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Kultur
Freitag, 30. September 2016 24° 1

Konzert

Ein Abend ganz im Sinne von Richard Wiedamann

Der Landesjugendchor und das Landes-Jugendjazzorchester in der Niedermünsterkirche
Von Juan Martin Koch, MZ

Das Bayerische Jazzinstitut widmete das Konzert von Landesjugendchor und Landes-Jugendjazzorchester seinem verstorbenen Gründer. Foto: Koch

Regensburg. Anhand der kompositorischen Auseinandersetzungen mit den Texten der Totenmesse ließe sich eine eigene Musikgeschichte schreiben. Mehr als eine Fußnote hätte darin wohl Nils Lindbergs Requiem von 1992 verdient, denn der schwedische Komponist und Arrangeur missbraucht die ungewöhnliche Besetzung – gemischter Chor plus erweiterte Jazz Big Band – nicht für ein unverbindliches Crossovern, sondern verbindet die beiden Klangkörper zu einem neuen Ganzen, ohne sie andererseits in ihren Eigenarten zu verleugnen.

Der wohl schönste Beleg dafür sind die solistischen Überleitungen zwischen den Sätzen, improvisatorische Inseln, auf denen einzelne Bandmitglieder das zuvor Gehörte nachklingen lassen und auf das Kommende einstimmen. Bisweilen erweitern sich diese Passagen zu kleinen Zwiegesprächen, bevor dann der Chor oder die Gesangssolisten den lateinischen Text wieder aufgreifen. Was die jungen Musiker des Landes-Jugendjazzorchesters hier an einfühlender, von tastender Reflexion bis in hymnische Ausbrüche sich steigernder Gestaltungskraft zeigten, faszinierte; ihre innere Anteilnahme zu beobachten, war bewegend.

Lindberg bedient sich der kompletten harmonischen Palette zeitgenössischer Jazzidiome; gefühlige, Richtung Musical schielende Harmoniesucht ist seine Sache nicht. Entsprechend ballt sich die enorme Energie der Besetzung dann auch in Sätzen wie dem „Tuba mirum“ kompromisslos zusammen, bricht sich in einem Schrei des Solosoprans Bahn, ehe die Posaunen ihren nahe liegenden, aber ohne Blechklischees gestalteten Auftritt haben.

Die durchaus komplexe harmonische Binnenstruktur teilt sich allerdings ab einer bestimmten Lautstärke kaum mehr mit. Zwar ist die Aussteuerung bestens ausbalanciert, die Niedermünsterakustik ist aber nicht zu überlisten.

So bleibt neben den instrumentalen Zwischenspielen vor allem der Gesang der drei Solisten im Gedächtnis: Ulrika Malottas grandioser Kyrie-Einstieg, Gunnel Sjöbergs „Kulning“-Einlage, ein aus der schwedischen Volkstradition kommender Hochseilakt, und Andreas Burkharts phänomenaler Bariton. Der Landesjugendchor war in den zurückgenommenen, sehr intensiven Passagen ebenso präsent wie in den großen, die Grenzen der Genres bewusst sprengenden Aufschwüngen, Fred Sjöberg steuerte die von Gerd Guglhör und Harald Rüschenbaum optimal vorbereiteten Ensembles mit klarer Zeichengebung durch das anspruchsvolle, insgesamt einen starken Eindruck hinterlassende Werk.

Der Chor hatte zu Beginn mit Bach, Rutter, Hansson und Jennefelt auch seine A-cappella-Qualitäten eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Am Ende ließen sie das leider nur mäßig gut besuchte Konzert mit einem schmissigen, vorweihnachtlichen Gloria Wolfram Buchenbergs ausklingen. Auch an dieser Kollektivinterpretation hätte Richard Wiedamann, dieser stets für Neues offene Geist, seine Freude gehabt.

Der vom Bayerischen Jazzinstitut seinem Gedenken gewidmete Abend mit der Zusammenführung zweier Nachwuchsensembles wäre ganz in seinem Sinne gewesen.

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