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Kultur
Mittwoch, 13. Dezember 2017 3

Bühne

Ein Bodenständiger, der abheben kann

Georg Lichtenegger aus Hagelstadt bei Regensburg hat bereits vier Theaterstücke geschrieben. Jetzt kommt sein jüngstes, „Das Gummiboot“, ins Turmtheater.
Von Claudia Bockholt, MZ

Georg Lichtenegger, Jahrgang 1983, hat auch „was Gscheits“ gelernt – und kehrt immer wieder zum Theater zurück. Foto: Michael Drexler

Hagelstadt.Mit Rindviechern hat er‘s noch nie so gehabt, sagt Georg Lichtenegger. Trecker fahren – immer gerne. Aber in den Kuhstall hat es ihn daheim nie gezogen. Trotzdem – oder gerade deshalb? – hat er ihn zu seiner Bühne für einen ganz großen Theaterstoff gemacht: „Othello. Der Fischkopf im Kuhstall“ ist Lichteneggers Bearbeitung des Shakespeare-Dramas. Jago heißt Jackl, die Titelfigur ist kein Schwarzer, sondern eben ein Fischkopf, ein Preiß. Das riecht nach Bauernschwank, doch Lichtenegger ist es mit seiner Adaption völlig ernst.

Der junge Theaterautor und Regisseur verhandelt in seinen Stücken große Themen. Drei – darunter nicht der „Othello“ – wurden bisher auf die Bühne gebracht. Mit dem jüngsten Projekt, seiner Abschlussarbeit im Studienfach Medienkunst an der Bauhaus Universität in Weimar, ist eine Arbeit des jungen Hagelstädters erstmals in seiner Heimat zu sehen. Sein Stück „Das Gummiboot“ nennt der Verfasser eine „absurde Theaterperformance“. Was da genau an einem surrealen Ort verhandelt wird, ist tatsächlich nicht so leicht auszumachen. Es geht um eine kleine Gesellschaft, die etwas braucht: Ein Elektriker soll etwas reparieren, was nicht mehr funktioniert. Um ihn versammelt sind ein alter Mann, ein kleiner Junge, eine Beamtin, ein Liebespaar. Bizarre Dialoge entspannen sich. Alles schwankt auf diesem „Gummiboot“, alle mühen sich, den Halt nicht zu verlieren. „Der mögliche Untergang“, sagt der Autor, „ist immer mitgedacht“.

Ein bodenständiger Philosoph

Lichtenegger ist ein Bodenständiger, aber einer, der abheben kann. 20 Hektar Land bewirtschaftet er daheim gemeinsam mit seinem Vater Georg sen. Philosophieren, sagt er ganz pragmatisch, könne man nur mit vollem Magen. Wer die Theaterwelt kennt, weiß, dass eine sichere Existenz dort nur schwer zu haben ist. Zu viele Schauspieler, Dramaturgen, Autoren hangeln sich am Existenzminimum entlang. Also: Zuckerrüben, Mais, Getreide. Auf dem Bulldog kann man auch mancherlei Gedanken nachhängen. Und wenn die Ernte eingefahren ist, wird der Laptop aufgeklappt.

„Lob bis viel Lob“ habe er nach der „Gummiboot“-Premiere erhalten, erzählt Lichtenegger. „Auch Nicht-Theatergänger haben sich intensiv mit dem Stück beschäftigt.“ Ihm geht es darum, die richtigen Fragen zustellen – nicht darum, Antworten zu finden. Dass er „beim Publikum Gedanken in Gang setzt“ war deshalb für ihn ein wirklich schönes Kompliment. Geschrieben hat das eine Kritikerin über sein Zweipersonenstück „Bella“, im Juli 2012 in der Berliner Brotfabrik uraufgeführt. Angelehnt an Achternbuschs Theatertext „Ella“ erzählt „Bella“ die Geschichte einer versehrten jungen Frau. Schon vom Vater missbraucht, hat sie auch als Jugendliche nicht gelernt, sich sexueller Übergriffe zu erwehren. Lichtenegger hat drastische O-Töne aus Internetforen verarbeitet.

Mit seinen Stoffen hat sich Lichtenegger von den Tagen bei den „Hagelstädter Theaterfreunden“ ein ganzes Stück entfernt. Der Verein macht seit vielen Jahren Laientheater auf hohem Niveau. Und Lichtenegger war, wie viele in seiner Familie, jahrelang mittendrin. Anfangs verteilte er Handzettel, dann stand er selbst auf der Bühne, war Techniker und Regieassistent.

Von Schorsch Kamerun gelernt

Und trotzdem hat er dann erst einmal was G’scheits gelernt: Steuerfachangestellter. „Weil man das eben so macht“. Danach machte er allerdings den Bachelor of Recording Arts. Und kam dem Theater wieder näher. In der Diplomarbeit ging es um die Tontechnik in den Münchner Kammerspielen. Lichtenegger arbeitete 2006 an „Macht und Rebel“ mit, der Theaterfassung des Skandalromans von Matias Faldbakken. Regie-Punk Schorsch Kamerun hat Eindruck bei ihm hinterlassen. Und ein Satz von ihm könnte es Lichtenegger leichter machen, dass er nie eine Regieschule besucht hat. Nicht weil er es nicht gewollt hätte. „Ich hab mich einfach nicht getraut, die Bewerbung abzuschicken“. Alt-Punk Schorsch Kamerun jedenfalls sagt: „Ich bin wahrscheinlich der einzige Regisseur, der am Stadttheater arbeitet und nicht mal einen Hauptschulabschluss hat. Aber ich behaupte einfach, ich kann das.“

„Das Gummiboot“ ist am Samstag und Sonntag, 16. und 17. Februar, jeweils um 19.30 Uhr im Turmtheater Regensburg zu sehen. Karten: Tel. (09 41) 56 22 33 (Die Vorstellung am Sonntag ist bereits ausverkauft). Nach München kommt „Das Gummiboot“ am 21. Februar um 20 Uhr (Black Box, Gasteig). Karten unter www.muenchenticket.de

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