mz_logo

Kultur
Montag, 11. Dezember 2017 11

Premiere

Das Meer verschlingt Jakob

Das Junge Theater Regensburg bringt die Kinderoper „Gold!“ mit Schlagzeuger und Sängerin auf die Bühne.
Von Michael Scheiner

Martina Fender singt und spielt in „Gold“ viele verschiedene Rollen. Jakob, dessen Vater und Mutter, die Erzählerin und einen Fisch. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Vielleicht, um sich einmal für einen verteufelt kurzen Moment einer utopischen Vision hinzugeben, vielleicht brauchen die jetzt Heranwachsenden irgendwann nicht mehr den neuesten SUV, die schicksten Klamotten, das aktuellste Handy. Weil sie vernünftig geworden sind. Weil sie die Nase voll haben vom Hinter-Trends-Herhetzen. Oder weil sie glücklich sind mit etwas, dessen Wert sich nicht in Euro oder Gold berechnet: mit einem Gefühl von Nähe beispielsweise, mit Zuwendung und Respekt, immateriellen Dingen also, die nicht in den Regalen der Kaufhäuser und auf Onlineplattformen stehen.

Das ist eine Utopie, zugegeben, denn „niemand kann behaupten, er habe genug“, behauptet ein schwerreicher Unternehmer, dessen neue Errungenschaft eine Limousine für 500 000 Dollar ist. Rund 10 000 Dinge besitzt jeder Europäer im Schnitt, zählt eine Studie auf – eine Menge Zeug, wenn man sich vor Augen hält, dass es ein statistischer Wert ist, also viele Menschen deutlich mehr und etliche deutlich weniger besitzen.

Dennoch wollen viele Menschen laut Umfragen – noch – mehr haben. Eine Botschaft, die jetzt vor Weihnachten auf fruchtbaren Boden fällt und Handel und Wirtschaft voraussichtlich wieder zu neuen Rekordzahlen verhilft. Eine Oper für Kinder, die am Sonntag im Jungen Theater Regensburger Premiere hat, hält dagegen. Dabei predigt „Gold!“, das der niederländische Komponist Leonard Evers und Flora Verbrugge (Libretto) nach Motiven des Grimm’schen Märchens „Vom Fischer und seiner Frau“ geschrieben haben, weder Verzicht noch selbstlose Opfer. Das bleibt Religionen oder asketischen Ideologien vorbehalten.

Eigene Schlüsse ziehen

„Wir wollen mit dem, was wir auf die Bühne bringen, Fragen stellen“, stellt Maria-Elena Hackbarth klar. Sie hat „Gold!“ inszeniert, mit Gabriela Neubauer, die wieder eine fabelhafte Bühne und Kostüme entworfen hat. Handlungsweisen wolle sie „den Zuschauern mit der Inszenierung keine vorgeben“. Vielmehr „spiele ich mit Themen“ und hofft damit, dass „die Leute mit einem Gefühl für eine Frage rausgehen“. „Als autonome Wesen“ sollen sich die Zuschauer diese Fragen selbst beantworten, eigene Schlüsse aus dem Erlebten und Gesehenen ziehen.

Parabel auf die Gier

  • Die Premiere

    am Sonntag im Jungen Theater (Bismarckplatz) ist ausverkauft, weitere Vorstellungen: www.theater-regensburg.de. „Gold!“ ist ein europaweit gefeiertes Stück. Im Bühnenbild von Gabriela Neubauer sitzen die Kinder mitten im Meer. Die musikalische Leitung hat Levente Török.

  • Komponist Leonard Evers

    fasst in der Kinderoper „Gold!“ Grimms Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ phantasievoll in Musik und erzählt die alte Parabel über Gier so spielerisch, dass sie schon für die ganz Kleinen (ab vier Jahren) geeignet ist.

Als weitere „große Aufgabe für uns“ betrachtet es Regisseurin Hackbarth, „Kinder an Musik und Theater ranzuführen“. Sie will ihnen „ein Fantasieerlebnis und ein musikalisches Erlebnis“ ermöglichen.

Bei der Oper spielt die „lautmalerische Musik, die überhaupt nicht einfach oder simpel ist“, eine besondere Rolle. Die Produktion kommt mit zwei Akteueren aus: Antonino Sacchia spielt zahlreiche Instrumente – Trommeln, Holzblöcke, Vibraphon bis hin zu Geigenbogen und Becken – und erzeugt damit viele verschiedene Stimmungen und Gefühlswelten. Auch Sängerin Martina Fender bewegt sich in einer Vielzahl von Rollen. Sie singt und spielt die Hauptfigur Jakob und dessen Vater und Mutter, fungiert als Erzählerin und nicht zuletzt als Fisch. Zudem gibt es „ein 80-Mann-Orchester“, lacht Hackbarth vergnügt. In einigen Szenen werden die Zuschauer von Fender animiert, mit ihren Stimmen das wilder werdende Meer nachzuahmen und so aktiv mitzumischen.

Aus dem anfänglich spiegelglatten Meer zieht Jakob einen Fisch, der verspricht, seine Wünsche zu erfüllen, wenn er ihn leben lässt. Jakob, der aus armen Verhältnissen stammt, bekommt Schuhe. Zuhause beginnen die Eltern, ihn mit einer immer längeren und üppigeren Wunschliste zu traktieren und verlieren darüber Jakob aus den Augen. Am Ende kriegen die Eltern den Hals nicht voll. Das schließlich aufbrausende, wilde Meer verschlingt Jakob beim letzten, unmöglichen Wunsch. Erst als er wieder auftaucht, erkennen die nimmersatten Eltern, was Glück wirklich bedeutet. Die Gier war dabei, alles zu verschlingen.

Ein Geheimnis bis zum Ende

Für Hackbarth liegt der Schlüssel zum Thema nicht in einem moralischen Appell gegen Gier, sondern darin, „dass alle wieder beieinnander sind“. Das sei im „Libretto und der Musik sehr schön ausgedrückt“, gerät sie ins Schwärmen. Man erlebe, wie „anhand des immer dunkler und wilder werdenden Meeres“ die innere Aufwühlung passiere. Gleichzeitig möchte sie „ungern erzählen, dass du nichts haben darfst“ oder „Wünsche“ etwas Verwerfliches seien. In ihrer Inszenierung bleibt deshalb am Ende auch etwas übrig von den Dingen. Was es ist? Das bleibt bis zur Premiere geheim!

Hier geht es zur Kultur.


Hier geht es zum Special mit Rezensionen


Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht