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Donnerstag, 29. Juni 2017 27° 2

Bücher

Die vielen Arten, einen Roman zu lesen

Ulrike Anna Bleier stellt ihr Romandebüt „Schwimmerbecken“ vor – und gibt für die Lektüre eine ungewöhnliche Empfehlung.
Von Peter Geiger, MZ

Ulrike Anna Bleier stammt aus Regensburg, lebt in Köln – und stellte jetzt im Literaturhaus Oberpfalz ihren gefeierten Debütroman vor. Foto: mgn

Sulzbach-Rosenberg. Wer etwas Ungewöhnliches erschafft, kollidiert zwangsläufig mit Erwartungen. Und muss dabei mit Konventionen brechen. Irgendwann an diesem Abend im Literaturhaus Oberpfalz – Ulrike Maria Bleier hat vielleicht eine halbe Stunde aus ihrem Romandebüt „Schwimmerbecken“ vorgetragen – da verlässt sie das gewohnte Format der Lesung. Der Abend mutiert urplötzlich zu einer Art von Performance.

Die 1968 in Regensburg geborene Autorin, die seit fast 30 Jahren in Köln lebt und sich in dieser Zeit jegliche dialektale Wiedererkennbarkeit abtrainiert hat, hat sich vom soeben gelesenen Wort „Kreuzworträtsel“ inspirieren lassen. Sie spielt nun auf der mitgebrachten Heimorgel, einem längst verloren geglaubten Jugendrelikt, „die sich unter meinem Bett wiederfand“, Melodien im Glockenspielsound und spricht dazu Wörter wie „Mädchen“, „Weltkrieg“ oder „Fleckfieber“. Fleckfieber? Ja, denn in Kapitel 23, da heißt es: „Die Krankheit Fleckfieber gehörte zu unseren Lieblingskreuzworten, drei E, zweimal das F, ein B, ein K, ein L, wunderbare Buchstaben, mit denen man viel anfangen, mit denen man viel Unwesen treiben konnte.“

Zahl mit 77 Stellen

Ulrike Anna Bleier versteht es tatsächlich, bei aller Beiläufigkeit ihres Auftritts, ein Unwesen monumentaler Art zu treiben. Indem sie aus der Perspektive der Schwimmlehrerin Luise das Verhältnis zum Zwillingsbruder Ludwig abzirkelt, treibt sie ein außergewöhnliches, so noch nicht erlebtes und erlesenes Spiel mit den Zeichen, den Buchstaben und den Zahlen. Denn wann zuletzt wurde so griffig die Unbegreifbarkeit von Kunst sichtbar gemacht wie mit ihrem ganz bestimmt größenwahnsinnigen Ratschlag, die 57 Romankapitel doch in ganz beliebiger Reihenfolge zu lesen? Sie selbst habe „schon ein paar Varianten“ durchprobiert: „Es hat immer geklappt!“

Von der Kritik gefeiert

  • Die Autorin:

    Ulrike Anna Bleier ist 1968 in Regensburg geboren und lebt in Köln, wo sie Angewandte Sozialwissenschaften, Linguistik, Indogermanistik und Phonetik studierte. Sie arbeitet als freie Autorin, Journalistin und Projektleiterin der Kölner Kulturpaten.

  • Der Roman:

    „Schwimmerbecken“, erschienen im Viechtacher Verlag „lichtung“, wurde von der Kritik einhellig gefeiert. Im WDR 5-Literaturmagazin war er zuletzt „Buch der Woche“, in der Bayern-2-Bücherschau avancierte er zum „Ostertipp“.

Folgte man also diesem Ratschlag der Autorin und wollte „Schwimmerbecken“ sodann in allen mathematisch möglichen Kombinationen entdecken, so ergibt sich eine Zahl, die aufgrund ihrer 77 Stellen nicht nur jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Auch jede Art von Realisierbarkeit im Leben eines Lesers liefe ins Leere.

Patricia Preuß, die Programmverantwortliche im Literaturhaus Oberpfalz, kann ihre Begeisterung über das Buch trotzdem kaum zügeln, auch wenn sie Bleiers „Schwimmerbecken“ „erst zweimal“ gelesen hat. Und zwar ganz konventionell, wie sie bekennt: „Von Seite 1 bis Seite 158.“

Auf Wasser gebaut

Preuß lobt die „hohe Kunst“ der Autorin, „eine Unterströmung zu schaffen“ für das, was da auf der inhaltlichen Ebene stattfindet. Dass Ludwig, der „Bruderherz“ genannte Zwilling der Ich-Erzählerin, nämlich nach fünfjähriger Abwesenheit irgendwo in der Welt (Indonesien? Malaysia?) zurückkehrt ins heimische Kollbach, das irgendwo in Ostbayern liegen muss. Und sodann die Sprache der Heimat nicht mehr spricht, was das Erlahmen der Kommunikation von Bruder und Schwester bedeutet. Die Reflexion darüber wird erzählt in einem Duktus der Wiederholung, der steten Korrektur und Präzisierung, die dem Lauf eines mäandernden Flusses entspricht.

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Tatsächlich habe es sie gereizt, so Ulrike Anna Bleier, ihre Geschichte „anders zu erzählen, als man das macht“. Und darüber nachzudenken, wie sie „das Innere der Figuren über die Form darstellen“ könne. Dabei baut sie vor allem auf die Wasser-Metaphorik, die das Erzählte wie ein roter Faden durchzieht: Da ist die Kollbach, (tatsächlich grammatikalisch mit weiblichem Geschlecht ausgestattet), die immer wieder über die Ufer tritt. „Ein Gedanke ist nicht wie ein Blitz, der über einen kommt. Ein Gedanke ist wie ein Zufluss, ist wie die Kollbach, je länger sie durch eine Landschaft fließt, desto stärker prägt sie diese Landschaft, und weil die Kollbach so unruhig verläuft, verlaufen wir alle so unruhig.“

Ulrike Anna Bleiers Buch ist viel mehr als ein Roman: ein von traumhafter Sicherheit getragenes Gedicht, eine Sammlung Episoden, die sich zu Bildern verdichten, die einer eigenen Poetologie der Verflüssigung folgen. Womit es der Autorin paradoxerweise gelingt, das Ungreifbare des Lebens in die feste Form einer hochflüchtigen Sprache zu gießen.

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