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Donnerstag, 21. September 2017 19° 2

Beziehungen

Der Liebe ist einfach nicht zu trauen

Macht kaputt, was euch kaputt macht! Nur gleich und gleich hat Aussichten auf Bestand – sagt der Schweizer Thomas Meyer.
Von Harald Raab, MZ

Ein handfester Streit in einer Beziehung muss noch nicht das Ende bedeuten. Autor Thomas Meyer sagt aber: „Wer seinen Partner verändern will, macht bloß zwei Menschen unzufrieden.“ Foto: dpa

Regensburg.Dieses Buch hätte das Zeug dazu, Heerscharen von Eheberatern und Psychologen arbeitslos zu machen, die an Paarproblemen herumdoktern – und gutes Geld damit verdienen. Der Schweizer Autor Thomas Meyer ist bisher eher bekannt durch witzige Beiträge zum Thema Beziehungskisten, etwa mit dem Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“. Jetzt hat er im Züricher Salis Verlag einen Ratgeber für kreuzunglückliche Gefangene in destruktiven Paarkonstellationen herausgebracht. Der Titel „Trennt Euch!“ ist Programm und Handlungsanweisung.

Das Essay-Buch „über inkompatible Beziehungen und deren Ende“ sorgt reichlich für Wirbel – nicht nur in der Eheberatungs-Szene. Denn wer ist schon rundherum glücklich in Ehe oder Partnerschaft? Wer hegt nicht ab und zu finstere Gedanken, den nervigen, ignoranten Partner, die ewig unzufriedene motzende Frau an seiner Seite zum Mond zu schießen?

Meyer wendet die 68er-Parole auf die heilige Privatsphäre an: Macht kaputt, was euch kaputt macht! Trennung also. Wenn das denn so einfach wäre. Freiheit macht nicht nur Angst vor dem Alleinsein. Ihr Preis ist nicht selten auch, speziell für Frauen, wirtschaftliche Schlechterstellung bis hin zur Armut. Deswegen, wegen der Kinder und des gemeinsamen Hauses und vieler Umstände mehr arrangiert man sich. Irgendwie passt es halt doch noch.

Der Autor hängt – wie der gesamtgesellschaftliche Diskurs über Paarbeziehungen – in einer bürgerlich-kapitalistischen plus romantischen Vorstellung von Gemeinsamkeit zwischen Mann und Frau fest, einschließlich diverser anderer Formen der geschlechtlichen Selbstdefinition. Idealvorstellungen werden zur tyrannischen Norm. Zum Beispiel Freiheit und Selbstverwirklichung. Meyer spricht sogar von einem „moralischen Recht auf Glück“. So weit geht nicht einmal die amerikanische Verfassung, die nur das Streben nach Glück zu einem Menschenrecht verklärt.

Vom Glück als Evolutionsvorteil

Meyer postuliert in voller Naivität das herrschende Mantra des Fortschritts: „Ich glaube, dass der Sinn des Lebens darin besteht, Freude zu empfinden und zu teilen.“ Er will sich nicht dreinschicken, dass das Leben nur einen kreatürlichen Sinn hat, es muss gelebt werden. Glück ist, so es einen Schöpfungsplan gibt, dabei nicht vorgesehen, schon gar nicht als höchstes aller Ziele. Es geht nur ums Überleben. Keine Frage, dabei kann Glücklichsein durchaus einen Evolutionsvorteil beisteuern.

Wie realistisch war doch dereinst beim Adel die Trennung zwischen Glück im Bett und anregender Freundschaft auf der einen Seite und andererseits die Ehe, Fortbestand des Geschlechts inklusive des ererbten Besitzes. Das bürgerliche Ideal von der einen, alles bietenden, ewigen Partnerschaft überfordert die Institution der Ehe und die Menschen in ihr. Sie müssen alles auf einmal leisten und scheitern folgerichtig.

Interessant sind Meyers Überlegungen dort, wo er der Liebe eine Absage als Problemlöser, Allesheiler und Allesüberwinder erteilt. Zu einer gelingenden Partnerschaft gehört mehr als Liebe. Wer länger oder gar auf Dauer zusammenbleiben will, sollte eher auf den Gleichklang bestimmter Eigenschaften achten: „Humor, Intelligenz, Wertevorstellungen, Lebensumstände und -ziele, persönliche Reife, Sexualität, Spiritualität und Beziehungsmotive.“

Beziehungskrüppel weit und breit

Der Autor, der markige Sprüche liebt, formuliert es so: „Liebe ist kein Grund, mit jemanden zusammen zu sein.“ Eine Partnerschaft könne nur glücken, wenn sie auf dem basiere, „was eine Freundschaft ausmacht: Interesse aneinander, Achtung voreinander und Verständnis füreinander“. „Die Nichtpassenden – die Unähnlichen, die Inkompatiblen – geben sich ständig Rätsel auf. Sie sind einander zwar zugetan, sehen aber zu vieles verschieden, und wenn sie ihre gemeinsame Zeit zum größten Teil dafür aufwenden, sich dem anderen verständlich zu machen, gelingt ihnen das nur ausnahmsweise. Letztlich bleiben sie sich fremd.“

„Liebe ist kein Grund, mit jemanden zusammen zu sein.“

Autor Thomas Meyer

Steil ist die These Meyers, dass in vier von fünf Partnerschaften Gemeinsamkeiten in Charakter, Lebensplanung und Weltsicht nicht oder doch nicht ausreichend vorhanden seien. Empirische Belege kann er nicht anführen. Er sieht nur leidende Beziehungskrüppel. Ein gangbarer Mittelweg ist für ihn nicht vorhanden. Es werde immer scheitern, die Verschiedenheit zwischen Menschen überbrücken zu wollen, behauptet er. Reifungs- und Entwicklungsprozesse negiert er. „Wir werden mit unserem Naturell geboren und sterben mit ihm.“ Selbsttäuschung pflastert den Weg zur Ehehölle: „Wer seinen Partner verändern will, macht bloß zwei Menschen unzufrieden.“

Dort werden die Ausführungen wieder interessant, wo der Umgang mit gewollter oder auch nur erduldeter Trennung ausführlich thematisiert wird. Meyer mag es radikal: Das ist der Charme, aber auch die Schwäche dieses Buches. Die Realität des Lebens aber ist nicht ein Entweder/Oder, sondern meist ein permanenter Kompromiss. Freilich sollte der konstruktiv sein. Abschied von den Flausen der Liebe ist ein wichtiger Schritt dazu. Wer solche Arrangements klug schließt, kann letztendlich eine Win-Win-Situation daraus machen – mit oder ohne Trennung. Willkommen im Club der Realisten des Lebens.

Thomas Meyer stellt tabulos viele wichtige Fragen zum Dauerthema Beziehungsprobleme und Trennung. Ob die schnellen, kurzen Antworten den doch individuell sehr verschiedenen Situationen der Paare gerecht werden können, muss jeder für sich entscheiden.

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