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Kultur
Sonntag, 18. Februar 2018 11

Porträt

Das nackte Gesicht der Jeanne Moreau

Sie war die Ikone einer ganzen Generation: Überlegungen zum 90. Geburtstag der französischen Grande Dame
Von Helmut Hein

Die französische Schauspielerin Jeanne Moreau wäre am 23. Januar 90 Jahre alt geworden. Foto: Str/KEYSTONE/dpa

Regensburg.Eine Schönheit im klassischen Sinn war Jeanne Moreau nicht. Eine solche Schönheit eignet sich auch nicht als Projektionsfläche für starke Gefühle, Konflikte, existenzielle Verlorenheit. Das Kino – das war schon zu Stummfilmzeiten so – braucht eine doppelte Leinwand; die zweite ist das Gesicht des Schauspielers. Mit dem nackten Gesicht Jeanne Moreaus beginnt die Geschichte der revolutionären Nouvelle Vague, die zunächst nur eine Fortsetzung des amerikanischen Film noir, von Sartres „Ekel“-Existenzialismus und von Robert Bressons ästhetischer Kargheit war.

Jeanne Moreau vor Beginn des „European Film Awards 2003“ in Berlin. Foto: Sören Stache/Zentralbild/dpa

In Louis Malles frühem Meisterwerk „Fahrstuhl zum Schafott“ sehen wir gleich zu Beginn die geschlossenen, dann die weit geöffneten Augen Jeane Moreaus, schließlich schauen wir auf ihr ausdrucksloses Antlitz – man kann es kaum anders nennen – wie in einen Abgrund. Malle erzählt in harten, kontrastreichen Bildern von Liebe und Verrat, von der Gier des Menschen, der immer schon weiß, dass es irgendwann mit ihm zu Ende geht, und von der Bereitschaft zum Komplott, zum Kapitalverbrechen. Dazu pulst permanent der fiebrige, „jagende“ Jazz Miles Davis’. Und die reduzierte Mimik, die knappen Gesten der Moreau sind wie ein Kommentar zu dem Fatum, das sie auslöst, weil sie ihrem Begehren nachgibt und dafür selbst einen Mord in Kauf nimmt.

Dank Louis Malle zum Star

„Fahrstuhl zum Schafott“ war nicht der Beginn ihrer großen Karriere. 1957 war sie schließlich schon fast 30. Seit den frühen 1950er Jahren spielte sie Theater, brillierte in Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“, ging dann an Jean Vilars experimentierfreudiges „Théatre National Populaire“ und folgte ihm zum renommierten Festival von Avignon, gastierte am Broadway und so weiter und sofort. Man schätzte sie als subtile Charakterdarstellerin.

Eine lange Karriere

  • Am 23. Januar 1928

    wurde Jeanne Moreau in Paris als Tochter eines Gastronomen und einer Tänzerin geboren. Mit 19 gab sie ihr Debüt im Theater Comédie-Française.

  • Für Schlagzeilen sorgte

    sie mit einer Reihe von Affären. Unter anderem war Moreau mit Regisseur Malle liiert und hatte eine Affäre mit Designer Pierre Cardin. Sie hatte zwei kurze Ehen mit den Regisseuren Jean-Louis Richard und William Friedkin. Ihr Sohn Jérôme ging aus ihrer ersten Ehe hervor.

  • Moreau starb am

    31. Juli 2017 in ihrer Wohnung in Paris. Sie spielte in mehr als 130 Filmen.

  • Sie trat auch

    in dutzenden Theaterstücken auf, führte selbst Regie und nahm als Sängerin mehrere Platten auf. Sie wurde mit dem französischen Filmpreis César ausgezeichnet, beim Filmfestival von Cannes zur besten Darstellerin gekürt und erhielt 1998 einen Ehrenoscar für ihr Lebenswerk.(dpa/afp)

Aber zur Ikone wurde sie erst durch die frühen Filme Louis Malles, in deren Zentrum stets die Liebe, ihr Verlust und die darauffolgende Entfremdung zwischen Menschen, die sich „nahe“ sind, steht. Besonders drastisch zeigt sich das in „Die Liebenden“: alles, was geschieht, ist immer schon brüchig, voller Ambivalenzen. Jeanne Moreaus Spezialität sind heftige Passionen, die aber bei ihr stets kühl wirken, die sie nur in seltenen Momenten zeigt, die meiste Zeit aber in Chiffren und Rätsel verwandelt, die der Entzifferung harren und Melancholie oder Resignation erzeugen, wenn das misslingt. Bei Malle sind die Leidenschaften nicht nur von vornherein tragisch; sie spitzen sich auch zu bis zum Mord oder bis zu Untaten, für die das Gesetz keine Strafe kennt.

