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Kultur
Samstag, 29. April 2017 13° 3

Kunst

Deutsche Romantik im Endstadium

Das Fotobuch des Jahres und eine Ausstellung im Essener Zollverein: Der Saarbrücker Fotograf Oliver Kern präsentiert „Die deutsche Aussicht“.
Von Helmut Hein, MZ

Auch da eine deutsche Aussicht: Ein Mercedesfahrer löffelt Eis und blickt auf Schwäne und Schlepper.

Regensburg.Der junge Mann mit der schäbigen, schwarz-verschmutzten braunen Wildlederjacke und den Narben zwischen Mund und Nase und mitten auf der Stirn steht, die Hände trotzig in den Hosentaschen, schief vor einem Schaufenster und schaut skeptisch mitten in die Kamera. Hinter ihm sieht man, leicht verwischt, schöne Menschen und Waren und die plakative Inschrift „Schön, wenn es um meine Wünsche geht“. Ein intimes Deutschland-Fragment, das paradoxer nicht sein könnte: Die Idee des Lebens und das wirkliche Leben prallen da aufeinander, ohne dass es noch weiter auffiele.

Zehn Jahre lang, von 2002 bis 2012, ist der Saarbrücker Fotograf Oliver Kern, Jahrgang 1965, durch Deutschland gereist. Seine Recherche galt nicht dem Besonderen, sondern dem, was gemeinhin übersehen wird. Man könnte seine Fotos hässlich nennen, weil sie so merkwürdig aus- und angeschnitten wirken.

Und doch setzen sie viel in Bewegung: Es handelt sich weder um Schnappschüsse, die den einmaligen Augenblick festhalten, noch um artifizielle Arrangements. Eher um ein „en passant“, ein Nebenbei, das seine Bedeutung erst im Nachhinein und in der Serie, im Kontext erweist.

Das Bildprogramm der Romantik

Man muss Kerns Bilder entziffern. Sie zeigen sich nicht dem ersten Blick. Leicht spöttisch weist er auf das Muster, die Folie seiner Arbeiten: Es ist das Bildprogramm der deutschen Romantik, in dem Landschaft und Subjekt so aufeinander bezogen sind, dass sie erst im jeweils Anderen ihr wahres Wesen enthüllen: die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt.

Kerns Deutschland ist noch ein romantisches, freilich in seinem finalen Stadium: dem der Verkommenheit, einer industriellen und seelischen Leere. Wo einst Utopie war, ist nur noch Schrott. Oft sind die verstellten und verrückten Stadtansichten und die versehrten Landschaften menschenleer.

Aber paradoxerweise wirkt die De-Humanisierung am weitesten fortgeschritten in den Bildern, die noch Menschen bevölkern. Freilich meist merkwürdig erstarrt, wie gebannt an einen Ort, den sie nicht (mehr) verlassen können, weil ihnen jeder Gedanke und Impuls abhandengekommen ist.

„Hyperrealistisch“ nannte Baudrillard einst Menschen und Szenarien, die ziellos wuchern: so wie der fette Mann im offenstehenden Wagen – ein Mercedes, obwohl er nur schäbig wirkt – , der sein Eis löffelt, als gäbe es sonst nichts mehr zu tun und auf eine „nature morte“ aus Uferkies, monströsem Schlepper mitten im Fluss und einer diesigen Pappelallee am anderen Ufer starrt. Eine deutsche Aussicht?

Gespenstische Makellosigkeit

Oder man sieht vor dem riesigen Kühlturm des Atomkraftwerks Hamm-Uentrop eine Wiese, die längst nur noch „Rest“ ist, weil wie überdimensioniert wirkende Maulwurfshügel die Szene dominieren und alles „fressen“. Und geradezu unheimlich wirkt das Haus auf dem Hügel hinter abgeerntetem Maisfeld. Über dem endzeitigen Anwesen, dessen Makellosigkeit es erst recht gespenstisch macht, scheinen auf einer Überlandleitung die Vögel zu lauern wie einst in Hitchcocks Apokalypse-Thriller.

Wer hat das Idyll so zerstört? Alle haben sich doch Mühe gegeben, 200 Jahre lang. Kerns gnadenloser Befund verdankt sich der scheinbaren Kontingenz seiner Aufnahmen. Deutschland wird sichtbar, wenn man das in den Fokus nimmt, was keiner Aufmerksamkeit wert scheint.

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