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Kultur
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 2

Nachlass

Das Erbe einer Pionierin der Fotografie

Helga Weichmann-Schaum setzte mit ihren Aufnahmen Maßstäbe. Was geschieht nun mit dem Archiv der Regensburger Künstlerin?
Von Harald Raab, MZ

Helga Weichmann-Schaum im Jahr 2005, bei ihrer Ausstellung in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel: Die Pionierin der Fotografie hat ein bemerkenswertes Erbe hinterlassen. Foto: altrofoto.de/Archiv

Regensburg.Nach Horst Hanske, dem Meister der Menschenfotografie, ist auch Helga Weichmann-Schaum gestorben. 83-jährig verabschiedete sie sich die Ausnahmefotografin vor drei Wochen endgültig aus der Welt, die für sie ein unendlicher Kosmos der Bilder war. Durch Demenz war ihr – ebenfalls wie Hanske – in den letzten Jahren der natürliche Blick auf die Realitäten des Lebens weggebrochen. Was jedoch der Sinngehalt des Lebens ist, hat sie vorher in immer abstrakteren, rätselhaften Fotografien mit großer, intensiver, aber stiller, vornehmer Beharrlichkeit untersucht. Sie fand heraus, dass die letzte, die wirklich gültige Realität nur in der Ästhetik zu finden ist.

Regensburg hat eine wachsende Zahl Künstlerinnen und Künstler. Von der Nachkriegsgeneration, die Maßstäbe über regionale Grenzen hinaus gesetzt hat, sind immer weniger am Leben. Für die städtischen Sammlungen stellt sich immer mehr die Frage: Wie wird eine Stadtgesellschaft ihrer Verpflichtung gerecht, künstlerischen Nachlass in Obhut zu nehmen und das Werk lebendig zu erhalten? Die Depoträume quellen über, ganz zu schweigen von den Schauräumen. Es gilt, Bedeutung einzuschätzen, auszuwählen und das heißt auch immer, ablehnen zu müssen. Es müssen originäre Leistungen erkannt und der Nachwelt erhalten werden.

Was ist wichtig für die Kunstgeschichte einer Stadt? Es gibt nun einmal viel Epigonales. Die Allerweltskunst trägt nichts zur Dokumentation des Fortschritts künstlerischer Entwicklungen bei. Sie kann auch deshalb nicht von ihr zeugen.

Lesen Sie mehr über Horst Hanske und seinen Nachlass: hier

Für diese Aufgabe müssen auch Institutionen wie der Kunst- und Gewerbeverein in Regensburg zunehmen sensibilisiert werden. Er kann zwar kaum eine eigene Sammlung anlegen. Aber er muss denen eine Stimme geben, die selbst nicht mehr für ihr Werk sorgen können. Er muss ständiger Mahner sein, dass die wichtigen Zeugnisse der nahen Kunstgeschichte eingeordnet und aufbewahrt werden.

Im Fall des im Januar verstorbenen Horst Hanske sind Kulturverwaltung und auch Kulturpolitik auf einem guten Weg. Da stellt sich nun eine weitere Herausforderung, der Fotografie-Geschichte Regensburgs gerecht zu werden. Helga Weichmann-Schaum hinterlässt ein Volumen von einem Kubikmeter Negativmaterial, dazu zahlreiche Originalabzüge. Sohn Rupert Weichmann weiß um den Wert dieses Nachlasses, zumal da ja auch noch die vielen Arbeiten seines Vaters, Metallbildhauer Rudi Weichmann, sind und auch einige Formen des Großvaters Franz Weichmann. Der hat das künstlerische Atelier Weichmann einst begründet. „Da landet nichts auf dem Abfall oder beim Trödel“, versichert Rupert Weichmann.

Der Kunsthof Weichmann, gleich neben der Dreieinigkeitskirche an der Gesandtenstraße, war früher ein alljährlicher Treffpunkt für die kunstbegeisterten Regensburger. Was wurden da nicht für wunderbare Feste gefeiert. Jetzt werden das Geschäft und der Hof ein Café. Es soll mit Werken von Rudi und von Helga Weichmann ausgestattet werden. Das ist eine anerkennenswerte private Initiative. Sie kann aber nicht ersetzen, was ein Museum zu leisten hat.

