mz_logo

Kultur
Montag, 23. Oktober 2017 12° 7

Musik

Die jüngste Jazzband Bayerns

Etienne Wittich und Andreas Köckerbauer, zwei echte Regensburger, spielen Gipsy-Swing wie einst in Paris.
Von Marion Lanzl, MZ

Etienne Wittich (r.) und Andreas Köckerbauer sind Latcho Due. Foto: Lanzl

Regensburg.Zwei Jungs in T-Shirt und Shorts sitzen am Neupfarrplatz, wippen mit den Beinen und nicken im Takt – versunken in einer anderen Welt, versunken in Musik – in ihrer Musik, dem Jazz. Etienne Wittich und Andreas Köckerbauer sind wohl die jüngste Jazzband Bayerns, zwei echte Regensburger, und doch fließt anscheinend das Blut vergangener Jazzgenerationen in ihren Adern.

Immer mehr staunende, begeisterte Passanten bleiben stehen und lauschen, wippen mit und erfreuen sich an der Spielfreude der jungen Leute. Unglaublich für alle, die nie über die ersten Gitarrenstunden und „Lagerfeuersongs“ hinausgekommen sind. Unglaublich aber auch für versierte Musiker. Von dem Talent der Jungs zu schwärmen ist leicht. Wie aber soll man diese Musik, diese Fingerfertigkeit, diese Leidenschaft in Worte fassen? Man muss es hören, es erleben, es sehen, muss ausholen und nach den Wurzeln dieser Leidenschaft suchen.

Eine dieser Wurzeln geht tief zurück bis in die Entstehungszeit des europäischen Jazz in den 1930er-Jahren. Dieser Ursprung ist niemand Geringerer als der wohl legendärste Jazzgitarrist aller Zeiten: Django Reinhardt.

Über diesen Gott der Jazzszene sagte einst Jean Cocteau: „Seine Rhythmen gehörten zu ihm wie die Streifen zum Tiger. Er blieb immer ein Fahrender und starb doch wie ein zahmer Tiger im Käfig.“ Und doch wurde dieser gefangene Tiger zu der Legende des Jazz: Django Reinhardt. Filme wie „Chocolat“ mit Juliette Binoche und Johnny Depp und „Midnight In Paris“ von Woody Allen verzaubern noch ein halbes Jahrhundert später mit Reinhardts Musik und bringen Herzen und Beine zum Swingen. Mit „La La Land“ schaffte es der Swing des frühen 20. Jahrhunderts 2017 sogar bis zum Oscar. Es ist die Renaissance des Jazz, die gerade in Regensburg wundervolle Früchte trägt.

Paris als kreatives Epizentrum

Auch das Idol von Etienne und Andreas lernte früh Violine und Banjo, bevor es zur Gitarre griff. Seine Karriere als professioneller Musiker begann er als Zwölfjähriger zusammen mit einem Akkordeonisten. 1928 begleitete er führende Musiker auf ersten Schallplattenaufnahmen. Es war das Paris der 1930er-Jahre, das kreative Epizentrum, das europäische Harlem der modernen Musik. Die Hochzeit zwischen Djangos Gitarre und Stephan Grapellis kongenialem Geigenspiel wurde zur Geburtsstunde des europäischen Jazz.

Inspiriert vom virtuosen Geigenspiel des Franzosen kreierte Django den unverkennbaren Sound des Hot Club de France mit schlagzeugloser Besetzung und zwei Rhythmusgitarren. Versunken in seine Musik rasten seine Finger über das Griffbrett der Selmer-Gitarre, es erklangen die typischen scharf angerissenen Swingtriolen. Die spöttisch gewölbte Augenbraue war sein Erkennungszeichen, ebenso das schmissige Bärtchen. Aus dem populären New-Orleans-Jazz der 1920er-Jahre, den Valses Musettes der Pariser Cafés und dem Temperament und der Spielfreude der Roma war der Gipsy-Swing geboren.

Überraschender Tod mit 43 Jahren

Reinhardt machte über 60 Aufnahmen in nur vier Jahren, spielte 1946 mit Duke Ellington im New Yorker Jazzclub „Aquarius“ und mit „Satchmo“ Luis Armstrong in Paris. Mit nur 43 Jahren erlitt Django Reinhardt 1953 im Café Auberge de l’Ile in seiner Wahlheimat Samois bei Paris einen Schlaganfall und verstarb. Nicht nur zahlreiche Jazzcombos wurden nach ihm benannt, auch der absolute Held der Italo-Western hat seinen Heldennamen ihm zu verdanken – eine kleine Hommage des Regisseurs an den legendären Gipsy, wie Helmut Nieberle beim Interview schmunzelnd erzählt.

