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Kultur
Samstag, 27. August 2016 31° 1

Schlossfestspiele

Die Hexerei des Geigenmagiers

David Garrett und das Orchestra Sinfonica di Milano „Giuseppe Verdi“ betonten bei den Schlossfestspielen den Zauber des Augenblicks.
Von Gerhard Dietel, MZ

  • David Garrett spielte bei den Thurn und Taxis SchlossfestspielenFoto: altrofoto.de
  • John Axelrod dirigierte das Orchestra Sinfonica di Milano „Giuseppe Verdi“. Foto: altrofoto.de
  • Sympathischer und lässiger Klassikstar: David Garrett im Schloss St. Emmeram Foto: altrofoto.de
  • David Garrett spielte das D-Dur-Violinkonzert von Johannes Brahms.Foto: altrofoto.de

Regensburg. Zwei verschiedene Kulturen des Musizierens scheinen an diesem Schlossfestspiel-Abend aufeinanderzutreffen, jedenfalls wenn man nach der Optik geht. Hier John Axelrod, der Dirigent des Orchestra Sinfonica di Milano „Giuseppe Verdi“, der in traditionellem schwarzem Rock mit Schößen die Konzertsaal-Tradition repräsentiert, ihm gegenüber Aug’ in Aug’ der Geiger David Garrett in Jeans und Stiefeln, mit T-Shirt und Kettchen um den Hals, Vertreter einer neuen Lässigkeit des Auftretens, was sich auch darin ausdrückt, dass Garrett nicht im Stehen musiziert, sondern halb sitzend. Ganz wörtlich „locker vom Hocker“ kommen die Töne, die der Kult-Geiger zur Verzückung einer eifrig fotografierenden Anhängerschar seinem Instrument entlockt.

Trotz aller Unterschiede im Outfit: in der interpretatorischen Sache sind die beiden Musiker sich einig. In äußerst breitem, oft fast bis zum Stillstand kommenden Tempo zelebrieren Axelrod und sein Mailänder Orchester den Kopfsatz des D-Dur-Violinkonzerts von Johannes Brahms.

Akzentuierte Phrasen

Weniger auf den großen sinfonischen Zusammenhang als auf den Zauber des Augenblicks ist es bei dieser Interpretation abgestellt. Noch bevor er eingreifen darf, wiegt Garrett sich im Takt mit, um dann bei seinem Soloeinstieg gleich das Heft in die Hand zu nehmen: mit klar gegliederten, scharf akzentuierten Phrasen, bevor er sich in die Brahms’sche Melodik hineinsingt und ihr einen tüchtigen Schuss Saccharin beimischt, der auch den einen oder anderen kleinen, fast unmerklichen Schluchzer nicht verschmäht.

Kraftattacke und schmeichelnde Süße des Tons lässt Garrett auch in der Folge geschmeidig wechseln, nutzt das Finale des Brahms’schen Konzerts mit seiner ungarischen Intonation, um auch eine Spur Zigeunerromantik einfließen zu lassen, und was er an der souveränen Bewältigung technischer Kniffe nicht in der Solokadenz des anfänglichen „Allegro non troppo“ unterbringen kann, verlegt der Geiger in die Zugaben, wo er bei den Variationen des „Karnevals von Venedig“ Paganini’sche Hexer-Kunststücke vorführt. Ein Gaudium ist’s für das Festspiel-Publikum, durch dessen Reihen zudem eine kleine Lachsalve schwappt, als es erkennt, dass die zugrundeliegende Melodie in Deutschland mit dem Text „Mein Hut, der hat drei Ecken“ geläufig ist.

Festspielwürdige Aufführung

Zu Beginn des Abends hatte das Mailänder Orchester seine Visitenkarte mit der dramatisch wirkungsvoll gestalteten Ouvertüre zur „Macht des Schicksals“ seines Namenspatrons Giuseppe Verdi abgegeben, das Programm des Abends beschließt es mit Beethovens Fünfter. Einige wenige Plätze im Auditorium – von reinen Garrett-Fans verlassen? – bleiben nun frei und es kehrt größere Ruhe ein, verdientermaßen für die italienischen Musiker, die unter dem seltsam eckig wirkenden, aber offenbar effektiven Dirigat John Axelrods eine festspielwürdige Aufführung des populären Werks gestalten, die nur im C-Dur-Jubel des Finales ein wenig an Spannung und Kontur verliert.

Als Zugabe danach nochmals Italienisches: mit der schmissigen Ouvertüre zu Rossinis „Barbier von Sevilla“ verabschiedet das Orchester seine Zuhörer endgültig in die Sommer-Mitternacht.

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