mz_logo

Kultur
Dienstag, 22. August 2017 22° 3

Geld

Das Gretchen ist zu billig zu haben

Die Regensburgerin Andine Pfrepper erzählt, wie Schauspieler durchkommen – und wie ein Netzwerk für faire Gagen kämpft.
Von Marianne Sperb, MZ

Nassen Künstlern glaubt man: Andine Pfrepper, Schauspielerin in Regensburg, macht sich für faire Gagen stark. „Ich hab’ an einer Elite-Uni studiert und spiel das Gretchen für 1200 € netto!“ Foto: altrofoto.de

Regensburg.Ein ganz schön drastisches Foto, Frau Pfrepper! Sie sind Schauspielerin in Regensburg und fragen sich in der Dusche: Wie lang kann ich mir den schönsten Beruf der Welt noch leisten. Wie kommt’s?

Das Foto impliziert den Kontrast zwischen der Liebe zum Beruf und dem, was er einen kostet. Die meisten von uns sind Hochschulabsolventen. In meinem Fall: Ich habe an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin studiert, dorthin schaffen es vielleicht 20 von 1000. Ich bin Diplom-Schauspielerin – und käme mit Einstiegsgehalt laut Tarif auf 1765 Euro brutto. Allerdings: Das Theater Regensburg zahlt seit 2014/15 Einsteigern 1900 Euro, netto 1200 Euro. Da sind wir bundesweit ganz vorn dabei.

1200 Euro netto – was leisten Sie dafür?

Offiziell liegt die Maximalbelastung bei 48 Wochenstunden. Das kann weniger sein, aber auch deutlich mehr. Und: Text lernen oder Anproben leisten wir oft zusätzlich.

Auf welchen Stundenlohn kommen Sie?

Bei 1900 Euro und 48 Stunden wären es gut 9 Euro. Das ist nur knapp über dem Mindestlohn – tragisch für einen studierten Schauspieler.

Acht Stunden am Tag: Das klingt okay.

Ja, aber man muss auch die Einteilung kennen: Wir spielen auch an Wochenenden, und werktags gehen die Proben von 10 bis 14 und 18 bis 22 Uhr. In Regensburg kann man die Ruhezeiten dank der kurzen Wege gut nutzen. Aber in Berlin?! Lehrer werden für Vor- und Nachbereitung bezahlt – Schauspieler nicht. Dabei hat das Theater ja auch einen Bildungsauftrag.

Über die Bayerischen Theatertage in Regensburg lesen Sie hier.

Das Ensemble-Netzwerk, ein neuer Verbund von Theaterschaffenden, will die Lage ändern. Was ist das Ziel?

Die Arbeitsbedingungen verbessern und unsere einzigartige Theaterlandschaft erhalten Die Mitbegründerin Lisa Jopt fragt: Was brauchen wir, um künstlerisch arbeiten zu können?

Sie waren gerade bei der ersten bundesweiten Ensembleversammlung in Bonn. Was war los?

Ich bin ja hier stellvertretende Ensemble-Sprecherin, eine Art Klassensprecherin. In Bonn haben Vertreter verschiedenster deutscher Bühnen über Arbeitsbedingungen, etwa auch eine abendliche Kinderbetreuung, über Mitsprache, Hierarchien und Gagen diskutiert, auch mit Vertretern anderer Organisationen wie „art but fair“. Die künstlerischen Berufe – also auch Regieassistenten, Dramaturgen, Kostümassistenten, alle mit dem NV-Solo-Vertrag – sind gewerkschaftlich noch nicht so gut organisiert wie es bei anderen Berufen, etwa Bühnentechnikern oder Orchester, der Fall ist.

In einem Video sieht man die emotionsgeladene Rede von Initiatorin Lisa Jopt. Haben Sie das Treffen als aufgeheizt erlebt?

