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Montag, 11. Dezember 2017 3

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Ein Fund, ein Schatz, ein Skandal

Kein Kulturthema führte 2013 zu so vielen Schlagzeilen wie der Schwabinger Kunstfund in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.
Von Susanne Wiedamann, MZ

Mehr als 1000 Kunstwerke wurden in der Schwabinger Wohnung des Sohns des Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, Cornelius Gurlitt, beschlagnahmt. Ihre Herkunft und die Besitzverhältnisse zu klären, wird wohl noch Jahre dauern. Foto: dpa

München.Es begann mit einem medialen Paukenschlag, allerdings lange nach dem eigentlichen Ereignis. Am 3. November berichtete das Nachrichtenmagazin „Focus“ von der Beschlagnahme eines unglaublich großen und wertvollen Kunstschatzes mit mehr als 1000 Werken in einer Schwabinger Wohnung: Picasso, Chagall, Matisse, Delacroix, Beckmann, Nolde, Dix... – kurz, alles was in der klassischen Moderne Rang und Namen hat und bei Auktionen von Christie’s und Sotheby’s immer wieder zu Rekorderlösen führt, wurde hier Perlen gleich an eine unendliche Schnur der triumphierenden Verlautbarung gefädelt.

Die Kunstwelt erstarrte erst vor lauter Staunen und überschlug sich dann in Spekulationen. Ein ähnliches Medienecho wie diese Kultur-Titelgeschichte dürfte nur die in den 80er Jahren vom Stern veröffentlichte Story über die vermeintlichen – und später als Fälschungen entlarvten – Hitler-Tagebücher hervorgerufen haben.

Nach der ersten Verblüffung über den genialen Spitzenfund dann die Überraschung: Die Razzia in der Münchner Wohnung des Künsthändler-Sohns Cornelius Gurlitt hatte bereits am 28. Februar 2012 stattgefunden – und war eindreiviertel Jahre der Öffentlichkeit verschwiegen worden. Brisant ist diese Heimlichtuerei vor allem, weil Cornelius Gurlitt nicht der Sohn irgendeines deutschen Kunsthändlers ist, sondern von Hildebrand Gurlitt, einem der vier Kunsthändler mit Spezialauftrag von Adolf Hitler.

Hildebrand Gurlitt war ein anerkannter Kunstsachverständiger, Kenner und Liebhaber der Moderne, der sein Wissen dazu nützte, im Auftrag Hitlers sogenannte Entartete Kunst, die die Nazis beschlagnahmt hatten, fürs Regime gewinnbringend ins Ausland zu verkaufen. Gurlitt kaufte Kunst – auch alte Meister – von anderen Kunsthändlern unter anderem auch für den Aufbau des „Führermuseums“ in Linz. Zahlreiche der Bilder, die durch seine Hände gingen, waren zuvor im Besitz jüdischer Familien oder anderer von den Nazis Verfolgten, die auf dem Weg ins Exil oder um zu überleben ihre Gemälde und Skulpturen oft zu extrem schlechten Konditionen verkaufen – oder überhaupt zurücklassen mussten. Geschätzt etwa 600 der 1280 bei Cornelius Gurlitt aufgefundenen Kunstwerke sind möglicherweise Raubkunst der Nazis.

Keine Infos für frühere Besitzer

Es ist die erste einer Reihe skandalöser Beobachtungen, die man anhand des Schwabinger Kunstfunds machen kann: die Unbeholfenheit und Verantwortungslosigkeit, mit der Behörden hier reagierten. Eine einzige Kunsthistorikerin, die Hildebrand-Gurlitt- und Entartete-Kunst-Expertin Meike Hoffmann, wird zunächst auf die 2012 in München beschlagnahmte Sammlung angesetzt, um sie zu sichten und die Herkunft der Bilder zu klären. Die Bilder wenigstens im Internet zu veröffentlichen, so dass frühere Besitzer verschollene Werke in der Sammlung suchen könnten, daran wird nicht gedacht.

Erst auf massive internationale Kritik nach dem Bekanntwerden des Schwabinger Sensationsfunds vor einigen Wochen hin richten der Bund und das Land Bayern Mitte November eine Taskforce aus Experten der Provenienzforschung ein, um die Herkunft der Münchner Kunstschätze schneller aufzuklären. Und erst jetzt werden die Werke nach und nach im Internet präsentiert – und erste gesuchte Bilder identifiziert. Gerade erst hat die Leiterin der Taskforce, Ingeborg Berggreen-Merkel, Fehler beim Umgang mit dem spektakulären Kunstfund eingeräumt. „Der Fall hätte unter allen Beteiligten besser kommuniziert werden müssen“, sagte sie dieser Tage dem „Focus“. Und dass sie hoffe, dass Nachkommen der früheren Eigentümer nicht für die Rückgabe von Kunstwerken vor Gericht ziehen müssen. „Ich wünsche mir im Sinne aller Beteiligten natürlich gütliche Einigungen.“

Der unbekannte Kunstgenießer

Das könnte schwierig werden. Denn da ist Cornelius Gurlitt, der Sohn des Kunsthändlers, der immer noch an die Integrität des Vaters glaubt, der laut mehreren Zeugenaussagen nicht ganz in der Realität lebt, und der, wie er dem „Spiegel“ versicherte, nicht von seinen Bildern lassen will: „Freiwillig gebe ich nichts zurück!“, stellte der öffentlichkeitsscheue Kunstliebhaber im November fest. Der gesundheitlich angeschlagene Gurlitt fühlt sich als Opfer, so präsentiert er sich zumindest in einem Interview dem „Spiegel“ gegenüber. Justiz und Öffentlichkeit stellten alles falsch dar. Der alte Mann versteht die mediale Hetzjagd und die juristische Verfolgung seiner Person nicht.

