mz_logo

Kultur
Montag, 23. Oktober 2017 12° 7

Kino

Der ruhende Pol im Strom bewegter Bilder

Am 24. November erhält Medard Kammermeier den Preis für gutes Kino, an seiner Seite: zwei Jüngere, die langsam übernehmen.
Von Marianne Sperb, MZ

Dr. Medard Kammermeier in der charmanten Kartenbude seines Kinos im Andreasstadel: 2017 will er die Kinosäle ganz allmählich in die Hände von Josef Lommer und Florian Scheuerer geben. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Dr. Medard Kammermeier gehört zu den ruhigen Typen. Gemächlich geht er die Wege zwischen den Kinosälen im Andreasstadel in Stadtamhof, die sein Reich sind. Unbewegt sitzt er auf der Holzbank an der Hauswand, die zum Donauufer schaut und wo sein Kaffeebecher steht. Mit sparsamen Bewegungen tauscht er am Tresen Tickets gegen Geld. Und Fragen beantwortet er überlegt, mit den wenigsten möglichen Worten. Unvorstellbar, den 62-Jährigen einmal rennen oder gar hüpfen zu sehen. Der Regensburger Medienwissenschaftler ist der ruhende Pol in einer Welt der bewegten Bilder.

„Schöne Filme“ steht lapidar über der charmanten Holzbude, in der die Karten verkauft werden. Schöne Filme – vielleicht lässt sich so am ehesten das Profil von Kammermeiers Filmtheatern fassen. „Kino gegen Mainstream und Masse“ nannte es Bayerns Wirtschafts- und Medienministerin Ilse Aigner, die am 24. November im Regensburger Neuhaussaal die Preise für anspruchsvolles Programm überreichte. Eines von vier Häusern in der Region, die der FilmFernsehFonds Bayern 2016 prämiert hatte, war das Wintergarten-Kino. „Zu uns kommen nicht die Menschen, die Verbrechen sehen wollen“, formuliert Kammermeier. Er zeigt keine Blockbuster, dafür „bürgerliches Kino, das normale Leute gern anschauen“.

„Zu uns kommen nicht die Menschen, die Verbrechen sehen wollen.“

Medard Kammermeier

Im Andreasstadel laufen häufig Dokumentarfilme und Biopics über Maler, Fotografen und Schriftsteller, wie zuletzt über Egon Schiele, Paula Modersohn-Becker, Peter Handke und Robert Mapplethorpe – „genau die richtige Ware für Publikum, das kunst-, geschichts- oder literaturinteressiert ist“. Dank Paula, Egon und den anderen schloss der Dezember hervorragend ab.

Das Ostentor-Kino, das der Regensburger 2016 mit Hans Geldhäuser und Martin Haygis gerettet hatte, wandelte sich 2016 zu einer Adresse, an der neben Filmen auch Konzerte, Lesungen und Tanz zu Hause sind. Das vorsichtige Ziel: das erste Jahr überstehen. Das scheint gelungen. „Wir hatten Glück“, sagt Kammermeier. Zwei starke Arbeiten, „Toni Erdmann“ und „Tschick“, brachten überdurchschnittlich viele Besucher. Ohne diese Filme sähe es schlecht aus. „Die Jüngeren gehen immer weniger ins Kino, je verfügbarer Filme auf anderen Kanälen – DVD, Blu-ray, Netflix – werden.“

Kammermeiers Favorit: „Paterson“

Künftig werden die Entwicklungen zwei Jüngere im Blick haben. Als Kammermeier im Neuhaussaal die FFF-Prämie entgegennahm, standen beide bereits an seiner Seite: Josef Lommer und Florian Scheuerer sollen, voraussichtlich Ende 2017, die Regie in den Andreasstadel-Kinos übernehmen. „Ganz allmählich“, sagt der Kino-Vater, der etwas in den Hintergrund treten, aber an Bord bleiben will.

Kammermeiers persönlicher Favorit 2016 war „Paterson“ von Jim Jarmusch: „superlangweilig und superschön!“ 2017 freut er sich erst mal auf „Die Blumen von Gestern“, „eine romantische Komödie am Rande des Abgrunds“. Das passt irgendwie gut.

Das Jahr 2016 im Rückspiegel: Hier lesen Sie unsere Beiträge zum Jahreswechsel.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht