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Kultur
Donnerstag, 14. Dezember 2017 7

Schauspiel

Die Heiterkeit vor dem Ende aller Dinge

Das Theater am Haidplatz zeigt zum Saison-Auftakt Samuel Becketts Endzeitklassiker „Glückliche Tage“.
Von Peter Geiger , MZ

Rumms, da ging auch der Regenschirm los – und gehört künftig zum alten Eisen. Was die bereits in einen Erdmantel gehüllte Winnie (Dories Dubiel) nicht davon abhält, unentwegt auf ihren wortkargen Gatten Willie (Gerhard Hermann) einzuplappern. Und ihm vor apokalyptischem Hintergrundrauschen das Blaue in Gestalt glücklicher Tage vom Himmel herunter zu versprechen. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Als Samuel Becketts Endzeit-Farce „Glückliche Tage“ im September 1961 (vor ziemlich genau 56 Jahren also) ihre Uraufführung in New York erlebte, da war die Welt eine komplett andere: Die meisten Zeitgenossen hatten am eigenen Leib und mit all ihren Sinnen erfahren, was „Krieg“ bedeutet. Sie waren Täter gewesen, Opfer geworden – manchmal sogar beides. Und sie erlebten nunmehr eine von Weltuntergangsszenarien gezeichnete Gegenwart, in der nicht nur die nukleare Vernichtung unmittelbar greifbar war. Auch die konventionelle Kriegsführung stand noch immer auf der Tagesordnung, beispielsweise im Südosten Asiens. Ein damals junger Sänger namens Bob Dylan sollte mit „A hard Rain’s gonna fall“, diese düstere Stimmung in Liedzeilen packen – und damit dem Lebensgefühl einer kommenden Generation eine Stimme geben, die sich von der herrschenden Depression nicht niederdrücken lassen wollte.

Auf dem Weg ins Totenreich

Die Vorstellung vom Ende der Welt, die Apokalypse also, sie bestimmt auch bei Samuel Beckett den Grundton. Wenngleich: Winnie und Willie – die beiden Protagonisten fristen wohl schon seit mehreren Dezennien ihr Dasein als Ehepaar – sie sehnen angesichts des Endes von allem noch immer „Glückliche Tage“ herbei. Offenkundig sind sie die letzten Vertreter ihrer Spezies auf einer Welt, die längst untergegangen ist. Warum, wieso? Beckett und seine Figuren, sie schweigen sich über Ursachen aus. Das Bühnenbild (Michael Lindner) zeigt lediglich eine wilde Bergwelt – wobei auch hier unklar ist: Ist das eine Wirklichkeit erster Ordnung? Oder sind das Abbilder, die Schatten und Erinnerungsreste einer ehemaligen Natur, die längst schon entsorgt ist, im orwell’schen Gedächtnisloch? Dass den beiden Katastrophisches widerfahren sein muss, bleibt unkommentiert und ist lediglich daran erkennbar, dass Winnie bis zur Halskrause in einem Erdhaufen steckt. Und dieser Grabhügel wiederum wächst aus einem gefliesten Boden empor. Da hat jemand die Fahrt ins Totenreich bereits angetreten. Willie bewegt sich mittels eines Einkaufswägelchens über die Bühne, und nutzt dabei einen Besen als Riemen, als wär’s eine Gondelfahrt über den Hades.

Ein musterhafter Misanthrop

Der Redeanteil der beiden freilich ist frappierend unterschiedlich. In einer komplett gendergerechten Welt jedenfalls müsste dieser Text seinerseits im Gedächtnisloch landen – denn dass Winnie eineinhalb Stunden lang unablässig ohne Punkt und Komma drauflos plappern darf, um Vergangenheit wie Gegenwart in gleißendes Licht zu tauchen – während es Willie lediglich auf 51 Wörter bringt, widerspricht nicht nur jeder Menschheitserfahrung, sondern auch ... nein, Spaß beiseite: Jeder Interpretationsversuch dieses Beckett-Stücks entgleitet wie der berühmte Pudding, der per Nagel an der Wand fixiert werden soll. Natürlich legt der Nobelpreisträger des Jahres 1969 Fährten aus und auch Köder, um uns, die Zuschauer, mit diesem letztlich aalglatten Text zu umgarnen. Die titelgebenden „Happy Days“, die „Glücklichen Tage“ also, aber, sie sind vielleicht Widerhaken und Hinweis: Sie waren bereits 1929 von „Leo Reisman and His Orchestra“ besungen worden (im Deutschen: „Wochenend und Sonnenschein“), als musikalisches Antidepressivum gegen die Wucht des Schwarzen Freitags und der daraus resultierenden Weltwirtschaftskrise. Der Erfolg in den Plattenläden war greifbar. Über die welthistorische Wirksamkeit dieser Beschwörung lässt sich streiten.

Die Inszenierung von Jona Manow und die grandiose Leistung von Doris Dubiel (behält trotz Textfülle und der Verurteilung zu tantenhafter Quasseligkeit ihren Kopf stets oben, so hoch die Graberde auch steht) und Gerhard Hermann (präsentiert sich als musterhafter Misanthrop und reckt dementsprechend dem Publikum den Allerwertesten zum Eincremen entgegen) setzt auf wohltuende Weise dieses absurde Element – jenen Anteil also, der den Zuschauer im Detail amüsiert, angesichts der Gesamtsituation aber ratlos hinterlässt. Denn: Ist nicht das die stimmigste und plausibelste Parabel, für unsere Welt? Dass etwas passiert. Aber wir nicht wissen, was es ist? Vor 56 Jahren wie auch heute?

Weitere Aufführungen: Montag, 2.10., Donnerstag, 5.10., Freitag, 6.10., Dienstag, 10.10., Samstag, 14.10., Dienstag, 17.10., Donnerstag, 19.10., Freitag, 20.10., Donnerstag, 2.11., jeweils von 19.30 Uhr bis 21 Uhr im Theater am Haidplatz

Lesen Sie dazu auch, was Regisseur Jona Manow über Becketts rätselhaftes Stück sagt.

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