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Kultur
Freitag, 24. November 2017 13° 2

Ausstellung

Die Lust an der Nacktheit

Berthold Furtmeyr illustriert seine Bücher mit viel Sinn für den Körper.
Von Jasmin Beer, Institut für Kunstgeschichte der Uni Regensburg

Furtmeyr, Adam und Eva, Bayerische Staatsbibliothek Cgm 8010a.

Regensburg.Der Mensch in seiner vollkommenen Nacktheit – ein Thema, das Künstler in der Renaissance besonders interessierte. Die anatomische Genauigkeit bei der Abbildung von Körpern rückte im 15. und 16. Jahrhundert immer mehr in den Blickpunkt. Der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt, der im 19. Jahrhundert mit seinen Schriften die Wahrnehmung der Renaissance beeinflusste wie kein anderer, nannte es „die Entdeckung der Welt und des Menschen“. Und genau das ist es, was der fantasievolle Regensburger Buchmaler Berthold Furtmeyr in seinen Illustrationen leistet. Er beschäftigte sich bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts – der Zeitenwende von der Spätgotik hin zur Renaissance – intensiv mit diesen Motiven. In seinen Bibel-Illustrationen tauchen immer wieder nackte Menschen auf – vor allem schöne Frauen. Meist ist ihre Nacktheit bibeltextlich belegt wie bei Adam und Eva im Paradies, manchmal aber – könnte man meinen – setzt Furtmeyr seine Figuren aus künstlerischen Beweggründen unbekleidet ins Bild. Als Beispiel dafür kann seine Illustration der Auffindung von Moses im Nil gelten. Furtmeyr stellt die Tochter des Pharao und ihr weibliches Gefolge hier nur teilweise bekleidet dar, einige Damen sogar ganz nackt. Kaum ein anderer Künstler zeigt bei dieser Szene Frauen, so wie Gott sie schuf.

„Diese Welt Furtmeyrs ist prall voll Sinnlichkeit, voll Begehren, den lüsternen Blicken der Frau des Potifar, die Josef in ihr Bett zu ziehen trachtet, einer Batseba, die in ihren körperlichen Rundungen und Rötungen in der Badestube wie das Inbild der naturgegebenen weiblichen Verführungsgabe erscheint“, schreibt Prof. Dr. Christoph Wagner, Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte an der Uni Regensburg, in seiner Einführung im Kompaktführer zur Ausstellung, die im Historischen Museum zu sehen ist.

Diese verführerischen Rötungen an Gesäß, Ellbogen, Knien oder Wangen sind auch bei Furtmeyrs Darstellung von Adam und Eva im Alten Testament zu entdecken, das in der Bayerischen Staatsbibliothek München aufbewahrt wird. Diese rötlichen Schattierungen passen also exakt zur Verführungssituation, die sich dem Betrachter bietet. Die beiden präsentieren ihre Nacktheit ohne Scheu, es gibt kein Feigenblatt, das schamhaft die Blöße bedeckt. Ganz im Gegenteil: der Künstler wählt einen Augenblick, bei dem er die Schambereiche seiner Figuren naturgetreu ausgestalten konnte. Der Sündenfall hat noch nicht stattgefunden, Adam und Eva sind sich ihrer Schuld noch nicht bewusst. Furtmeyr wählt hier den Moment, kurz bevor Adam in die verbotene Frucht des Baumes der Erkenntnis beißt, er hat den Apfel bereits an die Lippen geführt.

Auch Albrecht Altdorfer hat sich um 1535 bei seinen Wandmalereien im ehemaligen Bischofshof mit den Themen Nacktheit und Erotik auseinandergesetzt. Die erhaltenden Fragmente seines berühmten Werkes sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Altdorfer zeigt nackte, scherzende und flirtende Paare – er bringt ebenfalls die Lust an der Nacktheit ins Bild. Seine Secco-Malereien zeugen auch heute noch von der Lebensfreude, die in Regensburg in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts geherrscht hat.

Im Ausstellungskatalog und in der „Digitalen Bibliothek“ der Ausstellung können Besucher mit dem Computer alle Seiten der Furtmeyr-Bücher und die Vielfalt der Illustrationen erkunden, da in den Vitrinen zumeist nur eine Doppelseite der Bücher gezeigt werden kann. Das Heidelberger Schicksalsbuch ist in der Ausstellung mit 60 Seiten zu sehen.

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