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Kultur
Mittwoch, 13. Dezember 2017 5

Ausstellung

Die Donumenta in neuer Dimension

Künstler erobern den öffentlichen Raum: Bei „14 x 14 under construction“ tritt die Donumenta in Dialog mit dem Publikum.
Von Florian Sendtner, MZ

Nur eines von mehreren überdimensionalen Kunstwerken: Das Fluchtweg-Piktogramm, tausendfach vergrößert Foto: Sendtner

Regensburg.Ein grünes Manschkerl auf weißem Grund, es läuft von links nach rechts, in die gleiche Richtung weist ein großer, weißer Pfeil: das Fluchtweg-Piktogramm. Dezent im Hintergrund leuchtend, verbreitet es das Gefühl der Sicherheit: Diese Lokalität ist durchgecheckt, alle Eventualitäten und Risiken sind minimiert, hier kann einem nichts passieren. Und jetzt das: das Fluchtweg-Piktogramm, tausendfach vergrößert, am Giebel des Österreicherstadels am Donaumarkt. Der sonst so beruhigende grüne Hintergrund besteht aus einem beunruhigenden Menschengewimmel. Eine Fotocollage aus Fluchtszenen der vergangenen 120 Jahre, aus den verschiedensten Regionen der Welt, erläutert Jürgen Böhm. Der Künstler aus Kallmünz will mit seinem Werk „EXIL/EXIT“ darauf hinweisen, „dass Flucht und Vertreibung seit jeher das Leben vieler Menschen und Völker bestimmen.“

Jürgen Böhm ist einer von 14 Künstlern, die im Rahmen der am Mittwochabend im DEZ eröffneten diesjährigen Donumenta die ganze Stadt unsicher machen, und er ist der einzige Deutsche. Die anderen Künstler kommen aus den übrigen Donauanrainer- und Nachbarstaaten, von Österreich bis Rumänien. Donumenta-Initiatorin Regina Hellwig-Schmid erläutert das Konzept des Projekts mit dem Titel „14 x 14 under construction“: „Die Donumenta findet diesmal im öffentlichen Raum statt.“ Man habe es nämlich auf die Leute abgesehen, „die nicht ins Museum gehen“.

Auf unserer interaktiven Karte finden Sie die einzelnen Kunstwerke der Open Air Gallery! Das größte Werk – spektakuläre 612 Quadratmeter groß – stammt von Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova aus Tschechien und hüllt die Parkspindel am Donau-Einkaufszentrum ein:

Die Donumenta habe beschlossen, „nicht zu warten, bis die Leute kommen“, und fahre stattdessen die Kunst dort auf, wo jeder damit konfrontiert werde: auf der Straße. Hellwig-Schmid: „Haushoch präsentieren wir die großformatigen Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus 14 Ländern des EU-Donauraums an Fassaden und Baugerüsten.“ Herausgekommen ist eine Open Air Gallery, die sich über das gesamte Stadtgebiet erstreckt und die allein von den Dimensionen her alles in den Schatten stellt, was jemals in Regensburg künstlerisch geboten wurde.

612 Quadratmeter großer Druck

Das größte Kunstwerk ist an der Außenwand der Parkhausspindel des Donaueinkaufszentrums zu bewundern: Der 612 Quadratmeter große Druck „Prophecy of Things“ des tschechischen Künstlerduos Anetta Mona Chisa und Lucia Tkácová beherrscht die große Kreuzung Nordgaustraße/Frankenstraße/Walhalla-Allee. Das digital bearbeitete Foto eines zerbrochenen Smartphone-Displays hat somit täglich das, worauf ein berühmter Künstler sonst am Ende einer monatelangen Ausstellung stolz sein kann: eine fünfstellige Zahl von Betrachtern.

Alle Werke der Open-Air-Gallery in Regensburg sehen Sie hier:

Der Regensburger Luftraum gehört der Kunst

Seit 15 Jahren gibt es die Donumenta, aber diesmal bewegt sie sich in einer neuen Dimension. Denn die Donumenta agiert jetzt unter dem Dach des EU-Projekts „Kulturplattform Donauraum“, dem sich neun Projektpartner angeschlossen haben, vom Wiener Bundeskanzleramt bis zum bulgarischen Kulturministerium. Auch die Stadt Regensburg ist mit von der Partie. Es geht darum, den Donauraum „über Ländergrenzen hinweg mittels zeitgenössischer Kunst- und Kulturprojekte zu vernetzen“. Dadurch war es möglich, die Künstler, deren Werke jetzt zu sehen sind, zu einem Aufenthalt als „artists in residence“ nach Regensburg einzuladen.

Die Donumenta entdeckt die „hidden places“ von Regensburg: Hier ein Interview mit Regina Hellwig-Schmid

Video: Sperb

Mit dem „Wust von Genehmigungen“, durch den man durchmusste, meint Hellwig-Schmid aber weniger die EU als das Regensburger Ordnungsamt. „Das war nicht leicht“, versichert die Donumenta-Chefin. „Aber was leicht ist, interessiert uns eh nicht so.“ Stolz ist sie darauf, dass auf keinem der Kunstwerke ein Logo zu sehen ist, wie es zur Beglaubigung der ordnungsgemäßen Genehmigung oft der Fall ist: „Alles nur blanke Kunst!“ Und Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, oberste Chefin auch des Ordnungsamts, ermuntert Hellwig-Schmid: „Machen Sie weiter!“

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„Die Stadt, die Republik, ganz Europa befinden sich ‚under construction‘“, sagt Hellwig-Schmid in der etwas zugigen sechsten Etage des DEZ-Parkhauses. Von daher passen die Baugerüste, auf denen viele Kunstwerke befestigt sind, ausgezeichnet. Etwa „In Common“ des bulgarischen Künstlers Ivan Moudov, zu sehen am Sanierungsgerüst der Steinernen Brücke.

Filme und Bustouren

  • Führungen:

    „Wir wollen Betrachter. Wir wollen den Diskurs“, sagt Regina Hellwig-Schmid; „under construction“ wird deshalb begleitet von Führungen: per Bus jeden Sonntag (11 Uhr) ab Haltestelle Weichs/DEZ für die Außenbezirke, zu Fuß jeden Samstag (16 Uhr) ab Steinerne Brücke (Stadtseite), je 90 Minuten.

  • Filme:

    In Regensburger Kinos laufen Filme zum Thema, Vorträge und Diskussionen begleiten das Projekt, alle Details: www.donumenta.de. Eröffnet wurde „14x14 under construction“ am 13. September in der DEZ-Parkspindel.

Die Gegenüberstellung von lateinischem und kyrillischem Alphabet zeigt, dass die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Alphabete doch immerhin 30 Prozent der Buchstaben gemeinsam haben. Sogar der Brückenschlag zur Documenta gelingt der Donumenta. Mit Pavel Braila aus der Republik Moldau ist ein Künstler vertreten, der auch auf der gerade zu Ende gehenden Documenta zu sehen ist. In Regensburg findet sich sein Werk „Progress“ in der Altstadt, An der Hülling 6.

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