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Kultur
Freitag, 15. Dezember 2017 3

Literatur

Die scheue Frau in Weiß

Nach 150 Jahren noch aktuell: die amerikanische Dichterin Emily Elizabeth Dickinson. Das Emily’s Poetry Trio stellte Vertonungen ihrer Gedichte vor.
Von Jutta Göller, MZ

Maria Nikolayczik und Gitarrist Rolli Bohnes von Emily’s Poetry Trio in der Buchhandlung Dombrowsky Foto: altrofoto.de

Regensburg.„Gedichte gehen nicht“, das ist ein gängiges Vorurteil. Auch die nordamerikanische Dichterin Emily Dickinson begegnete während ihres 56-jährigen Lebens diesem Vorbehalt. Kaum ein Dutzend ihrer Gedichte wurden zum Druck angenommen. So schrieb sie tausende von Versen buchstäblich für die Schublade, wo Verwandte sie nach ihrem Tod 1886 fanden und herausgaben. Heute gilt sie als die bedeutendste englischsprachige Lyrikerin des 19. Jahrhunderts. Inzwischen liegen auch schöne englisch-deutsche Editionen vor.

Emily Dickinsons Leben war zugleich ungewöhnlich und doch auch wieder typisch für ein Frauenschicksal. In das Bildungsbürgertum von Massachusetts hineingeboren – der Großvater gründete das berühmte Amherst College – , genoss sie eine ausgezeichnete Schulerziehung und sollte wohl Lehrerin werden. Doch das Studium musste sie wegen schwacher Gesundheit abbrechen. Heute würden wir sagen, dass sie vermutlich auch unter Depressionen gelitten hat. Sie zog sich in ihr Elternhaus zurück, half zusammen mit ihrer jüngeren Schwester bei der Haushaltsführung und pflegte vor allem jahrzehntelang die bettlägerige Mutter. „Wir waren uns nie nah“, schrieb sie nach dem Tod der Mutter 1882, „erst als sie (durch Krankheit) zu unserem Kind wurde, kam die Zuneigung.“

Nur vier Jahre später war auch Emily tot, verstorben an einem Nierenleiden. Die letzten Jahrzehnte ihres Lebens verließ sie das Elternhaus nicht mehr, war im Ort bekannt als eine mythische Figur in Weiß, die nie in der Öffentlichkeit in Erscheinung trat.

Doch sie führte einen umfangreichen Briefwechsel, und sie muss fast jeden Tag Gedichte geschrieben haben. Die wenigen, die sie wegschickte, waren so unkonventionell, so ihrer Zeit voraus, dass die Verleger sie nicht drucken wollten. Ihre meistens kurzen Gedichte reimten sich zum Beispiel nicht auf konventionelle Art. Sie schrieb oft keine ganzen Sätze, eher Gedankenfetzen, die mit Gedankenstrichen endeten. Uns heutige Leser spricht das an – das macht diese Texte offen für Interpretationen. Ihre Naturgedichte erinnern manchmal an japanische Haikus, Verse wie impressionistische Pinselstriche.

Das junge Regensburger Jazz-Trio „Emily’s Poetry Trio“ haben diese Gedichte inspiriert. Von „unerschrockener Herzenserforschung, zauberspruchhaftem Ton und sprachlichem Eigensinn“ kündet das Programm. Der Gitarrist Rolli Bohnes hat als Komponist über ein Dutzend Texte vertont, die Sängerin Maria Nikolayczik verleiht ihnen mit ihrer warmen Altstimme Emotion und klare Artikulation. Oliver Horeth begleitet auf dem Bass.

In der für einen Lyrik-Liederabend gut besuchten Buchhandlung Dombrowsky lagen für die Zuhörer die meisten der englischen Texte mit Übersetzung aus, einige übersetzte der Komponist Rolli Bohnes freistehend. Die musikalischen Arrangements versuchen kongenial, die jeweilige Stimmung der Gedichte wiederzugeben, mit Instrumental-Improvisationen zwischen den Strophen, die mal jazzig, mal bluesig daherkommen. Es sind auch humorvolle Melodien dabei, wie in der Vertonung des Briefes der Fliege an die Biene wegen einer Verabredung („Biene! Ich erwarte dich!“). Ausgesprochen schmissig klingt ein Lied, in dem die Dichterin die Grenzen ihrer kleinen Welt mit der Imagination überwindet („Ich sah nie ein Moor,/ Ich sah nie das Meer;/ Und doch weiß ich, wie die Heide aussieht,/ Und wie eine Welle sein muss.“). Melancholisch getragen sind die Melodien der Lieder, die um Verluste, Tod und Religion kreisen.

Es gilt, eine Dichterin zu entdecken, deren Verse modern sind, als wären sie heute, nicht vor 150 Jahren entstanden. Es gilt, einem jungen Jazz-Trio zuzuhören, dessen Vertonungen den Sinn der Gedichte kongenial erschließen.

Service

Zweisprachige Ausgaben der Gedichte sind bei Hanser und Fischer erschienen: Emily Dickinson: „Gedichte“, englisch und deutsch (von Gunhild Kübler), Hanser Verlag, 45 Euro (gebundene Ausgabe). Als Fischer Taschenbuch, 12,99 Euro.

Die Vertonungen des Emily’s Poetry Trio sind als Download auf der Homepage der Band zu haben, wo man auch in die Lieder hineinhören kann.

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