mz_logo

Kultur
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 2

Bücher

Die vielen Häutungen der Schmerzensfrau

Keine bearbeitet ihren Körper so radikal wie Marina Abramovic. Jetzt legt der Superstar der Kunstszene die Biographie vor.
von Marianne Sperb, mZ

  • Marina Abramovic in Malaga, hinter ihr: eine Fotowand mit Bildern ihrer Performance „Art must be beautiful“ (1975), bei der sie sich mit einer Drahtbürste blutig kämmte. Foto: dpa
  • Marina Abramovic 2013 in Madrid, vor der Präsentatin von „The Life and Death of Marina Abramovic“. Am 30. November wurde die Künstlerin 70. Foto: dpa
  • Marina Abramovic hängt, zwei Schlangen in den Händen, im Schauspielhaus Hannover, bei einer Probe zur Performance „The Biography“. Foto: dpa

Regensburg.Regensburg. Marina Abramovic schindet sich. In „Rhythm 10“ von 1973 sticht sie mit zehn wechselnden Messern in rasendem Rhythmus zwischen ihre gespreizten Finger in dickes Papier. Ein Tonband nimmt das Stöhnen auf, wenn die Messerspitze ins Fleisch statt in die Unterlage trifft. In Runde zwei versucht die Künstlerin, sich sekundengenau zu den abgespielten Schreien aus Runde eins zu stechen. Auch eine dritte Runde spielt sie durch, begleitet vom doppelten Soundtrack. Am Ende bluten ihre Hände, aber Abramovic fühlt sich wie „ein Sender und Empfänger gewaltiger elektrischer Energie“: „Ich hatte die totale Freiheit erfahren. Ich hatte gespürt, dass mein Körper grenzenlos war, dass Schmerz keine Rolle spielte, dass überhaupt nichts eine Rolle spielte. Und es war berauschend.“

In dieser ersten Performance in Edinburgh ist schon alles angelegt, was die Künstlerin treibt. In ihrer Karriere wird sie maximale Zumutung suchen. Viel Blut wird fließen. Und: Wie in Edinburgh, wo Joseph Beuys im Publikum steht, wird ihr Weg vom kompletten Personal der internationalen Avantgarde gekreuzt werden.

Gequälte Tochter aus gutem Haus

Nachlesen kann man das in einem Buch, das Marina Abramovic zu ihrem 70. herausgebracht hat. Der schöne Titel: „Durch Mauern gehen“ – durch Mauern von Schmerz vornehmlich, weil erst dann, wenn alles Wollen aufhört, der Zustand vollständiger Innerlichkeit erreicht wird, wie die Künstlerin beschreibt. Auf knapp 500 Seiten geht der Leser den dornigen Weg einer Belgrader Privilegierten-Tochter mit, die zum Superstar der internationalen Kunstszene wird. Woher ihre Suche nach Schmerz kommt? Sie hat ihn gelernt, als Kind hochrangiger Partisanen, die die Tochter unvermittelten Anfällen von Grausamkeit aussetzen.

Der Leser lernt Abramovics Lover kennen, die doch recht auffällig vor allem an ihrer Kraft, ihrer Fürsorge und ihrem Geld interessiert sind, und er trifft auf die interessantesten Protagonisten aus Kunst, Philosophie und Mode. Robert Wilson bringt mit William Dafoe die Autobiofiktion „The Life and Death of Marina Abramovic“ auf die Bühne (2012), mit Musik der Komponistin Antony Hegarty (heute: Anohni). Givenchy-Designer Riccardo Tisci nuckelt in einer Pietá-Anordnung an Abramovics Brust (2011). Lady Gaga absolviert mit der Sucherin einen buddhistisch inspirierten Survival-Trip (2013). Und Igor Levit kreist auf einem Podest zu den „Goldberg-Variationen“ um die eigene Achse, bis den New Yorkern bei der Abramovic-Inszenierung die Sinne schwinden (2015).

Die Essenz des Balkan-Wahnsinns

Stößt das ab? Zieht das an? Ghostwriter James Kaplan hat aus 700 Stunden Interview ein sehr lesbares Buch gemacht, das auch in der Übersetzung straight und schnörkellos bleibt. Gefährlich melodramatisch, aber auch überraschend kindlich und sehr freimütig klingen manche Passagen. Den Verdacht, dass hier auf Voyeurismus spekuliert wird, kann man nicht ganz abschütteln, und doch: Der Überzeugungskraft dieser singulären Schmerzensfrau, die einem so beharrliche Bilder und Ideen einpflanzt, kommt man nicht aus. Oder wer könnte etwa „Balkan Baroque“ (1997, Goldener Löwe von Venedig) aus dem Kopf löschen? Vier Tage schrubbt Abramovic Rinderknochen, in erdrückender Hitze und unerträglichem Gestank, und zeigt uns die Essenz des Balkan-Wahnsinns.

Vor allem in den 1970ern exerziert Abramovic eine Reihe lebensgefährlicher Performances durch. Sie legt sich in Belgrad in einen brennenden Stern, wird vom Sauerstoffmangel ohnmächtig und in letzter Minute aus dem Feuer gehoben. Sie kniet sich in Mailand nackt vor starkes Gebläse und atmet Sauerstoff ein, bis sie bewusstlos wird. Sie überlässt sich in Neapel passiv einem Publikum, dem 72 Dinge zur Wahl stehen: um sie zu streicheln, zu parfümieren, mit Honig zu bestreichen. Im Lauf der sechs Stunden greifen die Menschen zu Schere, Tranchiermesser, Nadeln und Axt. Einer ritzt ihr den Hals und saugt Blut, einem anderen wird der Revolver aus der Hand gerissen. Am nächsten Morgen ist eine Strähne in Abramovics schwarzem Haar ergraut.

Nach den spektakulären Acts der frühen Jahre ist die Künstlerin immer leiser und innerlicher geworden. „Vom Brüllen zum Schweigen“ beschrieb es „Die Zeit“. 100 Jahre alt will Marina Abramovic werden. Und dann ein Begräbnis haben, das gefeiert wird wie ein Fest. Ohne Tränen, ohne Schmerz.

Marina Abramovic

  • Die Künstlerin:

    Marina Abramovic erlebte in Belgrad eine schmerzvolle Kindheit. Die Mutter war Majorin der Armee, der Vater ein Nationalheld. Die Tochter wurde „grün und blau“ geschlagen, auch aus nichtigen Anlässen, etwa, wenn ihre Bettdecke im Schlaf Falten warf. Abramovic wohnte lange in Amsterdam und zog mit ihrem Partner Ulay in einem Bus jahrelang durch die Welt. Heute lebt sie in New York. Am 30. November wurde sie 70 Jahre alt. „Durch Mauern gehen“ erschien bei Luchterhand: 475 Seiten, 28 Euro.

  • Die Performance:

    Die erfolgreichste Arbeit von Abramovic, gemessen an der Besucherzahl, und die vielleicht erfolgreichste Performance der Kunstgeschichte war „The Artist is Present“: Vom 14. März bis 31. Mai 2010 saß die Künstlerin im MoMA in New York an einem Tisch und schwieg – ihr gegenüber ein Stuhl, auf dem Besucher Platz nahmen. Viele der Gäste weinten und schilderten den stummen Blickwechsel als ergreifend. Die Performance endete nach 721 Stunden; mehr als 750 000 Menschen sahen sie.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht