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Kultur
Freitag, 23. Juni 2017 30° 4

Regensburg.

Das Geheimnis der verlorenen Drucke

Ludwig Gebhards „Menschenbild“ ist in der Galerie Dr. Erdel zu sehen.

Den Linolschnitt „Figur ’97“ schuf Ludwig Gebhard 1997. Foto: Erdel

Von Helmut Hein, MZ

Künstlerkollege Peter Dorn, der schon früh mit dieser Technik experimentiert hat, lässt nicht locker: „Wo sind denn die verlorenen Drucke?“, fragt er während der Gebhard-Vernissage in der Galerie Dr. Erdel. So lang und so insistent, bis der Galerist schmunzelnd das hervorholt, was die lang gestreckten Räume am Fischmarkt sonst noch so bergen.

Dieser Druck dokumentiert eine frühe Arbeitsphase eines typisch Gebhard’schen Linolschnitts. Er ist aber nicht (nur) Zeugnis für den Schaffensprozess, gewissermaßen ein „work in progress“-Schnappschuss, sondern selbst ein perfektes Werk, autonom, von durchaus eigenem Rang und Reiz. Einigen der Umstehenden drängt sich sogar der Eindruck, dieses „Menschenbild“ (noch) in schwarz-weiß sei in seiner Reduktion prägnanter, „schöner“ als der letzte Druck, der mit seiner ausdifferenzierten Farbigkeit prunkt.

Seine Blätter erinnern an Picasso

Verlorene Drucke, was heißt das? Der Linolschneider hat immer nur eine „Platte“ benutzt. Er hat zwischendurch gedruckt, beginnend mit 80er-Auflagen. Beim Weiterschneiden wird dieses erste Bild zerstört, es kann nicht „wiederholt“ werden; bis zu einem Dutzend Druckvorgänge braucht es, bis ein Gebhard in seiner ganzen Farbigkeit fertig ist. Die früheren Drucke sind „verloren“; sie überleben nur als Ausschuss; akzeptiert sie der Künstler, gehen sie im nächsten Arbeitsschritt, im nächsten Druck auf und unter.

Wer nur kleinere Reproduktionen kennt, weiß nichts vom Zauber dieses Künstlers, dem Dr. Erdel schon einmal eine Ausstellung widmete (2005) und den er jetzt, postum, zu seinem 75. Geburtstag, mit einer Serie von „Menschenbildern“, dem Kern seines Oeuvres würdigt.

Die Begeisterung der Besucher war groß. Es gab nur einen Einwand, der freilich nach dem Ende von triumphalem Avantgardismus und Geniekult ein wenig von seiner einstigen Wucht eingebüßt hat: Gebhards Farblinolschnitte sind nicht vollkommen originell bzw. originär. Die besseren Blätter erinnern sehr an Picasso oder Léger. Bei allen drei Künstlern wird das Menschenbild erst in der Auflösung greifbar. Die Identität ist immer schon zerstückt, zerfallen, prekär – und doch erscheinen in dieser ausbalancierten Analyse erst alle Facetten, wird die vermeintlich starre „conditio humana“ bewegt, reiner Rhythmus, geheimnisvoller Ausdruck, verbindende Geste.

Die anthropomorphe Schönheit ist keine Sache nur der Oberfläche, der festen Form. Das, was sie hervortreibt, „leuchten“ lässt, ist prima vista verborgen. Die Profession des Künstlers ist es, das „Wesen“, die „Seele“ sichtbar zu machen. Deshalb sind „Menschenbilder“, auch wenn sie in einer Tradition stehen, paradoxerweise notwendig individuell. Denn was sich zeichenhaft verkürzt darstellt, ist stets (auch) die Selbst- und Welt-Erfahrung des Urhebers. Die alte philosophische Formel des „Das bin alles ich“ prägt diese „verkehrten“ Gesichter und verdrehten Torsi Ludwig Gebhards. In jeder Beobachtung verbirgt sich ein Bekenntnis.

Bis 26. September in der Galerie Dr. Erdel, Fischmarkt 3, Mi. und Fr. 16 bis 19 Uhr oder Tel. (0941)702194.

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