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Kultur
Samstag, 25. November 2017 7

Lesung

Die andere Seite der Geschichte

Der Erfolgsautor Michael Lüders stellt im DAI seine Sicht der verschwiegenen Hintergründe des Syrien-Kriegs vor.
Von Helmut Hein, MZ

Seit Jahren tobt in Syrien ein blutiger Konflikt. Wie es mit dem Land weitergehen könnte, thematisierte Islamwissenschaftler Lüders. Foto: dpa

Regensburg.Michael Lüders war lange der Nahostkorrespondent der „Zeit“; jetzt ist er es nicht mehr. Seit einigen Jahren ist er in eigener Sache unterwegs, als Autor, aber auch als Berater für die Politik und die Wirtschaft. Lüders ist erfolgreich mit dem, was er tut. Sein Buch „Die den Wind säen“, der Vorgänger zu „Die den Sturm ernten“, ist schon in der 23. Auflage. Das große DAI-Auditorium ist bei seinem Vortrag – auf Einladung von Pustet und Katholischer Erwachsenenbildung – überfüllt. Lüders ist aber auch viel geschmäht. Der gängigste Vorwurf lautet: Er sei ein „Verschwörungstheoretiker“. Ein weiterer Kritikpunkt: Seine Erklärungsmuster für die Konflikte im Nahen Osten seien zunehmend einseitig.

Was aber ist so skandalös an Michael Lüders und was macht ihn (dadurch) so anziehend. Lüders nimmt ja nicht Partei für die autoritären oder despotischen Herrscher und Regime in Nordafrika und im Nahen Osten. Er macht sich auch keine Illusionen über die Motive des „Engagements“ etwa der Russen, der Türken, der Iraner oder Chinesen, die im „großen Spiel“ mitmischen wollen. Er bezweifelt aber die hehren Ideale der Amerikaner, mit Einschränkungen auch der Europäer. Es geht bei den „humanitären Interventionen“ – die neueste Bezeichnung für das, was früher „Krieg“, gern auch „gerechter Krieg“ hieß – nicht um Werte und Menschenrechte, schon gar nicht um Freiheit und Demokratie, sondern schlicht um Geopolitik, um eine „new world order“ (Bush sr.), mit deren Hilfe der Westen seine Macht und seine Interessen wahren und nach Möglichkeit, nach dem Kollaps der bipolaren Welt um 1990, sogar ausbauen möchte.

Und dann packte ihn der Zorn

Michael Lüders ist ein begnadeter Sachbuchautor. Er schreibt klar und bestimmt, seine Argumente sind jederzeit nachvollziehbar, selbst wenn man sie nicht in jedem Fall teilt. Aber er ist kein begnadeter Performer, obwohl er frei spricht. Er brauchte im DAI lange, bis er in Fahrt kam. Der erste Teil des Abends, in dem er die Vorgeschichte der aktuellen Konflikte ausbreitete, geriet eher zäh. Aber dann packte ihn doch noch der große Zorn. Die Amerikaner, konkreter: die „Neocons“ von den Eliteuniversitäten der Ostküste, entwickelten spätestens seit den 1980er Jahren die Idee umfassender „regime changes“. Der Austausch der Machteliten sollte zu einer Demokratisierung der Gesellschaften und, nicht zu vergessen, zu einer Politik im Sinne des Westens führen. Mittel der Wahl waren Subversion, Schüren von Aufständen und, im Fall des Falles, Krieg, also „humanitäre Intervention“.

Der Plan ging nicht auf. Keine „new world order“, keine neuen Demokratien, sondern „failed states“, erst zerrüttete, dann zerfallende Staaten, Millionen Tote und Verletzte, Abermillionen Flüchtlinge, Machtvakuen und systemische Anarchie, in der nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Im Vergleich zum Wüten der Warlords waren die alten Autokraten Säulenheilige mit Schönheitsfehlern. „Failed states“ sind Somalia, Afghanistan, Teile Pakistans, lange Zeit zumindest der Irak, eine Zeitlang Syrien, Libyen, Jemen usf.

Erst das Abkommen, dann der Iran?

Michael Lüders besonderes Interesse und das seines Publikums gilt Syrien. Das hat verschiedene Gründe: Zum einen wurde die Geschichte Syriens nach dem Start der „Arabellion“ besonders einseitig erzählt; als könne man da Zeuge eines Volksaufstands gegen ein diktatorisches Regime werden; während doch in Wahrheit ein Staat mit viel politischer Repression, aber noch mehr zivilen Freiheiten, mit Religionsfreiheit, Frauenemanzipation, guter medizinischer Versorgung etc. ins Visier dschihadistischer Gruppen geriet. Sie wurden von den Amerikanern und anderen mit Waffen (unter anderem aus libyschen Arsenalen), Spezialtruppen und viel Propaganda-Power unterstützt. Anscheinend hatte man aus dem afghanischen Elend – das Aufpäppeln der Taliban gegen die Sowjets – nichts gelernt.

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Syrien interessiert Lüders als Schlachtfeld einer geopolitischen Auseinandersetzung unter Einmischung vieler „raumfremder Mächte“, wobei sein Urteil eindeutig ist: Die Motive Irans oder Russlands sind vielleicht nicht weniger dubios, aber ihre Konzepte sind klarer, „vernünftiger“, vorausschauender als die Amerikas und, in seinem Schlepptau, der Europäer – die einst Gaddafi wegbombten, mit den bekannten Folgen. Auch das beschäftigt Lüders: die Flüchtlinge. Auch hier ist er der Ansicht, dass die Politik der deutschen Regierung, der „Gutmenschen“, wie er es provokativ nennt, wenig durchdacht war. Flüchtlinge aufnehmen ist das Eine – obwohl sich die Verursacher der „großen Wanderung“, die USA mit ihrer verfehlten Nahostpolitik, bis heute weigern, ihren Anteil zu tragen. Ein Fehler aber sei es gewesen, anfangs, ohne alle weitere Prüfung, von „politischen“ Motiven für die Flucht auszugehen, mit weitreichenden Folgen für den Aufenthaltsstatus und den Familiennachzug.

Und wie geht es weiter? Lüders ist skeptisch. In Syrien hat sich Assad zumindest vorläufig behauptet, zur Erleichterung vieler, auch der Christen. Aber das nächste Spiel wird schon vorbereitet. Der erste Zug im Kampf gegen den Iran wird die langsame Zurücknahme des „Atom-Deals“ sein.

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