Die zweite Wurzel dieser musikalischen Explosion ist zweifelsohne der Regensburger Jazzgitarrist Helmut Nieberle. Aus seinem Kader stammen schon viele erfolgreiche Nachwuchstalente. Auch der 20-jährige Andreas Köckerbauer war einige Jahre bei Nieberle in Ausbildung. Etienne Wittich ist seit zwei Jahren beim Altmeister der Jazzgitarre– „eine absolute Ausnahmeerscheinung!“, betont der Regensburger Virtuose. Etienne sei ein Schüler, den man nicht motivieren, sondern eher bremsen müsse

„Es tut sich immens viel“

„Er kommt schon mit den neuesten Nummern, die er sich im Netz gesucht, angehört und nachgespielt hat, und würde am liebsten noch weiterspielen, wenn die nächsten Schüler schon warten. Man muss ihn regelrecht nach Hause schicken!“, lacht der alte Hase Nieberle über so viel Begeisterung. „Es ist wunderbar, so etwas mit anzusehen, und ich freue mich, auch ihm, so wie meinen restlichen Schülern, andere große Jazzer vorstellen zu können!“ So brachte er Howard Alden, eine New Yorker Musikgröße, schon zur Regensburger Gitarrenszene.

„Es tut sich immens viel, ich habe einige wirklich herausragende Schüler, die ich gern mit auf die Bühne hole! Etienne Wittich hat jetzt sogar, mit erst dreizehn Jahren, ein Stipendium als Förderschüler an der Musikschule erhalten“, freut sich der erfolgreiche Dozent. Der Nachwuchsmusiker möchte als Jungstudent nach Nürnberg, wohin auch Andreas’ Wege nach der Ausbildung vielleicht führen werden.

Wenn die Eltern beide professionelle Musiker am Stadttheater sind, dann liegt es nahe, dass der Filius auch in die vorgegebenen Fußstapfen der beiden tritt. So ist es nicht verwunderlich, dass Etienne schon als Vierjähriger zur Violine griff. Dem folgte erst die Ukulele und schließlich die Gitarre. Trotzdem würde man jetzt klassische Gitarre erwarten. Aber nicht so bei Wittich Junior. „Gehört habe ich Jazzmusik bei meinen Eltern“, erklärt er eifrig, „da habe ich Lust bekommen, das zu spielen und mir viel von Musikvideos abgeschaut.“ Auch Vater Frank, stellvertretender Solobassist im Philharmonischen Orchester Regensburg, hat nach 20 Jahren Klassik pur bei einer Session im „Lokanta“ (immer mittwochs) wieder zum Jazz gefunden.

Acht Stunden üben – kein Problem

Der 13-jährige Etienne nennt Namen und Größen, die sonst wohl nur echte Jazzer kennen – Herb Ellis, Barney Kessel, Wes Montgomery, George Benson – und überspringt dabei mal schnell zwei, drei Generationen. Für Etienne gibt es nur den Jazz. Acht Stunden üben – kein Problem. Er interessiert sich nicht für andere Musikgenres.

Andreas Köckerbauer dagegen ist vielseitiger orientiert, spielt auch in anderen Combos mit Freunden, gibt selbst Gitarrenunterricht und beschäftigt sich mit Musikproduktion, also Recording, Mixing, Mastering und hat so schon mehrere CDs und EPs befreundeter Bands aufgenommen. Er macht gerade an der Musikakademie in Regensburg eine Ausbildung zum Staatlich geprüften Ensembleleiter im Bereich Rock, Pop, Jazz mit dem Hauptfach Gitarre.

Jams in der Fußgängerzone

Sein Spiel kommt aus der klassischen Gitarre und trägt viel Blues in sich. Eine ideale Ergänzung zum fluffig-leichten Spiel seines jungen Kollegen Etienne. Zusammen jammen sie oft auch in der Fußgängerzone, zur großen Freude kunstsinniger Regensburger Passanten. Sie spielen bekannte Stücke – „Minor Swing“, „Mr. Sandmann“ oder „Dark Eyes“ –, aber auch eigene Kompositionen wie den „Bossa Ratisbona“ eine swingende Hommage an ihre Heimatstadt, die demnächst auch als Video herauskommt. In ihrer zweiten eigenen Nummer „Slow Train To Paris“ träumen die jungen Musiker davon, auf den dortigen Gassen, den Plätzen und in den Cafés zu spielen, wo ihre Idole einst auftraten und ihre Musik entstand, lange bevor sie das Licht der Welt erblickten.

Viele Regensburger konnten die Nachwuchsstars der Jazzszene schon beim 36. Regensburger Jazzweekend Ende Juli bestaunen und haben wohl weder Augen noch Ohren getraut. Denn die Youngsters swingen so cool wie die alten Hasen dieser lässigen Szene. Ein Genuss zu sehen, wie die zwei in ihrem Spiel aufgehen, sich mit Soli batteln, jeder mit eigener Note, und dabei doch so eins sind. Die Klänge fließen und verschmelzen zu einem akustischen Sahnebaiser. Gnadenlos gut und unterhaltend und dermaßen schwungvoll, dass man kaum stillhalten kann, mitwippen muss und am liebsten lostanzen möchte. Ein Glücksfall der Musik, die Geburtsstunde einer neuen Jazz-Ära – mitten in Bayern.

Weitere Kulturnachrichten lesen Sie hier

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht