mz_logo

Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Ausstellung

Ein Appell für eine andere Sicht

Museumsdirektorin Dr. Monika Jagfeld diskutiert im Kloster St. Klara über die Bedeutung von Kunst psychisch kranker Menschen.
Von Michael Scheiner, MZ

Die Ausstellung „Gratwanderung“ findet zum 20-jährigen Bestehen des Betroffenenvereins „Irren ist menschlich“statt. Foto: Scheiner

Regensburg.Er spazierte in den Ausstellungsraum, stellte ein nagelneues Pissoir auf – und wurde prompt zurückgewiesen, verschmäht. Ausstellungsverbot für Marcel Duchamps „Fountain“, mit dem er 1917 bei der Jahresausstellung der New Yorker „Society of Independent Artists Inc.“ für einen handfesten Skandal sorgte. Noch heute kann man problemlos Menschen finden, die in einem der berühmtesten Ready-mades der Kunstgeschichte keine Kunst sehen können oder wollen, sondern die Aktion als verrückt oder irre abtun.

Mit Kunst von „Irren“, die schon lange nicht mehr so heißen, befasste sich ein Werkstattgespräch im ehemaligen Kloster St. Klara. Es fand zwischen den Bildern und Objekten der Ausstellung „Gratwanderung“ statt. Diese ist zum 20-jährigen Bestehen des Betroffenenvereins „Irren ist menschlich“, wie auch das Werkstattgespräch, gemeinsam mit der Bezirkssozialverwaltung und der Katholischen Jugendfürsorge auf die Beine gestellt worden. Als Referentin bot die Kunsthistorikerin und Psychologin Dr. Monika Jagfeld einen fundierten Überblick über Entstehung und den Umgang mit Kunst von psychisch kranken Menschen im 20. Jahrhundert.

Nicht jeder erlangte Anerkennung

Neben Duchamp verwies sie auch auf andere Beispiele, wie mit – psychisch – erkrankten Künstlern und Kunst von Kranken umgegangen wurde und wie schwierig dieser Umgang bis heute manchmal ist. Ernst-Ludwig Kirchners Aufenthalt in der Psychiatrie kratzte seinen Ruf als bedeutender Künstler kein bisschen an. Künstlerisch aktive Insassen psychiatrischer Kliniken wie Jeanne Natalie Wintsch oder Franz Karl Bühler hatten es dagegen schwer, als Kunstschaffende Anerkennung zu finden. Diesem häufig erlebten Aspekt stellte Jagfeld den Autodidakten Hans Krüsi gegenüber, einem anerkannten Vertreter der Art Brut, der „rohen Kunst“.

Jagfeld, als Direktorin des Museums im Lagerhaus in St. Gallen selbst seit langem intensiv mit sogenannter „Outsider Art“ beschäftigt, sieht im Umgang mit Kunst von Menschen, die aus dem üblichen Raster fallen, vorrangig ein Wahrnehmungsproblem. Anfang letzten Jahrhunderts seien naive Künstler, wie der französische Zollbeamte Henri Rousseau gefeiert worden, wogegen das umfangreiche Werk des Schweizers Adolf Wölfli, der als bettelarmer Verdingbub aufwuchs, bevor er mit der Diagnose Schizophrenie in die „Klapse“ kam, erst lange nach seinem Tod bekannt wurde. Immerhin hatte sein Psychiater Walter Morgenthaler Wölflis kreatives Schaffen als Kunst gesehen und anerkannt. Er hat ihm ein Buch gewidmet, „Ein Geisteskranker als Künstler“, welches zum ersten Mal in der Psychiatriegeschichte einen Patienten, der an Schizophrenie erkrankt war, als Künstler uneingeschränkt wahrgenommen hat.

Teilhabe statt Inklusion

Dem gegenüber vermied der deutsche Arzt Hans Prinzhorn, auf den die berühmte Prinzhorn-Sammlung zurückgeht, den Begriff „Künstler“ ganz bewusst. Er bezeichnete die künstlerischen Arbeiten von Insassen seiner und anderer Kliniken nur als „Bildnerei“. Den bekanntesten Vertreter der „Art Brut“, den französischen Maler und Sammler von „Outsiderkunst“ Jean Dubuffet, holte Jagfeld vom Sockel. Dubuffet habe sich an der Kunst von Schizophrenen und anderen Kranken bedient.

In der Diskussion auf diese Ausführungen wurde mehrfach die Frage danach gestellt: „Was wir (heute) unter Kunst verstehen?“ Auch wenn es heutzutage Kunstschaffende mit einer psychischen oder auch geistigen Beeinträchtigung etwas leichter haben und auch am Kunstmarkt Nischen für ihre Arbeiten gibt, geschieht die Rezeption fast immer unter einem Label, das sie abstempelt. Da stellt sich die Frage , ob solche Werke in Zeiten von Inklusion noch als „Outsiderkunst“, „Visionary Art“ oder „Arte Irregolare“ bezeichnet werden sollten. „Es gibt ein künstlerisches Schaffen von Menschen mit sehr verschiedenen Hintergründen“, sagte Jagfeld, die „lieber von Teilhabe“ als von Inklusion spricht, und plädierte dafür, statt von – einer – Kunst von „Künsten“ im Sinn des „erweiterten Kunstbegriffes“ von Joseph Beuys zu sprechen.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht