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Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Kino

Die Hölle ist manchmal dein Zuhause

George Clooney gelingt mit „Suburbicon“ ein Meisterwerk über tröstliche Lügen und trügerische Biederkeit.
Von Helmut Hein, MZ

Die Welt von Gardner Lodge (Matt Damon) gerät ins Wanken. Foto: Concorde Filmverleih, Hilary Bronwyn Gayle

Regensburg.Im Herzen des Idylls lauert, nur mühsam kaschiert und gebändigt, die exzessive Gewalt. Es droht, sofern es nur dem eigenen Vorteil und Interesse dient, die totale Vernichtung, die Auslöschung selbst des scheinbar Liebsten und Nächsten. So ließe sich die Grundthese von George Clooneys sechstem Film als Regisseur auf den knappsten Nenner bringen. Und man könnte gleich noch hinzufügen: Was sich draußen, in der uniformen Weite der Mustersiedlung Suburbicon, in der Bereitschaft zum Pogrom gegen den vermeintlichen Eindringling zeigt, verdichtet sich in der „heiligen Familie“ zur mörderischen Tat. Clooneys großartiger Film nach einem frühen, lange verschollenen Drehbuch der Coen-Brüder, ist so klar in der ästhetischen Form und so radikal und entschieden in der (politischen) Haltung, dass ihn nicht nur in Amerika die meisten schwer erträglich finden. Es hagelte Verrisse, von ganz rechts („Breitbart“, das Hetz-Organ des einstigen Trump Beraters Bannon) über die liberale Mitte, die doch ansonsten alles versteht, bis zu linken Zeitungen und Magazinen: eine große Koalition des Unverständnisses einem Meisterwerk gegenüber.

Eine schwarze Musterfamilie

Was ertragen die Kritiker, unabhängig von der politischen Couleur, nicht? Dass da einer die Wahrheit sagt und zeigt, dass er die beruhigenden und tröstenden Lügen über das soziale und intime Zusammenleben blamiert? Wahrscheinlich. Eine andere Erklärung für diese offenbare Ignoranz gibt es kaum.

Am Anfang, gewissermaßen als Intro, blättert Clooney ein Bilderbuch im Stil der 1950er Jahre durch, einen bunten Werbeprospekt, der einen mit allen Vorzügen Suburbicons vertraut machen soll. In dieser Vorstadt – in der bisher alles auf geradezu unheimliche Weise friedlich und freundlich zuging – entsteht plötzlich Unruhe, ja die Bereitschaft zu Aufruhr und Aufstand, als die erste afro-amerikanische Familie in die ruhige Nachbarschaft „eindringt“. Diese Schwarzen sind wie alle anderen auch; vielleicht sogar noch friedlicher und freundlicher, eine richtige Musterfamilie. Aber das schert die Rassisten nicht. Für sie zählt nur eins: die andere Hautfarbe.

Wer ist gut? Und wer ist böse?

Während sich die Nachbarschaft allmählich in einen Mob verwandelt, findet das eigentliche Drama, oder jedenfalls das, das die Coen-Brüder und Clooney fasziniert und beschäftigt, im Inneren eines rein weißen Hauses statt. Dort leben die Lodges. Scheinbar sind sie in jeder Hinsicht „richtig“. Aber wo das Regime des (rassistischen) Verdachts herrscht, kommt jeder mal an die Reihe. Sind sie nicht Juden? Aber wieso das denn?, reagiert Gardner Lodge (Matt Damon) fast hysterisch. Und mit der Biederkeit des routinierten Rassisten antwortet ihm sein Gesprächspartner: „Ich dachte, Lodge sei ein jüdischer Name.“ „Aber nein, wir sind episkopal“, beteuert der, der sich plötzlich in die Enge getrieben fühlt. „Na, dann ist ja alles in Ordnung“, lautet die nur scheinbar beruhigende Antwort.

Nein, nichts ist (mehr) in Ordnung. Das Unheil hat da schon seinen Lauf genommen. Ins Haus der Lodges , wo Vater Gardner, seine nach einem Unfall gelähmte Frau, deren Zwillingsschwester (beide: Julianne Moore) und der kleine Sohn Nicky (Noah Jope) leben, ist ein mörderisches Pärchen eingedrungen, der eine fies fett und glatzköpfig, der andere hager wie ein Habicht, von denen man nicht so genau weiß, was sie wollen. Das lässt der Fantasie genügend Freiraum.

Jedenfalls muss der Vater die beiden bedienen; ein Akt der Demütigung. Der Dicke trägt die Gelähmte zum Sofa; da glaubt man die drohende sexuelle Gewalttat schon zu spüren. Dann werden alle gefesselt und schließlich mit Chloroform betäubt: „Tief einatmen“, lautet die zynische Anweisung.

Julianne Moore ist in „Suburbicon“ in einer Doppelrolle zu sehen. Foto: Concorde Filmverleih, Hilary Bronwyn Gayle

Schon da könnte dem Aufmerksamen auffallen, dass auf das Taschentuch der Ehefrau und Mutter mehr Betäubungsstoff geträufelt wird als auf die Taschentücher der anderen. Da rinnt gewissermaßen schon der Tod durch die Finger des Betäubers. Schnitt. Die Mutter liegt im Koma. Schnitt. Beerdigung. Auftritt des Onkels Midge, der genauso fett ist wie der Räuber und selbst in dieser Situation mit dem kleinen Nicky seine Späße treibt. Aber Vorsicht! Was man sieht, trügt. Die Guten und die Bösen lassen sich nicht auf den ersten Blick unterscheiden.

Perspektive des unschuldigen und verstörten Nicky

Von jetzt an nehmen wir fast alles aus der Perspektive des noch unschuldigen und durch den Tod der Mutter zutiefst verstörten Nicky wahr. Die Welt der Erwachsenen ist fremd und voller Geheimnisse, ihre Spiele sind nicht einfach zu durchschauen. Aber Nicky sammelt Zeichen und Indizien: Die Zwillingsschwester, die allzu rasch und anscheinend in jeder Hinsicht den Platz der Mutter einnimmt. Vater und neue „Mutter“, die bei einer polizeilichen Gegenüberstellung die Räuber nicht erkennen („Ganz sicher nicht!“), obwohl doch der kleine Sohn, der sich heimlich hereingeschlichen hat, sie ohne Weiteres erkennen kann. Der Vater, der seine neue Frau nachts im Keller mit einem Tischtennisschläger auf den Hintern haut und sie schreit „Nein“. Aber dieses Nein klingt bei ihr so, als würde es noch nicht unbedingt „Nein“ bedeuten. Die fremden Männer, die ins Haus kommen, die mit einem Mal zerbrochene Brille des Vaters, die finanziellen Unregelmäßigkeiten usw. usf. Da beginnt unverkennbar ein Kartenhaus ins Wanken zu geraten und eine Schlinge zieht sich um den Hals der Protagonisten zusammen. Auch um den Nickys, der doch unschuldig ist, aber jetzt um sein Leben fürchten muss.

„Suburbicon“ im Trailer: hier

Clooneys „Suburbicon“ wäre auch dann ein düsteres Meisterwerk, eine Reise ins Herz der Finsternis, wenn der Film nur für sich stünde. Aber er ist eben auch voller Anspielungen, Verweise und Zitate. Das beginnt schon beim Intro, in dem Feuerwehrmänner so rituell-zeitlupenhaft winken wie sonst nur noch in David Lynchs „Blue Velvet“. Das lässt schon Böses ahnen. Und die Feuerwehr wird auch später – aber vielleicht durchaus zum Wohlgefallen des Publikums – noch eine böse Rolle spielen.

„Suburbicon“ ist ein mit allen Wassern gewaschener „film noir“, den Clooney aber, und das macht das Ganze noch fieser, bonbonbunt aufpeppt. Suche die Hölle nicht draußen, sondern in deinem Inneren? Ja, genau, und die Familie ist ein Schlangennest. Man muss vorsichtig sein, wo man hintritt. Nur in der „Rassenfrage“ zeigt sich am Ende ein kleiner Hoffnungsschimmer. Der kleine schwarze und der kleine weiße Junge spielen auf all den Trümmern einträchtig Baseball. Oder ist auch das Zynismus pur?

Lesen Sie eine weitere Kino-Kritik von Helmut Hein: „Der Ruin von Allem und Jedem“ – über „Happy-End“ von Michael Haneke

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