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Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Ausstellung

Die Demokratisierung der Kunst

Tom Wesselmann und seine Muse Monica Serra: Diese betörende Schau ist in der Galerie Madesta in Regensburg zu sehen.
Von Gabriele Mayer, MZ

Die Wesselmann-Schau ist noch bis zum 4. Juni in der Galerie Andrea Madesta zu sehen. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Tom Wesselmann ist internationale Pop-Art-Ikone und Maler der „Great American Nudes“: provokant, plakativ, monumental. Er pflegt sexuelle Stereotypik in rosigen Plastik-Farben, die Frau abstrahiert zu Mund, Busen, Bein – Werke zwischen Verherrlichung und nackter Warenästhetik.

In der Ausstellung, die die Galerie Andrea Madesta noch bis zum 4. Juni mit Werken aus allen Schaffensphasen zeigt, lernt man Wesselmann besser, näher, facettenreicher kennen, wunderbar, betörend und zeitlos modern. Die Alltags-Ästhetik von Comics, Plakaten, Illustrierten, Signalen und Zeichen amerikanischer Kultur und Bildindustrie, Lincoln und das Transistorradio wird herausgehoben in lichten, kunsthaft glatten Tönen.

Als Collage aus Papier geschnitten und Matisse umdenkend – eine kleine Landschaft mit Haus. Die Frau im Bad – ein Rücken-Akt, Degas und Renoir aufgreifend. Gegenüber sieht man einige sehr frühe, erlesene Zeichnungen. Schatten und Tiefenwirkung entwickelt Wesselmann häufig aus Parallel-Linien, was an die Collage erinnert, die in der Ausstellung eine wichtige Rolle spielt. Und wenn sich auf kleinen Formaten Blumen, Flacons, menschliche Körperteile und anderes patchworkartig verschränken, dann zeigt sich wie Fragmentierung, Abstrahierung und zoomartige Verdeutlichung raffiniert ineinandergreifen. Pop-Art vom Feinsten eben.

Spiel mit der Anspielung

Manets „Olympia“ wird frech, farbenfroh und scheinbar vordergründig zitiert, aber nur als Spiel mit der Anspielung, denn Wesselmann braucht keine Symbolisierungen aus Mythos und Historie mehr, um die Darstellung nackter Frauenkörper zu legitimieren. Obwohl er tief ins Arsenal europäischer Bildtradition greift – und sie zerstückt. Statt Symbol für etwas, ist alles nun Zeichen für sich selbst. Das ist Demokratisierung der Kunst – was im Übrigen auch für die sexualisierte amerikanische Frau gilt.

Alle erscheinen sie bei Wesselmann gleich schön, jung, mächtig, glatt, ohne viele dunkle Zwischentöne. Aber auch entpersönlicht, künstlich und überzogen: Sollte das gar ironisch gegen den allseitigen Konsumismus gemeint sein? Doch genauso wie die sexuelle Emblematik wirken auch seine Stars and Stripes. Alles was bei Wesselmann offengelegt wird, erscheint zugleich verklärt, zeichenhaft und ironisch. Alles ist eben auch interpretationsoffen, je nach Stimmung, Zeitgeist und Kontext. Wesselmann wirkt plakativ, liebt aber die zarten Töne und die Ambivalenzen. Und doch scheinen die Motive bei ihm ganz zu sich zu kommen.

Zur Person: Tom Wesselmann

  • Beginn:

    Der Maler, Grafiker und Objektkünstler aus den USA, begann mit dem Zeichnen von Cartoons.

  • Pop-Art:

    Mit Roy Lichtenstein und Andy Warhol zählt Wesselmann zu den wichtigsten Vertretern der Pop-Art.

  • Werke:

    Berühmt sind seine großformatigen Great American Nudes, von denen die Große Nackte Nr. 98 im Kölner Museum Ludwig ausgestellt ist.

  • New York City:

    Andere Arbeiten werden vom Museum of Modern Art in New York City verwahrt.

Exquisit sind auch drei kleine Zigaretten-Bilder – eine Zeichnung, eine Assemblage und eine Collage, auf der die Rauchwolke lockend wie ein Vogelflügel abhebt. Für die zwei Stahlschnitte der Ausstellung war die Künstlerin Monica Serra Wesselmanns Modell. Sie ist in der Ausstellung mit einigen Porträts vertreten, nicht wie der Maler, sondern wie sie selbst sich sieht, in düsteren, verschwommenen Farben, überblendet und schwankend.

Selbstbewusste Frauenkörper

Dieser Dialog löst die Verkrampfung, die Wesselmanns glatte Bilder auslösen können. Doch seine Frauenkörper sind aus heutiger Sicht so offensiv und selbstbewusst, wie der Phallus es jahrtausendelang in kultischen Kontexten bereits war. Wesselmann ist raffiniert und vielschichtig. Vieles gebe es bei ihm zu entdecken, die Galerie Zwirner habe den Nachlass gekauft, und die Preise würden steigen, sagt Andrea Madesta. Daneben präsentiert die Ausstellung übrigens auch einige Werke der Pop-Art-Künstler Alex Katz, Opie, Haring und Warhol.

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