mz_logo

Kultur
Donnerstag, 21. September 2017 17° 3

Kino

Deutscher Bautrupp erobert den Balkan

Valeska Grisebach transferiert den „Western“ in unser globalisiertes Heute. Die „lonesome cowboys“ sind Laien.
Von Fred Filkorn, MZ

Meinhard Neumann hinterlässt in „Western“ einen bleibenden Eindruck. Foto: Komplizen Film

Berlin.War die „Final Frontier“ im klassischen Western noch im amerikanischen Westen verortet, finden wir sie heute in Europa auf dem Balkan. Die ehemals sozialistischen Länder Südosteuropas werden seit ihrem (avisierten) EU-Beitritt von kapitalistischen Strukturen erobert. Wer durch Bulgarien, Rumänien oder Albanien fährt, fühlt sich fast wie zuhause: hier ein deutscher Discounter, dort die Filiale einer bekannten Drogeriekette.

Wurde der „Wilde Westen“ durch Eisenbahnschienen erschlossen, ist es in Valeska Grisebachs Spielfilm „Western“ ein deutscher Bautrupp, der im bulgarischen Süden, unweit der griechischen Grenze, einen Staudamm bauen soll. Der soll Energie und wirtschaftlichen Aufschwung bringen.

Im bewaldeten, karstigen Gebiet ist Wasser allerdings Mangelware. Die Dorfbewohner brauchen es für den Anbau ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die deutschen Bauleute jedoch zum Anrühren von Beton. Subtil übt der Film Kritik an einer Erschließung, die nicht nur Fortschritt, sondern auch Zerstörung althergebrachter Strukturen und Abläufe bringt.

Zwei Kulturen treffen aufeinander

Unterschiedliche Identitäten treffen in einem vermeintlich vereinten Europa aufeinander, in dem sich die deutsche Position aufgrund von Technik und wirtschaftlicher Macht überlegen fühlt. Vorurteile und Misstrauen kommen zum Ausdruck. Auf der anderen Seite steht das Talent der Dorfbevölkerung zur Improvisation. Die Bereitschaft, Schwierigkeiten mit Optimismus zu überwinden.

In langen, ruhigen Einstellungen zeigt die Bremer Regisseurin Valeska Grisebach dieses Aufeinanderzugehen und Kennenlernen. Auf der deutschen Seite ist es vor allem Meinhard Neumann, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, der in Afghanistan und Afrika im Auslandseinsatz war, der Land und Leute erforscht. Er spielt den wortkargen, melancholischen Westernhelden, den „lonesome cowboy“, der ein Stück weit auch von der eigenen Gruppe isoliert ist und anfängt, sich mit der Dorfbevölkerung anzufreunden. Schon sein thüringischer Zungenschlag setzt ihn von seinen (Ost-)Berliner Kollegen ab. Im Duell um die Gunst einer einheimischen Frau gerät er mit dem Bauleiter Reinhardt Wetrek aneinander. „Auf Montage“, losgelöst von familiären Zwängen und dem Alltag, suchen die Bauarbeiter das Abenteuer, vielleicht sogar ein neues Leben.

Valeska Grisebach Foto: Iris Janke

Wie alle Darsteller in diesem Film sind auch Neumann und Wetrek keine Schauspieler, nicht einmal Laiendarsteller. Gerüstbauer Wetrek wurde beim Einrüsten einer Berliner U-Bahn „entdeckt“, Neumann auf einem Trödelmarkt. Zuvor hatte der Erfurter eine Lehre im Straßenbau absolviert und tingelte 20 Jahre als Schausteller über die Rummelplätze der Lausitz.

Staub, Schweiß und Schnaps

Die Bauarbeiter im Film sind auch im wirklichen Leben Bauarbeiter, die bulgarischen Darsteller stammen alle aus dem Dorf Petrelik, wo der Film gedreht wurde. Grisebach arbeitet grundsätzlich mit nicht-professionellen Darstellern: „Das Verwenden dokumentarischer Arbeitsweisen ist für mich wichtig, weil darüber das Überraschende hereinkommt, das, was man nicht erfinden kann.“

Im deutschen Film schreitet die Verschmelzung dokumentarischer und fiktionaler Formen unaufhaltsam voran. Mit dem Einbrechen der Wirklichkeit in das fiktionale Skript wird eine große Unmittelbarkeit und Authentizität transportiert, die den Zuschauer, der bereit ist, den (manchmal auch langsamen) Entwicklungen zu folgen, nach und nach in Beschlag nimmt und am Ende mit bleibenden Eindrücken zurücklässt. Mit Staub, Schweiß und abendlichem Schnapsgelage baut „Western“ allmählich eine Atmosphäre auf, die den Zuschauer auf unbekanntes Terrain führt. Die Fremdheit des Protagonisten ist auch die des Zuschauers, Sprachbarrieren werden mit Ahnung und Deutung überwunden.

Ein Interview mit Valeska Grisebach beim Filmfest München sehen Sie hier.

Grisebach verwendet für ihre Filme keine ausgearbeiteten Drehbücher, sondern lediglich grobe Treatments, die ein narratives Gerüst und Figurenkonstellationen vorgeben. Den Darstellern bleibt somit Raum zur Improvisation. Um den Schauspielern die Möglichkeit zu geben, in ihre Rollen hineinzuwachsen, wurde „Western“ in chronologischer Reihenfolge gedreht. Eine weitere Verdichtung erfuhr der Film durch die Montage von Bettina Böhler, der Stamm-Cutterin der Berliner Schule, die im Herbst 2016 beim Regensburger „Heimspiel“-Filmfest aus dem Nähkästchen geplaudert hatte. Produziert (und ermöglicht) wurde „Western“ von einem Zusammenschluss von Berliner Regisseurinnen und Produzenten, zu dem auch Maren Ade („Toni Erdmann“) gehört.

Die Eroberung eines wilden Landstrichs durch Technik; das Duell zweier Männer um die Gunst einer Frau; archaische Riten, wie die Zähmung eines wilden Pferdes; das Tragen von Schusswaffen in der Öffentlichkeit oder das Austragen von Konflikten im Ringkampf – typische Western-Motive gibt es in Grisebachs Film zuhauf. Dass „Western“ glaubwürdig funktioniert, hat er seiner nüchternen Erzählweise zu verdanken. Und einem wunderbaren Hauptdarsteller, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Hier geht es zur Kultur.

Filmbesprechungen finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht