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Kultur
Freitag, 15. Dezember 2017 6

Sachbuch

Der Nahe Osten: tödlich nahe

Ulrich Kienzle analysiert die Dauerkonflikte auf einem Pulverfass der Weltpolitik – und entlarvt unseren naiven Blick.
Von Harald Raab, MZ

Iraker fordern auf dem Tahrir-Platz Reformen: Der Arabische Frühling brachte keine neue Ordnung; er vergrößerte das Chaos, sagt Kienzle. Foto: ALI ABBAS/EPA

Regensburg.Deutschland steckt in einem Dilemma: Der Wirtschaftsriese ist längst auch politischer Global Player. Ob es die Deutschen wollen oder nicht. Das ist ein Geschäft, in dem man Fehler zuhauf und sich oft genug die Hände schmutzig macht. Die meisten Bürger verschließen vor dieser Realität die Augen. Die einen wollen möglichst einen Zaun um ihre erträumte nationale Idylle bauen. Die anderen verstehen sich als die barmherzigen Samariter, die allen Mühseligen und Beladenen die Grenzen weit öffnen wollen.

Parallel dazu ist die Sicht auf die Welt deutschlandzentriert. Man sieht sich als Maßstab aller Dinge, teilt ein in Gute und Böse und glaubt, für alles eine Lösung zu haben. Fatal dabei ist: Die anderen Völker denken nicht daran, am deutschen Wesen zu genesen. Siehe Flüchtlingskrise. Die Deutschen als Bannerträger der Humanität – in ihrer Selbstwahrnehmung. Von außen gesehen werden sie mit ihrer demonstrativen Willkommenskultur eher als Verursacher dafür identifiziert, dass Europa 2015 zum Magnet für Menschen in Nöten geworden ist, aus dem Nahen Osten und aus Afrika.

Was dort wirklich passiert, wie verworren die Verhältnisse dort sind, wie fließend die Grenzen zwischen Tätern und Opfern, wird ausgeblendet. Der chaotischen Destruktivität vieler arabischer und afrikanischer Länder blickt man lieber nicht ins Auge.

In dieser desperaten Situation kommt das Buch „Tödlich Naher Osten“ von Ulrich Kienzle gerade recht, dem ausgewiesenen Kenner dieser mit Leid und Hass getränkten Region. Der einstige ZDF-Korrespondent hat in elf kompakten Länderporträts die Selbstzerstörung der arabischen Welt schlaglichtartig beleuchtet: von Ägypten bis Syrien, vom Irak bis Libyen, von der Türkei bis Marokko. Dazu stellt er knappe Interviews mit Männern und Frauen aus diesen Ländern, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben. Eindrucksvolle Fotos von Stefan Nimmesgern geben den Menschen Gesicht und Statur.

Menschen ohne Zukunft

„Demokratie kann man nicht essen“ – so hat Autor Kienzle sein Kapitel über Tunesien getitelt. Genau das ist das Missverständnis vom Arabischen Frühling. In den Medien wurden die überall aufflackernden Unruhen als Ruf nach Demokratie bejubelt. Die Wahrheit ist viel banaler. Der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi hatte ganz andere Sorgen. Die Polizei hatte im Dezember 2010 seine Waage beschlagnahmt. Er übergoss sich mit einem Lösungsmittel und zündete sich an. Der Selbstmord ein Fanal, weil er seine Existenz vernichtet sah.

So begannen überall in den arabischen Ländern Proteste, Aufruhr. Die Situation des Gemüsehändlers ist genau die von Millionen, vor allem von jungen Arabern. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo waren es überwiegend junge Leute, die gegen das korrupte System Mubarak protestierten. Sie hatten keine Aussicht auf Job oder Wohnung. Die Überbevölkerung der arabischen Gesellschaften spitzt das Problem zu. Die Menschen sehen für sich keine Zukunft. Von wegen demokratischer Urknall – eine grobe Fehleinschätzung, urteilt Kienzle.

Ulrich Kienzle Foto: Galuschka/dpa

Kienzles nüchterne Bilanz: „Diktatoren verschwanden. Ben Ali in Tunesien, Mubarak in Ägypten, Saleh im Jemen, Gaddafi in Libyen. Der sogenannte Arabische Frühling brachte keine neue Ordnung. Er vergrößerte nur das Chaos im Nahen Osten und die Selbstzerstörung der arabischen Welt.“

Die Araber haben es zuerst mit Nationalismus und Sozialismus versucht. Es ging schief. Jetzt wird die religiöse Karte gespielt. Religion ist die neue Waffe im Kampf um Deutungshoheit und reale Macht. Nicht nur Kienzle sieht den Islam im „Vernichtungsfeldzug gegen sich selbst“. Ohne Rücksicht auf Verluste. Sunniten gegen Schiiten, aber auch Sunniten gegen Sunniten. Der wahhabitische Steinzeit-Islam Saudi-Arabiens hat den gemäßigten Islam verdrängt, der in Koexistenz mit anderen Religionen leben konnte. Der Islamische Staat ist die grauenhafte Zuspitzung dieser Entwicklung.

Religion als Spielart der Politik

Dazu der AKP-Islam des Autokraten Recep Tayyip Erdogan. Sein Ziel: Islamisierung der Türkei. Dass der auch auf Europa übergreifen wird, ist in den DITIB-Moscheen in Deutschland zu besichtigen. Die Imame sind nicht von ungefähr Beamte der türkischen Religionsbehörde. Es wird in Deutschland nicht begriffen, dass Religion im islamischen Verständnis immer auch eine Spielart des Politischen ist.

Der Nahost-Experte

  • Ulrich Kienzle

    war lange Jahre Nahost- und Afrika-Korrespondent für das ZDF.

  • Sein Buch

    „Tödlich Naher Osten – Eine Orientierung für das orientalische Chaos“ ist bei sagas.edition erschienen: 286 Seiten, 19,99 Euro.

Um das Maß vollzumachen: In den arabischen Staaten wird ein Krieg um die Vormachtstellung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien ausgetragen, in Stellvertreterfunktion auch für die USA und Russland. Kienzle verweist auf das Beispiel Syrien: „Es ist der komplizierteste Konflikt der Weltpolitik. Amerikaner, Russen, Iraner, Saudis, Kataris, Türken, Kurden, Iraker, Libanesen, und natürlich Syrer bekämpfen sich hier. Syrien ist der Ort, an dem die Selbstzerstörung der arabischen Welt besonders sichtbar wird.“

Kienzle schließt mit einer Warnung: „Die Konflikte des Nahen Ostens sind längst unsere Konflikte geworden. Kurden gegen Türken, Palästinenser gegen Israelis. Türken gegen Türken. Der Nahe Osten ist dem Westen nahe gekommen. Tödlich nahe.“

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