mz_logo

Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Buchmesse

Die Revolution in 13 Minuten

Karikaturist Schwarwel hat den Mauerfall in bewegende Bilder gepackt. In Leipzig zeigte er „1989“ vor Jugendlichen.
Von Claudia Bockholt, MZ

Alt-Punkrocker, Ex-Art-Direktor der Band Die Ärzte und Karikaturist: Schwarwel bei der Buchmesse in Leipzig Foto: Claudia Bockholt

Leipzig.In den alten „Mad“-Heften gab es „Spion & Spion“, die böse, hinterhältig und ein wenig dämlich waren. Solche spitznasigen Hut- und Sonnenbrillenträger kommen auch in „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“ vor. Schwarwel zeigt Geschichte am Aufwachsen zweier Kinder in der DDR. Ihre Köpfe sind aufgeschnitten, hinein fließt ein steter Strom der Indoktrination, vom Sandmännchen bis zu Hammer und Sichel. Doch irgendwann kommen West-Musik und Levis-Jeans, Glasnost und Perestroika. Die Spione versuchen hektisch, alles Systemkritische wieder aus den Köpfen herauszufischen. Vergeblich. Die „Wir sind das Volk“-Rufe werden immer lauter.

Braver Beifall von Manga-Mädchen

Der Leipziger Karikaturist Schwarwel, bürgerlich Thomas Meitsch, hat in 13 Minuten bewegter und bewegender bunter Bildern zusammengefasst, wofür andere 300 Seiten Geschichtsbuch oder mindestens volle Spielfilmlänge brauchen: Die Geschichte der DDR, von der Teilung Deutschlands bis zur friedlichen Revolution 1989. Kommende Woche wird der Streifen im Sonderprogramm „Rebellion“ der Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg zu sehen sein. In Leipzig zeigte Schwarwel ihn am Donnerstagvormittag vor rund Hundert Jugendlichen, vor Schülern und Manga-Mädchen auf der großen Bühne der Comic-Convention bei der Buchmesse. Sie klatschten brav.

1989? War da was? „Die haben gar keine Ahnung mehr“, sagt der 46-Jährige über die Schüler. Das gelte für den Osten wie für den Westen Deutschlands. „Vier Stunden in der zehnten Klasse, eine Schularbeit – das ist alles“. „1989“ habe er gemacht, um das Geschichtsbewusstsein zu fördern. Um jungen Leuten klarzumachen, dass sie sich mit Politik befassen sollen, dass selbst apolitisches Verhalten ein politisches Statement ist. So wurde „1989“ das medienpädagogische Projekt eines Alt-Punkrockers und Ex-Art-Directors der Band Die Ärzte, für die er Musikvideos animierte und Cover gestaltete.

Zum Film gibt es auch ein Buch

Zum Film gibt es auch ein Buch, das Schwarwel in diesen Tagen auf der Leipziger Buchmesse vorstellt, Untertitel: „Der Almanach zur friedlichen Revolution“. Ein bisschen spät für das große Jubiläum 25 Jahre Mauerfall“ 2014. Aber nicht zu spät, um wenigstens ein paar junge Leute mit den Mitteln einer Graphic Novel für die Ereignisse zu interessieren, die zwar die Befreiung von einer Diktatur gebracht, aber auch viele immer noch ungelöste Konflikte hervorgerufen haben.

Pegida, sagt Schwarwel, sei ja nur ein Symptom all der bis heute unaufgearbeiteten Probleme. Für ihn steht fest: „Die Einheit ist nicht vollzogen“. Für Außenstehende sei es leicht, vom „wilden Osten“ zu reden. Doch der Frust und der Hass, die sich schon 1991 in Hoyerswerda entluden, suchten sich immer wieder neue Bahnen. „Das Gute im Schlechten“ sei, dass die Konflikte im Zuge der Pegida-Diskussion auf den Tisch gekommen sind.

Positive Gefühle ansprechen

So sei es auch mit den Mordanschlägen in Paris gewesen. So traurig der Anlass war, sei aber doch endlich wieder diskutiert worden. Er habe, schon weil er Kollege ist, seit 2005 die Entwicklung von „Charlie Hebdo“ verfolgt, sagt Schwarwel, „seit sie die Mohammed-Karikaturen aus Dänemark übernommen haben.“ Seine Sache sei die Provokation nicht. „Ich glaube, dass man positive Gefühle ansprechen muss, um etwas zu erreichen.“ Das hat er in „1989“ umgesetzt. Schon die musikalische Untermalung lässt keinen Zweifel daran, dass der Mauerfall ein beglückendes Ereignis gewesen sein muss. Der Zeichner lacht: „Man muss schon ein bisschen auf die Kacke hauen, wenn man in 13 Minuten das schaffen will, wofür andere 90 Minuten Zeit haben“. Ganz flott zeichnet Schwarwel dann noch einen Gruß an die Regensburger. Und weil er Karikaturist ist und kein Idyllenpinsler, verkneift er sich die Spitze nicht: „Die Donau hat‘s gut, denn die kann immer aus Regensburg raus...“

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht