mz_logo

Kultur
Montag, 24. April 2017 16° 2

Odeon

Edita Gruberova schenkt Glücksmomente

Triumphales Gastspiel der Sopranistin im Audimax: Ihre Stimmbeherrschung und Gestaltungskraft reißen alle von den Sitzen.
Von Juan Martin Koch, MZ

  • Edita Gruberova wurde bei ihrem Auftritt im Regensburger Audimax stürmisch gefeiert. Foto: altrofoto.de
  • „Edita, Ihr Gesang ist für uns ein Geschenk“: Die Fankurve hatte das Foyer des Audimax geschmückt. Foto: Koch

Regensburg.So funktioniert Belcanto: Nach einem prägnanten Rezitativ hat sich die getragene Arie über friedlicher, etwas harmloser Streicherbewegung ruhig ein- und allmählich in ätherische Höhen aufgeschwungen und wir warten auf eine gediegene, möglicherweise leicht verzierte Schlusswendung. Da bricht die ebenmäßige Gesangslinie in mittlerer Lage plötzlich ab, und nach einer kleinen Zäsur leitet ein zartes, dreigestrichenes C aus schwindelerregender Höhe die letzte Phrase ein.

Ein solcher Überraschungseffekt kann seine atemberaubende Wirkung nur entfalten, wenn er mit absoluter vokaler Kontrolle und sicherem Stilgefühl zelebriert wird. Edita Gruberova verfügt über beides und noch mehr: Mit souveränem Timing und Theaterinstinkt blickt sie in der kurzen Pause zur Seite und verzögert den Spitzenton um ein paar Millisekunden, um ihn dann wie beiläufig als makelloses Fundstück aus einer anderen Welt in den Raum zu stellen.

In diesem Moment, dem ein messerscharf deklamiertes, brillant charakterisierendes Rezitativ vorausgegangen war, und der anschließend mit lodernder Intensität und strahlender Höhe herausgeschleuderten Cabaletta kulminierte der erste Teil von Edita Gruberovas triumphalem Gastspiel im Regensburger Audimax. Vor dieser Nummernfolge aus Gaetano Donizettis „Roberto Devereux“ war die Sängerin mit zwei Ausschnitten aus dessen „Lucia di Lammermoor“ zu erleben.

Im Leisen liegt große Kraft

In der berühmten Wahnsinnszene ließ sie alle Facetten ihrer nach wie vor überragenden Stimmbeherrschung und Gestaltungsfähigkeit aufleuchten, die von mädchenhafter Innigkeit bis zu bebenden, dabei vokal stets kontrollierten Erregungszuständen alle Schattierungen kennt. Der vielleicht faszinierendste Aspekt ihrer Gesangskunst: die Zurücknahme. Dabei stellt sich der paradoxe Effekt ein, dass ihre Stimme umso tragfähiger zu sein scheint, je leiser sie wird. Man meint, mit einem Zoomobjektiv nebst Richtmikrophon in den Vokalklang hineingezogen zu werden – Gänsehautmomente.

Aber keine Angst: Auf den Boden der Realität holten uns regelmäßig die Nürnberger Symphoniker, die den Abend mit einer erschreckend lustlos abgespulten Barbier-Ouvertüre Rossinis eröffnet hatten. Das war im weiteren Verlauf alles technisch einwandfrei, in den Holzbläsern immer wieder auch fein musiziert, aber subtile Nuancen, federnde Italianità oder gar ein Mitgestalten auf Höhe der Primadonna vermochte Dirigent Peter Valentovic dem Orchester nicht zu entlocken. Die rühmliche Ausnahme bildete Soloflötist Frank Schallmeyer. Wie er in der Lucia-Szene mit der in Mimik und Gestik beinahe szenisch agierenden Sängerin mitatmete, das war großes Musiktheater.

Für einen Ton hätte der Weg sich gelohnt

Die zweite Programmhälfte konnte zunächst nicht ganz an die grandiose erste anknüpfen. Edita Gruberova hatte für die „Casta Diva“-Arie aus Vincenzo Bellinis „Norma“ eine um eine Winzigkeit raschere Tempovorstellung als Dirigent Valentovic. Die minimale Unruhe, die sich daraus ergab, trübte die ansonsten wieder meisterhaft gezogene Vokallinie.

Nach der nunmehr etwas vitaleren Orchestereinlage (drei Sätze aus Benjamin Brittens Rossini-Bearbeitung „Soirées musicales“) war in der Schlussarie aus Bellinis „La Straniera“ – musikalisch nicht ganz auf der Höhe der anderen Programmpunkte – der langsame Teil einen Hauch zu tief angesetzt, umso strahlender dann die finale Steigerung, in der sich Gruberovas Sopran mühelos über das Orchester erhob.

Die Spannung, die sich in der ersten, orchestralen Zugabe (Intermezzo aus Mascagnis „Cavalleria rusticana“) aufstaute, löste sich dann am Ende in überwältigender Weise: Wie auf einem einzigen Atem verströmte sich die Arie der Liù „Signore, ascolta“ aus Puccinis „Turandot“. Für den Schlusston allein hätte sich der Weg ins Audimax gelohnt.

„Edita, Ihr Gesang ist für uns Geschenk“, stand auf einem Banner, das Fans vom Balkon aus entrollt hatten. Das Publikum pflichtete stehend bei.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht