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Kultur
Freitag, 28. Juli 2017 25° 2

Oper

Der Holländer mitten im Hafenbecken

Ein ganz besonders Musik-Erlebnis: Das Theater Regensburg bot Wagner neben Güterzügen, Kränen und Containern.
Von Claudia Böckel, MZ

Spektakuläre Projektionen sah man beim Fliegenden Holländer im Regensburger Hafen. Foto: Juliane Zitzlsperger

Regensburg.An zwei aufeinanderfolgenden Tagen waren in Regensburg Open-Air-Opern-Ereignisse geboten – etwas Besonderes. Nach der konventionellen Guckkasten-Bühne für Verdis „Aida“ bei den Schlossfestspielen bekam man am Samstag vom Theater Regensburg noch viel Spektakuläreres zu sehen. Ein ganzes Hafen-Tableau öffnete sich für Wagners Fliegenden Holländer. Noch bei der Generalprobe lief der normale Hafenbetrieb mit Güterzügen, Kränen, dem Be- und Entladen bis Mitternacht weiter. Erst am Samstagabend kehrte Ruhe ein, wurden die Arbeiten zugunsten der Oper eingestellt.

Man sitzt dem Stadtlagerhaus gegenüber, zwischen Publikum und Akteuren liegt das ruhige, rechteckige Hafenbecken, links lagern Containerberge, riesige Kräne flankieren das Tableau. Als es langsam dunkel wird, beginnen die spektakulären Projektionen auf das Lagerhaus auf der Basis von 3D-Videomapping. Regisseur und Produktionsleiter Jona Manow und Videodesigner Andreas Hauslaib ließen das riesige Industriedenkmal lebendig werden, in allen Farben erstrahlen, sich völlig verändern in ein schwankendes Schiff, in eine kleine Stadt, in einen Schiffsrumpf mit arbeitenden Zahnrädern, in eine Ansammlung von Containern, wie sie links in Wirklichkeit auch stehen.

Geisterschiff durchfährt die Szene

Zu Beginn schwingen bunte Anker über das ganze Gebäude, spiegeln sich zusätzlich im Wasser. Mit dem Auftritt des Holländers „Die Frist ist um“ wandelt sich die Szenerie in eine bewegte Unterwasserwelt. Sentas Zimmer in Dalands Haus ist häuslich: Das Lagerhaus wirkt wie bespannt mit gelben Spültüchern, andere Tücher hängen an Haken. Der Aufgangsturm links wandelt sich in einen Küchenschrank mit Tassen, Flaschen und Tellern, bis all die schönen Kitchen Tools explodieren, als Eric auftritt. Höhepunkt der Szenen ist aber doch das Erscheinen des Geisterschiffes mit geheimnisvollen blauen Gestalten in blauem Nebel. Von links nach rechts durchfährt es die Szenerie, während die norwegischen Matrosen ein ausgelassenes Trinklied singen. Am Ende der Oper entschwindet eine riesenhafte Senta auf einer Wendeltreppe nach oben und stürzt sich vom mittleren Turm in die Tiefe. „Hier steh’ ich, treu Dir bis zum Tod!“

Ein Video vom Abend finden Sie hier:

Der Holländer im Hafenbecken

Die Entstehung von Wagners Fliegendem Holländer ist beinahe so abenteuerlich wie die Oper selbst. Heinrich Heine veröffentlichte den Holländer-Stoff in seinem Fragment „Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ 1831. Wagner hatte diesen Text in Riga gelesen, wo er als Kapellmeister in Stellung war, vor seinen Gläubigern per Schiff fliehen musste und im Skagerrak in Seenot geriet.

1843 erfolgte die Uraufführung in Dresden. Heines Erzählung bricht auf dem Höhepunkt plötzlich ab, für den Dramatiker und Musikdramatiker Wagner ging es aber eher um die Zeitlosigkeit der Holländerfigur. Heines Problematik vom ewigen Juden Ahasver wandelte sich bei Wagner in eine Künstlerproblematik, in die Verbindung der Motive Geisterwelt–Menschenwelt–Weltschmerz.

Auch Wagners Musik steht im Übergang zwischen Herkömmlichem und Neuem. Als Nummernoper angelegt, finden sich Titel wie Ballade, Arie, Szene oder Duett. Spinnerlied und Matrosenchöre sind volkstümlich melodische Einfälle. Eine Besonderheit ist die Ouvertüre, eine sinfonische Dichtung, die schon die gesamte Handlung vorwegnimmt. Und schon in der Ouvertüre hatte das Philharmonische Orchester Regensburg unter der Leitung von GMD Tetsuro Ban eher auf Plakatives gesetzt als auf leise Töne.

Schwierige Koordination

In dieser klanglichen Situation, die jeden einzelnen Musiker verstärkte und über die Lautsprecher zum Publikum übertrug, die beste Möglichkeit, auch für die ganze Oper. Das Blech kam klar und deutlich zum Einsatz, verwegene Streicheraufschwünge sorgten für den nötigen Drive. Die äußerst schwierige Koordination von Orchester im Zelt unter Tesuro Ban, den Chören auf dem Schiff, dirigiert von Alistair Lilley, den Solisten auf der Rampe vor dem Lagerhaus, dirigiert von Tom Woods und souffliert von Satomi Nichi, und Israel Gursky, der mit der Tonregie im Zelt befasst war, gelang allen Beteiligten prächtig. Dass man im Publikum auch von den doch weit entfernten Sängern etwas sehen konnte, nicht nur hören, war der Video-Übertragung auf den beiden Seitentürmen des Lagerhauses zu verdanken. Gut zu erkennen agierten Daland Jongmin Yoon, Senta Aile Asszonyi, Eric Steven Ebel, Mary Vera Semieniuk, Steuermann Angelo Pollak und Holländer Adam Kruzel mit schlichter Gestik in semikonzertanter Weise. Die gesanglichen Leistungen waren auf sehr hohem Niveau, Senta Aile Asszonyi fand ganz kluge Abschattierungsmöglichkeiten für ihre Ballade. Nur Eric Steven Ebel schien ein wenig angestrengt.

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