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Kultur
Montag, 23. Oktober 2017 12° 7

Ausstellung

Der Mensch hinter den Schablonen

Diesen Figuren kommt man irgendwie nicht nahe: Die Regensburger Galerie Madesta zeigt Arbeiten von Julian Opie und Alex Katz.
Von Gabriele Mayer, MZ

Von Julian Opie: „Walking in the Rain“, zu sehen in der aktuellen Ausstellung der Galerie Andrea Madesta in der Oberen Bachgasse Foto: altrofoto.de

Regensburg. Die Galerie Madesta präsentiert: Alex Katz, Jahrgang 1927, und Julian Opie, Jahrgang 1958, zwei Klassiker der Pop-Art. Doch ihr Thema ist nicht so sehr die Werbe- und Waren-Ästhetik, sondern der Mensch auf der Straße und von nebenan. Das Werk beider ist längst selbst popularisiert worden und hat, freilich unter Verlust der Spannkraft und Bedeutung des Originals, Eingang in die Alltagskultur gefunden: Bei Katz sind es die Cut-Outs, viele Zeitungs-Illustrationen sind heute Cut-Outs. Und Opies Bilder können als Maßstab für Icons aller Art gelten, untergraben diese Mode aber auch von vornherein. Beide Künstler sind berühmt für ihre Erneuerung der Porträtmalerei.

Opies Markenzeichen sind flächig wirkende Figuren mit stark konturierten Umrisslinien. Alles an ihnen wirkt klar und auf das Wesentliche konzentriert. Doch dieses Wesentliche besteht bei Opie eben nicht im Reduzieren aufs Triviale, das Wesentliche dieser Figuren ist gerade etwas Nicht-Triviales, das sich scheinbar nur einfach und klar zeigt, sogar ganz ohne Mund, Augen oder Nase. Es sind ihre Körperhaltung und die Art, wie sie ihre Requisiten tragen, die ihnen einen vertrauten, aktuellen, dennoch schwer zu greifenden Ausdruck verleihen. Bewegt wirken die Figuren, obwohl sie durch ihre schwarzen Umrisse wie eingefroren sein müssten. Aber nein, sie sind nur unnahbar, diese Leute von nebenan, die wir auf den Siebdrucken sehen.

Ope und Katz

  • Die Künstler:

    Julian Opie lebt in London. Heute zählt er zu den Top-Stars der zeitgenössischen Pop-Art. Der US-Amerikaner Alex Katz arbeitet seit den 1960er Jahren mit einfachen und reduzierten Mitteln und gehört zu den wichtigsten Vertretern der Pop-Art.

  • Die Ausstellung:

    Die Schau in der Galerie Andrea Madesta, Obere Bachgasse 16, dauert bis 26. Februar. Neben Werken von Opie und Katz sind Arbeiten von Allen Jones, Mel Ramos, Andy Warhol, Tom Wesselman und Lüperts zu sehen.

In seinen Wackelbildern (und dem Video) setzt Opie dann die Bewegtheit ganz real ein, wenn er „The Academic“, „The Musician“ oder andere Stereotypen in ihrem Bildrahmen sogar zum Laufen bringt. Doch trotz der titelgebenden Typisierung bleibt auch diesen Figuren noch etwas Anderes, irgendein Mehr, etwas das wir nicht fassen, das hinter der Geschlossenheit von Kontur und glatter Oberfläche verborgen ist: Das Geheimnis einer Individualität, möchte man es nennen.

Ein Spiel zwischen Raum und Fläche

Opie hat übrigens zu Beginn seiner Karriere mit geometrischen Körpern experimentiert, die Kompaktheit der Umriss-Linien zeugt davon. Mit den Wackelbildern und Aluminium-Wandobjekten tastet er sich erneut in die Dreidimensionalität hinein: Ein durchdachtes Spiel zwischen Raum und Fläche, wie um die Doppelbödigkeit der jeweiligen Medien zu untersuchen, auf denen Kunst allemal zur Erscheinung kommt.

Die Ausstellung erzählt auch von der aufgefächerten Geschichte der Pop-Art. Neben Opie und Katz präsentiert sie weitere Vertreter dieser Kunstrichtung, die so sehr von den Oberflächen der Dinge und ihren Reizen fasziniert ist. Die anmutigen Bronze-Skulpturen von Lüpertz demonstrieren darüber hinaus, wie und mit welchem Effekt man Körperlichkeit ganz anders als Opie auffassen kann. Bei Lüpertz fransen die Körper in den Raum hinaus. Opie dagegen fängt den Raum in den Figuren ein und grenzt sie ab.

In der Ausstellung der Galerie Madesta zu sehen: Werke von Alex Katz, hier „Grey Dress“ (vorn) und „Sarah“ (Mitte) Foto: altrofoto.de

Kommen wir zu Katz, dem Porträtisten, der sich an der Oberfläche von Gesichtern festbeißt, als ob er darin alle Bedeutung der Welt suchen wollte. Er malt Porträts von Leuten aus seinem persönlichen Umkreis. Feine Farben, zarte Linien, schablonenartige Konturierung durch Akzentsetzungen bei Lippen oder Augen und durch verschiedene Leerstellen in der Fläche. Katz stellt individuelle Gesichter in gewisser Weise schematisch, als alltägliche Gesichter und in überdimensioniertem Format dar. Trotzdem kommen wir ihnen nicht nah, erkennen nicht ihre Gefühle. Sie wirken undurchdringlich, oberflächlich, aber anders als es bei x-beliebigen Medienbildern der Fall ist, die ein besonderes Annähern-Wollen gar nicht erst auslösen, sondern sich schnell erschöpfen. Katz beschwört etwas Individuelles, das uns aber gezielt fern und fremd bleibt.

Das Individuelle ist nicht fassbar

Naiv, vermessen und vergeblich erschiene es da, noch zu glauben, Zeichnung, Malerei und Fotografie könnten den Kern einer Persönlichkeit sichtbar machen oder in der Darstellung das Wesen eines Subjekts zum Ausdruck bringen. Nein, dieses Individuelle ist bei Katz ganz in den unzugänglichen Hintergrund getreten; was bleibt, sind die zarte Oberfläche und ihr Reiz. Das ist die radikale Konsequenz dieses Ansatzes, der das Individuelle im Schablonen-, Zeichen- und Symbolhaften vielleicht noch beschwört, aber sich der Vergeblichkeit dieses Ansinnens bewusst ist. Wenn man das Individuelle als das Singuläre definiert, dann ist es sowieso mit Zeichen, Programmen, Gesetzmäßigkeiten: kurz mit Sprachen aller Art nicht erfassbar – vielleicht, weil es zu vielschichtig ist.

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