„Ich habe vieles abgelehnt, ich habe keine Karriere gemacht, ich habe vor allem gelebt.“

Jeanne Moreau, anlässlich ihres 80. Geburtstags

Der Regisseur, welcher der „Seele“ von Moreaus Spiel am nächsten kam, war aber vermutlich Michelangelo Antonioni. In „La notte“ schildert er, wie die Liebe von Lydia und dem Schriftsteller Giovanni (Marcello Mastroianni) langsam zerbricht; vielleicht, weil sie von Anfang an die falsche Wahl war, auf der Illusion beruhte, man könne in der intimsten Nähe den eigenen Fatalitäten entkommen. Antonioni inszeniert so, wie Jeanne Moreau spielt. Er steigert die Intensität, indem er sich der Aktion verweigert. Weil fast nichts passiert, kann sich alles ereignen. Die Kamera folgt Lydia auf ihrer Odyssee durch Mailand; die avancierte Architektur des Zentrums wird genauso zur Metapher eines Weltzustands wie die vorstädtischen Brachen: Ihr Passionenweg über einen Krankenbesuch, eine Buchpremiere, eine Konfrontation mit deklassierten Jugendlichen bis hin zur dekadenten Party der Schönen und Reichen wird zu einer Reise ans Ende der Nacht. Der Kinozuschauer sieht, was geschieht; und er sieht es noch einmal beim Blick in Jeanne Moreaus Gesicht.

Zum Kult wurde Truffauts „Jules und Jim“, eine Dreiecksgeschichte mit Moreau alias Cathérine im Zentrum. Wer seinen erotischen Impulsen folgt, begibt sich auf feindliches Terrain; die Freundschaft erstarrt zur Maske. Eine Liebe, die sich an Regeln hält, ist genauso undenkbar, wie ein Begehren, das alle Regeln sprengt, dauerhaft sein kann. Was an dem Film betörte, war das Versprechen, dass es die absolute Liebe gibt; oder vielmehr, dass man an ihrer Möglichkeit festhalten soll.

Sie war immer schon alt

Diese Cathérine tut, was immer sie will, und möchte dafür auch noch geliebt werden. Keine konnte dieses Schwanken zwischen Reinheit und Verrat so verkörpern wie Jeanne Moreau – der artistisch alles gelingt und die nur an einem scheitert: am Chanson. Wenn sie bei Truffaut vom „Wirbelsturm“ oder vielleicht eher „Strudel“ des Lebens singt („Tourbillon de la vie“), beschützen sie die Bilder. Wenn sie allein hinter einem Mikro mit demselben Lied auf einer Bühne steht, kann man erkennen, dass keine Sängerin an ihr verloren ging – allen Versuchen zum Trotz. Man konnte Jeanne Moreau in den 60er und 70er Jahren in vielen bedeutenden Haupt- und Nebenrollen sehen, von Orson Welles’ „Prozess“ bis zu Roger Vadims „Gefährliche Liebschaften“. Am erstaunlichsten ist aus heutiger Sicht vermutlich der riesige Erfolg von „Viva Maria!“, einer vorrevolutionären Western-Komödie, von der nur ein skurriler Doppel-Striptease halb wider Willen (zusammen mit Brigitte Bardot) in Erinnerung bleibt. Als sie scheinbar schon „alterte“, entdeckten sie Fassbinder („Querelle“) und zehn Jahre später Wim Wenders („Bis ans Ende der Welt“). Jeanne Moreau alterte eigentlich nicht. Sie war eigentlich immer schon alt – und folglich blieb sie bis ins hohe Alter hinein jung. Von ihren späten Rollen ist die erstaunlichste vielleicht die in „Diese Liebe“. Da ist sie, täuschend ähnlich, die alte, kranke Marguerite Duras, die sich noch einmal in eine heftige Passion mit einem zwei Generationen jüngeren Verehrer verstrickt. Alle großen Tugenden der Schauspielkunst Moreaus, auch das „Mürrische“, kann man hier noch einmal en detail beobachten. Am 23. Januar wäre Jeanne Moreau, die vergangenes Jahr starb, 90 geworden.

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