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Kultur
Samstag, 23. September 2017 21° 3

Messe

Drei Tage im Kunst-Schlaraffenland

Die Kunstmesse Regensburg bietet eine kaum zu bewältigende Fülle an Ideen, Materialien und Formen: noch bis Sonntag.
Von Michael Scheiner, MZ

  • Ein Besucher am Stand von Lukas Frese, bei der Kunstmesse Regensburg im Leeren Beutel: Die Messe bietet noch bis Sonntag ein Füllhorn der Kunst. Foto: Michael Scheiner
  • Bianca Artopé in ihrer Kunstkoje, auf der Kunstmesse im Leeren Beutel Foto: Michael Scheiner
  • Pissoir-Fotos von Christoph Gabler, bei der Kunstmesse Regensburg Foto: Michael Scheiner

Regensburg.„Ich will jetzt nicht länger quatschen, sondern endlich Kunst sehen!“ Entschieden beendete Oberbürgermeister Joachim Wolbergs seine gewohnt knappe, frei gehaltene Eröffnungsrede der Kunstmesse Regensburg im Leeren Beutel. Zuvor aber rieb er den beiden Messeleitern Falko Gaulke und Stefan Bircheneder noch mahnend unter die Nase: „Wenn man etwas zweimal macht in dieser Stadt, ist man verpflichtet – das müssen Sie wissen!“ Gelassen grinsend nahmen die zwei den OB in die Mitte und entschwanden für einen Rundgang durch die oberen Stockwerke.

Weniger knapp fiel die Einführung des BBK-Vorsitzenden Wigg Bäuml als Veranstalter der zweiten Kunstmesse aus. Er ging darauf ein, dass die Jury – der er angehörte – „großen Wert auf eine breite Vielfalt“ gelegt habe. Die Kunstmesse sei „eine Plattform für neue und junge Talente“ und überhaupt „viel mehr als nur ein kommerzieller Treffpunkt für ein breit gefächertes Kunstangebot aus Bayern“. Tatsächlich sind mit diversen Installationen und der „copy’n’paste“-Performance der Gruppe Co-Laborativ in der Minoritenkirche als weiterem Ausstellungsraum auch etliche künstlerische Projekte ohne merkantilen Charakter zu erleben.

Tiefsinnig und sinnlich: „Schlaf der Freiheit“

Anja Maria Strauss hat Samenkapseln von Eichel-Hütchen arrangiert. Foto: Michael Scheiner

Eindrucksvoll: der „Schlaf der Freiheit“, eine tiefsinnige und sinnliche Installation der Gruppe Paradoxa mit Feldbetten, Licht, Wisperstimmen und Worten. Am Dachauplatz steht die Kunsthalle Pertolzhausen. Darin hat die japanische Künstlerin Mizuho Matsunaga ihr köstliches „Schlaraffenland“ aufgebaut. Zu entdecken gibt es außerhalb des prall gefüllten Leeren Beutels auch in der Galerie des Neuen Kunstvereins vorn am Schwanenplatz noch einiges. Dort lockt die „Lovely Landscape“, die liebliche Landschaft von Minyoung Paik mit halbierten Topfbäumchen und rotierenden Kartenständern.

Waschmaschinendichtungen von Helge Gerd Wütscher, auf der Kunstmesse Regensburg Foto: Michael Scheiner

Ein Schlaraffenland der Kunst ist bis zum morgigen Sonntag vor allem der Leere Beutel, dessen Name so wunderbar von dieser zweiten Kunstmesse durchkreuzt wird. Auf zweiten Stockwerken sind über 80 Kunstschaffende – darunter auch einige Institutionen – mit ihren Arbeiten in kleinen Messekojen vertreten. „Viel zu viel“, stöhnen einige der ersten Besucher, die mit glänzenden Augen durch die Gänge pilgern und nicht recht wissen, wo sie stehen bleiben und wo nur vorbei schlendern sollen.

Kurz vor 22 Uhr klappert hinter ihnen eine Mitarbeiterin des städtischen Hauses dezent mit den Schlüsseln – die Angestellten sind müde und wollen nach Hause. Abgekämpft vom tagelangen Aufbau und gleichzeitig glücklich wirken die beiden Macher Gaulke und Bircheneder, die Kataloge verteilen, Fragen beantworten und prüfend herum blicken, ob auch alles passt und am richtigen Fleck steht.

Riesenlibellen aus Draht und Porzellan

Schwarzweiß-Gemälde von Jakub Hubalek: bei der Kunstmesse Regensburg Foto: Michael Scheiner

Eine weiße Naht steppt Anne Trieba in manchen ihrer „Heimatbilder“ am rechten Fleck und gibt ihren Figuren, die sie aus persönlichen Erinnerungsbildern herausgelöst und auf Sackleinen gemalt hat, eine unerwartete Tiefe und Plastizität. Bianca Artopé erzielt eine ähnliche Wirkung in ihren rätselhaften „Zwischenwelten“ und geheimnisvollen Porträts. Sie baut ihre Acryl- und Tuschebilder in vielen Schichten auf, indem sie immer neue Lagen hochgiftiges Epoxidharz gießt und dazwischen Bildelemente setzt. Die Werke von Trieba und Artopé sind zwei Beispiele für die Fülle verschiedenster Materialien und Stoffe, mit denen die ausstellenden Künstler ihre feinsinnigen oder groben, immer aber kreativ-ästhetischen Ideen umsetzen.

Besucher am Stand von Christine Renner, bei der Kunstmesse Regensburg Foto: Michael Scheiner

Riesenlibellen aus Draht und Porzellan lassen einen vorsichtig auf Distanz gehen. Skulpturale Schwämme und Seegetier lassen ein ganzes Universum im Kopf entstehen, während „Godzillas“ und andere surreale Gestalten eher zum Schmunzeln reizen, als Erschrecken auszulösen. Vergnügliches, wie die aufgetürmten Waschmaschinendichtungen von Helge Gerd Wütscher, stößt hier direkt auf konzeptuelle „Feldforschung“ auf und um den Watzmann herum, grell-bunte gemalte Schüttelreime auf kunstgeschichtlich konnotierte Erotik.

Neben expressiver Abstraktion und Farbflächenmalerei, oft kombiniert mit experimentellen Materialeinsatz, fällt auf, dass viel Figuratives zu sehen und zu entdecken ist. Sich auflösende Gesichter stehen dabei im Kontrast zu schräger Pissoir-Fotografie, während poetische Eislandschaften mit zierlichen Gebilden aus Draht und Samenkapseln korrespondieren. Freizeit- und Sportmotive alter Fotografien, überhöht in großen Schwarzweiß-Gemälden, beginnen bei genauer Betrachtung zu irritieren, andere faszinieren in heiterer Verspieltheit, überraschenden Brechungen oder bemerkenswerten (Unterwasser-)Perspektiven. Ein Füllhorn an Kunst, das darauf wartet entdeckt zu werden, um sich daran zu ergötzen.

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