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Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Ausstellung

Der Hort für widerständige Kunst

Die Ost-West-Galerie bot ab 1992 einen Ort für Künstler, die Tiefe statt Glattpoliertes suchten. Jetzt schließen die Knyrims.
Von Gabriele Mayer, MZ

Die Zwei von der Ost-West-Galerie: Brigitte und Helmut Knyrim in ihren Räumen Hinter der Pfannenschmiede. Die Galerie schließt im Januar. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Den Abschluss der Galeristentätigkeit von Brigitte und Helmut Knyrim bildet eine große Ausstellung von Arbeiten verschiedener Künstlerinnen und Künstler, die über die Jahre von der Galerie vertreten wurden. Die Leerstelle, die nun in der Kunstlandschaft von Regensburg und der Region entsteht, wird sich schwer füllen lassen. Und mehr noch: Einzigartig in ganz Deutschland war von Beginn an die Ausrichtung der Ost-West-Galerie Knyrim.

Angefangen hat alles 1989. Der Kunsterzieher Helmut Knyrim, der im Rahmen seines Münchner Akademiestudiums auch Keramik-Kurse besucht hatte und bis heute als künstlerischer Keramiker tätig ist, lernte den tschechischen Keramikkünstler Michael Skoda kennen. Durch ihn bekamen die Knyrims Einblick in die faszinierende Keramik-Kunst der ehemaligen Ostblockstaaten. Sie machten sich als Pioniere auf Entdeckungsreise. „Das waren keine Töpfer, sondern Bildhauer, die oft an den Akademien mit Ton gearbeitet haben, weil das für die kommunistischen Kunstkommissare unverfänglicher war, denn Keramik galt als Volkskunst“, erklärt Helmut Knyrim.

Diesen Schwerpunkt gab’s nur hier

Jürgen Huber in der Galerie Knyrim: Seine Werke sind noch bis 28. November bei Knyrim zu sehen. Foto: Tino Lex/altrofoto.de

Mit Hana Purkrábková und ihren runden Figuren mit den ausdrucksvollen Gesichtszügen eröffnete dann 1992 die Galerie. Weiter ging’s unter anderem mit Lubomir Silar, der eine eigene Technik schuf. Oder mit Antje Scharfe, die aus mattem Porzellan feinst strukturierte Formen entwickelte. Den Schwerpunkt osteuropäische Keramik-Kunst, den hatte in Deutschland nur diese Galerie.

Ein zweiter Schwerpunkt entstand aus der Leidenschaft von Brigitte Knyrim für China. Auf ihren Reisen dorthin entdeckte sie verschiedene Künstler und brachte sie nach Regensburg. Ren Hui zum Beispiel hatte dann eine große Ausstellung in der Städtischen Galerie. Eine kleine Drehscheibe zwischen Ost und West war diese Galerie.

Für die harten Sachen war Helmut zuständig

Lena Bosch in der Galerie Knyrim: Der Künstlerin war 2015 eine Geburtstagsausstellung gewidmet. Foto: MZ-Archiv

Ab 1997 hielten auch Malerei und Graphik Einzug in die Räume. Vom befreundeten Galeristen Rudi Pospieszczyk, der die Künstlergruppe SPUR und ihre Nachfolger vertrat, die mit expressiver Krudheit dem Unbewussten und Existentiellen nachforschen, übernahmen die Knyrims einige Künstler. Und zeigten fortan auch Werke weiterer Kunstschaffender, Werke von Künstlern, die mit neuen Aspekten diese Richtung verfolgten und modifizierten, die nicht nur gefällig sein will, sondern eine gewisse Widerständigkeit, Tiefe und Verbindlichkeit beansprucht: „Für die harten Sachen war Helmut Knyrim zuständig“, sagt Brigitte Knyrim.

Eine Aufgabe für die Stadt Regensburg wäre die Förderung der Oberpfälzer Kunst, deren einzig starke kunsthistorische Position in der SPUR und ihrem Umkreis liegt, damit dieses Gesicht der Oberpfälzer Kunst sichtbar bleibt, sagt Helmut Knyrim. Zu den Malerinnen und Malern der Galerie Knyrim zählen unter anderen Gisela Conrad, Franz Hitzler, Jürgen Huber, Harald Klinger, Tom Kristen, Natascha Mann, Sara Rogenhofer, Leo Schötz. Einige ihrer regionalen Künstler präsentierten die Knyrims auch auf dem überregionalen Kunstmarkt der Art Karlsruhe, der Art Vienna und der Art Dresden.

Eine Idee: ein offenes Atelier

Helmut Knyrim, der Keramikkünstler, vor einer seiner beeindruckenden Stelen: In seiner Geburtstagsausstellung 2015 zeigte er auch Gemälde und Fotografien. Foto: MZ-Archiv/altrofoto.de

Glattpoliert ist die Kunst dieser Galerie nicht gewesen. Heute allerdings werde Kunst von Design oft nicht mehr unterschieden, vielen der jüngeren Ausstellungsbesucher seien Qualitätsunterschiede nicht klar: „Bilder haben aber die Fähigkeit, den Menschen anzugreifen, man spürt das zwar und ist berührt, doch man will sich davor schützen.“ Und die Meta- und die symbolischen Ebenen der Kunst seien oft gar nicht mehr bewusst, sagt Helmut Knyrim. Oder sie gelten nicht als wichtig, könnte man hinzufügen. Design freilich hat stets eine Funktion, Kunst dagegen ist frei, ihre Funktion ist offen, sie ist, wenn die Kunst etwas taugt, komplex, existentiell und in einem weiten Sinn politisch, weil sie unsere Wahrnehmungsgewohnheiten irritiert, unsere Empfindungen und die Reflexionen in Gang setzt, weil wir uns in ihr auf immer neue und, wie in keinem anderen Medium, umfassende Art selbst reflektieren können.

Aber wie geht’s nun weiter? Nein, die Knyrims setzen sich nicht zur Ruhe. In den Galerieräumen will der Keramik-Künstler Helmut Knyrim selbst weiterarbeiten, auch Brigitte Knyrim, die sich der Kunstfertigkeit der Quilt-Herstellung zuwendet, wird man dort sehen. Und jeder kann hereinkommen, sagen sie. Und sie spielen mit dem Gedanken an ein offenes Künstleratelier in den drei Räumen, für Künstler ihrer Wahl.

Die letzte Ausstellung

  • Termine

    Unter dem Titel „Blick zurück“ sind bis 28. November Werke von Jürgen Huber in der Galerie Knyrim zu sehen. Die letzte Ausstellung der Galerie wird dann am Freitag (4. Dezember, 20 Uhr) eröffnet; Finissage ist am Samstag (30. Januar, 11 Uhr). Die Galerie Hinter der Pfannenschmiede ist geöffnet Mittwoch bis Freitag (15 bis 20 Uhr) und Samstag (11 bis 14 Uhr)

  • Ausstellung

    Die Galerie Knyrim zeigt in ihrer letzten Ausstellung Werke von Künstlern, die sie über lange Zeit hinweg begleitet hat. Vertreten sind unter anderem Werke von Malern wie Franz Hitzler, Gisela Conrad, Tom Kristen und Natascha Mann sowie von Keramikkünstlern wie Martin Möhwald, Karel Pauzer, Hana Purkrábková und Antje Scharfe, Info: (09 41) 5 54 27.

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