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Kultur
Mittwoch, 17. Januar 2018 11

Kabarett

Die lustigen Seiten der Depression

Nico Semsrott widmet sich dem Scheitern – sehr erfolgreich. 600 Menschen hörten ihm im Regensburger Antoniushaus zu.
Von Veronika Lintner, MZ

Nico Semsrott, hier bei der Verleihung des Bayerischen Kabarettpreises 2014: In Regensburg kamen 600 Menschen, um den Kabarettisten zu erleben. Foto: Daniel Karmann/dpa

Regensburg.Traurig scheint er, der junge Mann auf der Bühne. Seine Kapuze hängt ihm ins Gesicht, fast bis zum Rand der dicken Brille. Possierlich und betrübt wirkt sein Dackelblick. Das ist Absicht. „Freude ist nur ein Mangel an Information“ – das ist bei Nico Semsrott seit Jahren Motto und Programmtitel. Mit depressiven Lebensweisheiten hat er sich in der deutschen Humorszene etabliert. Sein hintersinniger Witz lockte nun 600 Menschen in den Antoniussaal.

Die erste Pointe geht auf Kosten des Hauses. Seine Grundausbildung, die habe er bei wahren Profis des Humors erhalten – in einer katholischen Schule. „Gruß an die Gemeinde“, zwinkert Semsrott da von der Bühne des katholischen Hauses. Die weiteren Lebensstationen des Blondschopfs: Studienabbruch, Depression, Aufstieg zum Kabarett-Sternchen.

Seine wichtigsten Werkzeuge sind auch an diesem Abend Laptop und Leinwand. Wie ein verschüchterter Student beim Seminar-Vortrag klickt er sich durch eine Bildschirmpräsentation. Tortendiagramme und Schlagworte blitzen auf, mit denen Semsrott die Welt erklärt. So beackert er ein weites Feld an brennenden Themen. Soziale Gerechtigkeit, Rechtspopulismus, Krieg und Terror.

Fünf Euro für jedes Lächeln

Sein stärkstes Bild in der Präsentation: der Pavianfelsen Deutschland. Ein blaues Dreieck, in dem sich hierarchisch 80 Affen stapeln. 80 Affen, die über 80 Millionen Bürger repräsentieren. Daraus bastelt Semsrott schmissige Analogien. Ein einziger flüchtender Pavian kam 2015 hinzu, erklärt er – und der ganze Affenberg wurde panisch. So gibt sich der Kabarettist als schrulliger Hobby-Soziologe.

Früher mischte sich Semsrott oft unter Poetry Slammer, inzwischen gilt er als Vollblut-Kabarettist. In zehn Jahren Bühnenleben ist er politisch gereift. Heute feuert er kräftige Breitseiten gegen Kleingeister und Rassisten. Auch für „Faken News“ und das postfaktische Zeitalter findet er ein passendes Motto: „Na und? Nur weil es nicht stimmt, ist es noch lange nicht falsch.“

Sinnsprüche des Grauens

  • Nico Semsrott:

    Nico Semsrott wurde 1986 in Hamburg geboren. Er wurde schon als Schüler politisch aktiv. Er gründete die Schülerzeitung „Sophies Unterwelt“, die 2006 mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet wurde. Seit 2008 tritt Semsrott als depressive Kunstfigur auf. 2014 erhielt er den Bayerischen Kabarettpreis, 2017 den Deutschen Kleinkunstpreis. Er gehört auch zum Team der „Heute.-Show“.

  • Fanartikel: Auf der Homepage unterhält Semsrott ein „Museum des Scheiterns“, eine Galerie mit Dokumenten des Versagens.

  • Als Fanartikel verkauft er „Unglückskekse“. Die Kekse werden in Bad Abbach hergestellt. Sie bieten eine Reihe von Semsrotts Sinnsprüchen des Grauens: „Das Licht am Ende des Tunnels kann auch ein Zug sein.“

Seine Mundwinkel bleiben dabei flach. Die trübe Miene sitzt. Und für jedes Lächeln, das dem Griesgram über die Lippen huscht, wandert ein Fünf-Euro-Schein von seiner linken in die rechte Jeanstasche. Die spendet er zur Selbstbestrafung an die Junge Union.

Schließlich ist er das Gesicht der Satire-Partei „Die Partei“. Als Spitzenkandidat der Berliner Landesliste erhielt er satte 2,1 Prozent bei der Bundestagswahl 2017. Sein Slogan für Nichtwähler gibt auch eine Pointe her: „Wenn es dir egal ist, wer im Bundestag sitzt, wäre es nicht schön, von jemandem vertreten zu werden, dem es egal ist, dass er im Bundestag sitzt?“

Semsrott ist ein Zweifler

Aber sein wahres politisches Engagement lebt Semsrott auf der Bühne aus. Sein Berufsbild als linker Gesellschaftskritiker sei ja an sich schon eine Kuriosität. „Ich kann von meiner Kapitalismuskritik leben“, grinst er und lässt den Satz erst einmal wirken.

Seine Show wirkt weniger gefeilt, geschliffen und streng depressiv als im TV. Ab und an hält er inne, genießt die Reaktion – oder schüttelt den Kopf und blickt auf seine Notizen. Dem Publikum bleibt nur wenig Luft zwischen den Lachern, das Zwerchfell der Zuschauer pendelt sich auf einen gemeinsamen Rhythmus ein. Semsrott bietet klassisches, linkes Kabarett – und verpasst diesem altgewohnten Betriebssystem ein digitales Update.

Dabei ist der Hamburger kein humoristischer Kraftprotz, sondern ein Zweifler. Zum Ende des Abends spielt er mit seinen privaten Komplexen. Da wird er sehr menschlich; er vergleicht sich mit einem immermüden Koalabär, der selbst für die Partnersuche zu bequem ist. Fast würde man sich wünschen, dass er noch direkter und intensiver auf diese Untiefen eingeht. Dass er noch mehr erklärt und erzählt, von den Facetten der Depression.

„So bist du gescheitert? Respekt!“ – solche Konversationen wünscht sich Semsrott häufiger in unserer Gesellschaft. Denn aus diesem Widerspruch gewinnt er sein ganzes Konzept: Wenn das Programm sich dem Scheitern widmet – wird es zum Erfolg. Selten waren Depressionen so amüsant.

Lesen Sie mehr über Kabarett in Regensburg: hier

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