Lisa Jopt hat im Stuhlkreis gesagt: „Dies ist ein historischer Moment.“ Das war wirklich kathartisch. Bisher hat es noch nie eine so große Versammlung von Theaterschaffenden gegeben. Sie hat Schlagworte aus der Theaterarbeit genannt, die einem den Mund offen stehen lassen. Zum Beispiel: „Krankheit ist Sabotage“. Krankwerden ist also ein hinterhältiger Akt. Das muss man sich mal vorstellen!

Wie lebt es sich mit 1200 Euro netto?

Von Monat zu Monat, würd’ ich sagen. Ich habe zum Beispiel entschieden, von der WG in eine eigene Wohnung zu ziehen, und zahle jetzt mehr Miete. Dann braucht man ein Handy und Ähnliches. Da bleiben 400 oder 500 Euro zum Leben.

Und private Altersvorsorge?

Private Vorsorge ist nicht drin. Das war auch in Bonn Thema: die Altersarmut, die Schauspielern droht oder von der viele schon betroffen sind.

Ein Video von der Eröffnung der Theatertage sehen Sie hier.

Video: MZ

Trotzdem sind Sie gern Schauspielerin.

Ich verbringe meine Lebenszeit mit Dingen, die ich gern tue und die mich interessieren. Das ist ein großer Luxus.

Wie will das Netzwerk faire Bedingungen durchsetzen?

Es geht darum, sich im deutschsprachigen Raum zu formieren und zu mobilisieren. Außerdem wurde eine Theaterreform an den Deutschen Bühnenverein geschickt, der ja aktuell in Kaiserslautern Jahrestagung hatte.

Müssen Sie am Haus in Regensburg Nachteile fürchten, wenn Sie sich für Ihre Kollegen einsetzen?

Ich denke, am Haus hier interessiert sich auch die Leitung für die diskutierten Themen. Aber in Bonn wurde durchaus beraten über einen Kündigungsschutz für Ensemble-Sprecher, weil es vorkommt, dass unbequeme Leute Nachteile haben.

Ein Interview mit dem Regensburger Intendanten lesen Sie hier.

Nochmal zurück zu dem Foto: Dafür gab es ja ein Vorbild in Bonn.

Ja, die Aktion „Nassen Bühnenkünstler*innen glaubt man“. Man konnte ein Kostüm anziehen, in die Dusche steigen und sich mit Plakat ablichten lassen. Die Initiatoren haben deutschlandweit zum Nachmachen der Aktion aufgerufen.

Die Theatertage in Regensburg hautnah: Der Newsblog.

Regensburg erlebt gerade bei den Bayerischen Theatertagen, was Theater alles bieten kann. Aber das Publikum weiß wenig über die Arbeitsbedingungen an Theatern. Menschen, die von der Höhe der Gagen erfahren, reagieren oft mit „Oh!“ und einer Schreckpause. – Dachten Sie schon darüber nach, Ihren Beruf aufzugeben?

Noch bin ich jung und nehme es aus Idealismus hin, dass ich mit meinem Geld so knapp rechnen muss. Aber das hört ja nicht auf und was ist, wenn man Kinder hat?Andererseits darf man nicht vergessen: 90 Prozent meiner Zeit im Theater sind sinnvoll genutzte Lebenszeit. Ich liebe meinen Beruf! Deshalb möchte ich mich auch dafür einsetzen, dass sich unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern. Wenn ich länger nicht spiele, werde ich unruhig. Und wenn ich auf der Bühne stehe, als Gretchen zum Beispiel, weiß ich: Das will ich machen. Das ist Rausch. Das ist Freiheit.

Informationen zum Ensemble-Netzwerk: www.ensemble-netzwerk.de

Verfolgen Sie die Theatertage bei uns im Newsblog.

Weitere Beiträge aus der Kultur lesen Sie hier.

Kommentar

Mehr wert

Bühnentechnik, Kostüme, Maske: Im Theater kann alles streiken – so lange da nur der Schauspieler, Tänzer, Sänger auf der Bühne steht, so lange kann sich...

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht