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Kultur
Sonntag, 25. Juni 2017 27° 5

Theatertage

Der ruhende Pol hinter der Bühne

Welche Deko muss ins Velodrom? Und: Wo parkt der Lkw aus Fürth? Gut, dass Regensburgs Technik-Chef Nerven wie Drahtseile hat.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Cristo Twele auf der Bühne des Theaters am Bismarckplatz: Als Technischer Chef der Theatertage hat er 50 Vorstellungen im Blick. Foto: altrofoto.de
  • Carsten Stier in „Wertherschlachten“, am 6. Juni im Jungen Theater zu Gast: Jede Inszenierung beim Festival wird auf Regensburg zugeschnitten. Foto: Lea R. Wörner

Regensburg.Cristo Twele strahlt Ruhe aus. Er geht durch die Kutschendurchfahrt des Theaters am Bismarckplatz, wo Arbeiter gerade einen Infopoint aus Baumschwarten aufbauen. Sein Tempo ist nicht langsam, aber auch nicht schnell, und seine ganze Körperhaltung sagt: Nichts liegt ihm ferner als Hektik – obwohl die Bayerischen Theatertage vor der Tür stehen. Von Cristo Twele hängt in den kommenden zwei Wochen viel ab. Der Technische Leiter des Festivals muss rund 50 Vorstellungen an zehn Schauplätzen handlen. Viel Holz.

35 Ensembles reisen von 28. Mai bis 10. Juni mit ihren Inszenierungen an. Wer sich klonen könnte, könnte 83 Stunden oder 3,5 Tage nonstop Theater erleben: an den üblichen Spielstätten von Bismarckplatz bis Haidplatz, aber auch an ungewöhnlichen Schauplätzen wie dem Kunst- und Gewerbehaus. Cristo Twele und sein Team aus gut 40 Kollegen setzen den Rahmen.

Eine Kunst für sich: der Zeitplan

375 Tonnen Material und Deko werden gut 100 Lastwagen aus Bayern, aus Norddeutschland und aus Nachbarländern anliefern. Wo sind die Hängeäpfel für die Oper „Albert Herring“? Was ist mit dem Bühnensand für die „Jagdszenen aus Niederbayern“? Den Papierstößen für „Wertherschlachten“? Und: Ist das Bett für „Gefährliche Liebschaften“ schon abgeladen? Der Technik-Chef wird mit solchen Fragen abgeklärt umgehen: „Im Endeffekt versuche ich einfach, dass das Personal und das Material am Ort sind.“ Rechtzeitig, versteht sich. Der Zeitplan ist ein kleines Kunststück, wenn man bedenkt, dass manche Spielorte nach ein paar Stunden schon wieder in Beschlag genommen werden. Vor knapp einem Jahr ging Twele in die Vorbereitung. Die Kollegen aus Bayern sondierten in Regensburg, was wohin passen könnte, wie viel die eigenen Teams schultern und wo es Regensburger Support braucht. Unter den gut 500 Theaterleuten, die ins „Wilde Bayern“ kommen, sind 280 Technik-Personal.

Am 4. Juni ballt sich alles

Mit Blick auf den 4. Juni wird sogar Cristo Twele ein wenig flau: „Der Tag liegt mir am meisten im Magen.“ Sechs Veranstaltungen sind parallel vorzubereiten. „Gilles Frau“ am Haidplatz etwa wird ein relativ einfaches Gastspiel, aber für „I’m afraid of what you do in the name of your god“ muss der ganze Raum gedreht werden. Tanz, Schauspiel, Podiumsdiskussion, nachts Jazz im Foyer Neuhaussaal – und im BMW-Werk steigt auch noch die Generalprobe für die große MZ-Benefizgala mit den Philharmonikern.

Die mit Abstand opulenteste Produktion wird „Gefährliche Liebschaften“ vom Gärtnerplatztheater. Weit über 100 Beteiligte stemmen das Musical am 31. Mai am Bismarckplatz. „Dieses Gastspiel“, sagt der 33-Jährige, „bringt den Bühnenraum an den Rand seiner Grenzen.“

Ein Interview mit Intendant Neundorff zu den Theatertagen lesen Sie hier.

