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Kultur
Freitag, 24. November 2017 10° 4

Ausstellung

Die harte Realität des Humorabbaus

Regina und Dirk Streitenfeld zeigen „Kunztgemälde“. Auf den ersten Blick wirken sie harmlos – bis man genauer hinsieht.
Von Florian Sendtner, MZ

Regina und Dirk Streitenfeld im Artspace Erdel Foto: Florian Sendtner

Regensburg.„Ganz so einfach soll man’s dem Betrachter auch nicht machen.“ Dirk Streitenfeld erklärt zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Erdel seine künstlerische Maxime, und wenig später setzt er noch eins drauf: „Ich will es den Leuten so schwer wie möglich machen.“ Das ist keineswegs Koketterie.

Was Regina und Dirk Streitenfeld unter dem Titel „Kunztgemälde“ bzw. „Objekte“ im Artspace Erdel zeigen, sieht auf den ersten Blick harmlos aus, ja bieder. Und erweist sich auf den zweiten Blick als harte ästhetisch-intellektuelle Nuss, die selbst manch routinierter akademischer Maler nicht gleich knackt. Denn „ein Großteil meiner Bilder beinhaltet ein Geheimnis“, sagt Dirk Streitenfeld, und die Besucher der Vernissage denken sich: Ach, wenn’s nur eines wär! Für die Objekte von Regina Streitenfeld, mal mehr, mal weniger direkt mit den Bildern von Dirk Streitenfeld assoziieren, gilt natürlich genau das gleiche.

Die Sache ist also ganz schön vertrackt. Da stehen ein Mann und eine Frau vor einer Torfwand beim Moorabbau, im Hintergrund braungefleckte Kühe, unmodulierte Farbflächen, leichter Anklang an F.K. Waechter. Sprechblase Mann: „Was mir hier zum Leben fehlt, ist Hu!“ Sprechblase Frau: „...aber Du hasst doch mich und noch so viel mor!“ – „Hu?“ Eine versteckte Hommage an Rudihu, den ähnlich abgedrehten Maler Rudi Hurzlmeier? Der Meister lacht. Gar nicht so abwegig. Und trotzdem falsch. Man muss die beiden Sprechblasen zusammenlesen, erst mit dem „Moor“ ergibt der verzweifelte Seufzer einen Sinn. Titel des Bildes: „Aus dem legasthenischen Alltag: Die Moorbauern“. Bei Dirk und Regina Streitenfeld findet man sich ganz vorn an der Arbeitsfront des humoristischen Realismus wieder.

Etwas viel schöneres, aufregenderes

Oder „Dill aus dem Lahnkreis“: ein Sommergartenstillleben, die Blätter ranken sich an einer Stange nach oben bis zum Bildrand, gelbe Blüten, und am rechten Bildrand fragmentarisch eine Frauensperson, die den Dill bewässert, der rote Gartenschlauch in ihrer Rechten, der Daumen drückt auf das Schlauchende, dass das Wasser nicht nur sprudelt, sondern spritzt, obendrein hat sie nur ein knappes Oberteil an, und von ihrer Hose ist der oberste Knopf offen. Klare Hinweise, könnte man meinen. Falsch gemeint. Es gibt auf diesem Bild etwas viel schöneres, aufregenderes zu sehen. Man muss da hinschauen, wo man nichts sieht. Erst die absichtslose Aufmerksamkeit wird belohnt. Im blassblauen Sommerhimmel zeichnet sich zart hingehaucht der Torso eines Frauenakts ab, die Pflanzenstengel bilden seine Konturen, der rechte Arm der realen Frau mit dem Gartenschlauch ist just an der Stelle, an der der linke Arm des imaginären Akts sein müsste. Dirk Streitenfeld ist der Meisterschalk der Malerei. Dieser Dill ist ein wahrer Till: Zuviel geglotzt, zu wenig geschaut!


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