„Für die Fotokunst in Regensburg ist sie eine wichtige Persönlichkeit. Sie hat Maßstäbe gesetzt.“

Dr. Herbert Schneidler

Der Kunsthistoriker Herbert Schneidler, einst verantwortlich für die Städtische Galerie im Leeren Beutel, hat 2005 eine große Überblicksausstellung über das Werk von Helga Weichmann-Schaum kuratiert. Er sagt: „Für die Fotokunst in Regensburg ist sie eine wichtige Persönlichkeit. Sie hat Maßstäbe gesetzt und als Schülerin von Otto Steinert überregionale Qualität nach Regensburg gebracht.“ Der Berufsverband Bildender Künstler oder der Kunst- und Gewerbeverein sollten ihr zum Gedenken eine Ausstellung widmen. Es sei sicher Aufgabe des Museums, sich um den Nachlass zu kümmern. Er selbst habe einige Werke in die städtische Sammlung aufgenommen. Auch die grafische Sammlung der Sparkasse habe Bilder gekauft.

Lesen Sie mehr über den Kunsthof Weichmann: hier

Klaus Caspers, über Jahrzehnte hinweg Künstlerkollege von Helga Weichmann-Schaum und im Kunst- und Gewerbeverein lange für das Ausstellungsprogramm verantwortlich, sieht ebenfalls die Kulturverwaltung der Stadt in der Pflicht. „Die Helga hat der Fotografie als Kunstform in Regensburg den Weg gebahnt, ebenso künstlerisch tätigen Frauen in einer damals von Männern dominierten Szene. Das war anfangs gar nicht leicht. Sie hat auch Arbeiten von mir wunderbar in ihrer Fotografie dargestellt. Und sie hat sich sehr um das Werk ihres Mannes gekümmert und hielt sich bescheiden eher im Hintergrund.“

Rupert Weichmann vor dem Kunsthof Weichmann in der Regensburger Gesandtenstraße: Das Haus wird jetzt Café. Foto: Wanner / Archiv

Ohne das Werk von Helga Weichmann-Schaum kann man die Fotografie-Geschichte Regensburgs nach 1950 tatsächlich nicht schreiben. Sie lernte das fotografische Handwerk hier und arbeitete als Industriefotografin in Hannover. Sie studierte Fotokunst in Köln und war Schülerin des legendären Otto Steinert, des Begründers der subjektiven Fotografie. Die junge Diplom-Ingenieurin der Fotografie war anschließend in der Deutschen Gesellschaft für Fotografie eine enge Mitarbeiterin Steinerts. Dessen fotografischen Ansatz hat sie für ihren eigenen Stil weiterentwickelt.

„Die Helga hat der Fotografie als Kunstform in Regensburg den Weg gebahnt.“

Klaus Caspers

Ihre Maxime war: Es genügt nicht, die Welt abzubilden. Es bedarf der Imagination des Seins hinter den Bildern, um das Leben in all seinen Dimensionen zu erfassen. Selbst ihre Ethno-Fotografien von Reisen auf den Balkan, nach Griechenland und auf die Insel Kreta sind davon bestimmt. Harte Schwarz-Weiß-Kontraste, oft auf bloße Schattenrisse reduziert, bestimmen die Porträts in eigenwilligen Ausschnitten. Die bloße Realität von Landschaften oder Architektur hat sie stets in eigene Bildwirklichkeiten verwandelt. Ihre fotografische Aussage ist überzeitlich, überörtlich. Sie zielt auf unser unstillbares Verlangen nach dem Spannungsfeld zwischen Harmonie und Dramatik in der Bildästhetik ab.

Helga Weichmann-Schaum war eine Lyrikerin der Fotografie und dabei stets eine perfekte Handwerkerin. Jedes Blatt hat seinen eigenen Rhythmus, sein fotografisches Versmaß. Ihre Fotografie hat das Besondere, oft genug das Einzigartige in Perspektive, Lichtführung, Inszenierung und Komposition geschaffen.

Sie hat Elementares erkämpft

Welche Karriere hätte sie machen können, wäre sie in einem der Zentren der Fotokunst in Deutschland geblieben! Die Liebe zu dem Metallbildhauer Rudi Weichmann führte sie jedoch zurück nach Regensburg. Es kamen Familienpflichten und die Anstrengungen als Geschäftsfrau dazu. Auch ihr Engagement als Lehrerin für Fotografie zur Ausbildung des Nachwuchses an der Berufsschule forderte seinen Tribut.

Trotzdem hat sie konsequent an der Entwicklung ihres Werkes gearbeitet. Kraft hat es schließlich auch gekostet, die Herren Künstler, die den Berufsverband und den Kunst- und Gewerbeverein dominierten, davon zu überzeugen, dass Fotografie, noch dazu von einer Frau, auch Kunst ist und ihr deshalb die Mitgliedschaft zustehe.

Helga Weichmann-Schaum hat – als Frau, als Fotografin, als Künstlerin – Elementares erkämpft, das heute für junge Fotografinnen selbstverständlich ist. Eine künstlerische und eine berufsständische Lebensleistung. Ihr Werk hat in Regensburg den fotografischen Beitrag zu einer künstlerischen Epoche entscheidend mitgeprägt

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