Das Festival braucht Planung – aber auch Flexibilität. „Wir möchten ja, dass sich die Häuser hier gut präsentieren können“, betont Twele. Manche Sachen findet er ziemlich spannend. Den 6. Juni etwa: Das Stadttheater Fürth, wo der Bühnen- und Beleuchtungsmeister früher gearbeitet hat, zeigt „Der Held der westlichen Welt“. Die Inszenierung hat nur zwei Tage vorher in Fürth ihre Premiere. „Also wissen wir erst, was auf uns zukommt, wenn das Ensemble da ist.“

Im „Wilden Bayern“ wird auf jeder Bühne jeden Tag ab 8 Uhr gearbeitet. Die Tafelhalle Nürnberg etwa baut am 31. Mai bis Mitternacht ihre „Jagdszenen“ im Velodrom ab, bis vier Uhr früh richtet dann das Bayerische Staatsballett die Beleuchtung für den 1. Juni ein. „Jeder freut sich auf das Festival“, sagt Twele. „Das hilft über manche Klippe.“

Ein Marathon durch die Behörden

Safety first: In der Inszenierung von „Das Schwarze Wasser“ drückt ein Schauspieler eine Zigarette auf dem Boden aus. Deshalb bekommt dieses Fleckchen Bühne eine Metallplatte – mit amtlichem Segen. Der Genehmigungsmarathon durch die Behörden brauchte langen Vorlauf. Ein Okay kam diese Woche noch: OB Joachim Wolbergs darf am Samstag zur Eröffnung im denkmalgeschützten Neuhaussaal ein Fass Bier anzapfen.

„Come Together“ am Haidplatz

  • Konzert:

    Das Theater Regensburg, eine Kulturinstitution mit über 300 Mitarbeitern aus 26 Nationen, setzt ein politisches Statement für Offenheit und Toleranz: mit dem Konzert „Come Together – Again“ am Sonntag (29. Mai, ab 15 Uhr) open-air auf dem Haidplatz.

  • Die Premiere:

    Im Oktober 2015 fand sich im Velodrom ein bunt gemischtes Publikum zu einem besonderen Abend zusammen (Foto: lla). Menschen verschiedenster Herkunft hörten Brahms und ukrainische Liebeslieder, lauschten afghanischem Rap und Elektro-Pop.

  • Die Botschaft:

    Das Konzert „Come together – Refugees welcome on stage“ war ein durchschlagender Erfolg und zeigte, dass Kunst, Kultur und gemeinsames Feiern die Menschen verbindet.

  • „Wir glauben, dass es wichtiger denn je ist, im Gespräch zu bleiben“, so ein Statement des Theaters. Deshalb gebe man Künstlern mit Fluchthintergrund erneut eine Plattform.

  • Die Musiker:

    Auf dem Haidplatz ist Musik aus aller Welt zu hören. Unter anderem wirken mit: Sänger Muhammed Fahed Kwayder (Syrien), das syrische Trio Bashar Haidar Alsharani, Fawaz Haidar Alsharani und Aghiad Alsagher, Arpad Vulkan (Budapest), Kebede Lemma (Äthiopien), der Projektchor Steinweg unter der Leitung von Joseph Wasswa (Uganda), der Akkordeon-Club Regensburg, Anton Seutter, Satomi Nishi, Martina Fender, Andreas Januschke, Isabell Fischer, die Demograffics, die Theaterband und die Schüler-Band Aber Hallo.

Der Technik-Chef stammt aus Neumarkt. Er entschied sich als Berufsanfänger für den damals noch relativ neuen Beruf „Fachkraft für Veranstaltungstechnik“. Er schaute sich im Bereich Rock, Theater und Event um und ging an das Theater Fürth. Dort sammelte 2007 bereits Erfahrung mit Bayerischen Theatertagen. Cristo Twele würde sich selbst eine gewisse Nervenstärke zuschreiben. „Das ist ja in diesem Beruf auch wichtig: Wer für Sicherheit zuständig ist, muss auch in riskanten Situationen Ruhe bewahren.“ Gelassenheit habe er über die Jahre trainiert, sagt er – und geht wieder Richtung Bühne. Nicht langsam. Aber auch nicht schnell.

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