualität – oder vielmehr: deshalb.

Sie zitieren im Buch Goethe: Er nennt die geringer werdenden Einnahmen, die ein Theater erwirtschaftet, und „das Schlechterwerden“ des Theaters „natürliche Gefährten“. Und er verweist auf Shakespeare, der mit seinem Globe Theatre vor allen Dingen Geld verdienen wollte – und deshalb nach Spitzenleistung und Neuerung trachten musste. Macht Subvention die öffentlichen Kulturanstalten wie Theater und Museen träge?

Professor Armin Klein: Er ist Mitautor von „Der Kulturinfarkt“. Am 25. Oktober wird in der MZ über seine Polemik diskutiert – bei einem Abend des Theaters Regensburg. Foto: studio visuell photography

Natürlich ist es so: Wo Geld automatisch ankommt, macht man sich wenig Gedanken über Einsparungen, Verbesserungen, Neuerungen. Kurz: Es wird nicht gelernt – warum auch? Wir haben uns angewöhnt, viele Einrichtungen zu fördern, weil wir sie schon immer gefördert haben. Wir fragen nicht: Sind sie noch effizient? Finden sie noch ausreichend Publikum? Wir nehmen den Kultureinrichtungen den Druck, wirtschaftlich zu arbeiten. Unser Buch wirft einen Stein ins Wasser und sagt: Lasst uns schauen, ob dieses Vorgehen noch zukunftsgerichtet ist.

Aber was teuerer ist, erreicht weniger Menschen. Auch das kann nicht Sinn von Kunstproduktion sein.

Die Behauptung, was Geld kostet, wird nicht frequentiert und genutzt, ist eine Schutzbehauptung. Schauen Sie auf die Theater: Die öffentlichen Häuser werden mit 82 Prozent gefördert. Bei 82 Prozent Subvention ist das einzige, was noch stört, der Zuschauer. Und sogar die 18 Prozent, die die Häuser an Einnahmen selbst erwirtschaften, decken wahrscheinlich nur den Rahmen: die Kasse, Garderobe, Einlass und die Verbuchung der Einnahmen. Das bedeutet: Man könnte Theater auch völlig ohne Publikum betreiben.

Ohne Förderung sind Theater, um bei diesem Beispiel zu bleiben, gezwungen, Inszenierungen für den kleinen gemeinsamen Nenner auf den Spielplan zu nehmen. Neues, Experimentelles, Borstiges hätte keine Chance. Wo bleibt die Freiheit der Kunst? Subvention bedeutet ja auch: einen Schutzraum bieten für Kultur, die auf dem Markt zunächst keine Chance hätte. Die Folge wäre ein innovationsfreier Raum.

Da widerspreche ich. „Freiheit der Kunst“ heißt ja zunächst mal, dass sich der Staat nicht in die Inhalte einmischt und bedeutet nicht ein Rundum-Sorglos-Paket, was die Finanzierung betrifft. Beispiel USA: Niemand, der halbwegs bei Besinnung ist, würde behaupten, dass die USA keine großartige Opernszene haben – obwohl dort die Förderstrukturen ganz anders gelagert sind.

Trotzdem: Kunst ist mehr als eine Ware, die auf dem Markt bestehen muss. Deshalb braucht sie, um sich entfalten zu können, öffentliche Unterstützung.

Völlig unbestritten. Wir haben auch nie gefordert, dass öffentliche Förderung abgeschafft wird, sondern dass sie anders verteilt wird. In den 1960er Jahren erreichten unsere Theater mit ihren Einnahmen einen Deckungsgrad von rund 40 Prozent. Dann sagte man: Wir müssen eine Risikoprämie gewähren, damit auch Angebote bestehen können, die nicht gefällig sind. Wenn wir dieses Modell konsequent durchhalten, müssten Theater selbst dann noch Subventionen erhalten, wenn sie gar keine Zuschauer mehr finden. Ich erinnere mich an eine Landtagssitzung, bei der es aus Politikermund hieß: „Wir müssen jedem geben“ und: „Wir müssen auch Dinge fördern, die niemand hören oder sehen will“. Das ist Blödsinn. Entweder sagen wir: Dieses Angebot ist nett, aber Privatvergnügen. Oder: Wir können nicht alles fördern. Die Leiter von Kultureinrichtungen untermauern das. Die sagen nicht: Wir haben zu wenig Förderung. Sondern sie sagen: Wir haben zu viel Konkurrenz.

Und die Umwegrentabilität? Jeder Euro für Kultur bedeutet ja weitere Euro an Ausgaben, die in den Markt fließen.

Natürlich: Wer vor dem Theater essen geht oder sich Kleidung kauft, schleust Geld in den Markt – aber diese Rechnung berücksichtigt nicht, ob Sie nicht sowieso ausgegangen wären oder sich neu eingekleidet hätten. Und: Auch jedes Bundesligaspiel produziert Umwegrentabilität. Bei dieser Diskussion sollten wir sehr vorsichtig sein.

Aktuell wird häufig mit der Gießkanne gefördert: Was die großen Einrichtungen übrig lassen, ergibt ein paar Tröpfchen hier, ein paar Tröpfchen da.

Ja – und das Pendant dazu ist dann der Rasenmäher. Man drückt sich vor Entscheidungen und gibt einfach allen Einrichtungen fünf Prozent weniger. Für ein Staatstheater bedeutet das vielleicht den Verzicht auf eine Produktion – für eine Einrichtung der freien Szene können diese fünf Prozent das Aus besiegeln. Deshalb ist unser Kernvorwurf: Das Fördersystem ist ineffizient und ungerecht.

Sie sagen, oberstes Ziel öffentlicher Kultureinrichtungen ist „nicht etwa die Kunst oder Innovation, sondern der schiere Selbsterhalt“.

Die Kulturinstitutionen drücken sich vor der Frage: Was sollen private Träger machen? Und was sollen die öffentlichen übernehmen? Und wenn die Mikrofone ausgeschaltet sind, geben Kulturschaffende und Politiker offen zu: Im Kulturbetrieb geht es vielfach nur um Besitzstandswahrung.

Ihr Buch hat regelrecht Wut ausgelöst.

Ja. Weil wir vier Autoren nicht etwa Außenseiter sind, sondern langjährig im Kultursektor tätig. Wir haben sozusagen das Familiengeheimnis ausgeplaudert. Wir haben quasi ans „Heiligste“ gerührt.

Im Klappentext Ihres Buches heißt es: „Wer einen Diskurs über die Ziele öffentlicher Kulturausgaben möchte, trifft auf eine harte Kulturlobby: Gegen Kultur darf niemand sein und alles, was ist, muss bleiben.“ Diese harte Lobby haben Sie gespürt.

Die Wut war enorm. Die Reaktionen hätten für viele Jüngere auch den beruflichen Ruin bedeuten können. Wir vier Autoren konnten uns dieses Buch nur leisten, weil wir bereits unabhängig genug waren und sind.

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