Tatsächlich ist es mehr als fraglich, ob die Vorgehensweise der Behörden im Fall Gurlitt wirklich rechtsstaatlichen Prinzipien gehorchten. Der in München wohnende Sammler mit einem Häuschen in Salzburg, der am 28. Dezember 81 Jahre alt wird (manche Quellen sprechen schon von 82), geriet mehr durch Zufall ins Visier der Ermittler. Am 22. September 2010 wird Gurlitt auf der Reise von Zürich nach München im Zug von Zollfahndern kontrolliert: Sie finden 9000 Euro in bar. Die Staatsanwaltschaft Augsburg nimmt Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung auf. Ein Jahr später wird Gurlitt bei den Behörden erneut auffällig, als er bei einem Kölner Auktionshaus das Bild „Löwenbändiger“ von Max Beckmann zur Versteigerung anbietet, das 1932 dem jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim gehört hat. Gurlitt und die Erben von Alfred Flechtheim einigen sich außergerichtlich.

Dann, wieder ein Jahr später, die Razzia in Gurlitts Schwabinger Wohnung, die überraschend diesen gewaltigen, von Gurlitt fachgerecht gelagerten Kunstschatz zu Tage fördert. Drei Tage lang dauert der Abtransport der Werke, mit denen der alte Mann lebte, die er streichelte, zu denen er sprach. Noch Jahre wird es dauern, bis Rechtswissenschaftler geklärt haben, ob der Verdacht der Staatsanwaltschaft auf Steuerhinterziehung diesen massiven Hausfriedensbruch und die Zerstörung der Privatsphäre von Gurlitts Wohnung überhaupt rechtfertigte und ob die massenhafte Beschlagnahmung all dieser Kunstwerke so rechtens war.

Vor diesem Hintergrund hinterlässt sein jüngstes Schicksal ein mehr als mulmiges Gefühl. Da ein Verwandter sich Sorgen um den alten Herren machte, wurde vor einigen Tagen von der Polizei seine Wohnung aufgebrochen. Gurlitt hatte auf mehrfaches Türklingeln nicht reagiert. „Ursache dafür waren jedoch nicht gesundheitliche Probleme: Er hatte mit Ohrstöpseln auf seinem Bett gelegen“, schrieb „Spiegel Online“.

Vorläufig unter Betreuung

Dennoch liegt der herzkranke Gurlitt nun im Krankenhaus – und wurde „aus gesundheitlichen Gründen“ und „vorläufig“, wie der Präsident des Amtsgerichts München, Gerhard Zierl, am Tag vor Weihnachten betonte, unter Betreuung gestellt. Somit kann sich Gurlitt selbst wohl zur Zeit nicht um die Wahrung seiner Eigentumsrechte kümmern.

So viel ist inzwischen klar: Rund 300 der konfiszierten Bilder gehören Gurlitt zweifelsfrei. Sie wären von der Staatsanwaltschaft auch zurückgegeben worden, wenn Cornelius Gurlitt ihr die Gelegenheit eingeräumt hätte. Doch angeblich wollte Gurlitt keinen Termin für die Übergabe vereinbaren, so die Behören. Und angeblich war er ja schon oft unerreichbar.

Und all die Bilder, die die Nazis geraubt, unterschlagen, diffamiert und unrechtmäßig verkauft haben? Es wird wohl noch Jahre dauern, bis die Besitzverhältnisse der Bilder aus dem Gurlitt-Schatz zweifelsfrei geklärt sind, bis die ursprünglichen Eigentümer oder ihre Erben aufgespürt und alle erforderlichen Nachweise geführt sind – aber auch die Rechtsverhältnisse eindeutig feststehen.

Denn auch, wenn Taskforce-Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel all jenen, die unter den Nazis schweres Leid ertragen mussten, die Familienmitglieder verloren haben, das Dritte Reich im KZ überlebten oder all ihr Hab und Gut zurücklassen mussten, und auch deren Erben den Gang vor Gericht ersparen möchte: Wem die Kunstwerke wirklich gehören, steht noch nicht fest.

Die Sammlung Gurlitt ist riesig. Doch ihr Fund markiert nur den Anfang einer notwendigen Aufarbeitung, was in Nachkriegs-Deutschland mit der Nazi-Raubkunst geschehen ist, wieviel verschleiert wurde und noch heute – vielleicht nicht einmal aus Eigennutz, sondern sträflicher Ignoranz – nicht gesehen wird. Wieviel Kunst den eigentlichen Eigentümern vorenthalten wird und in deutschen Depots schlummert, ist ein weiterer Skandal, dem die Deutschen mit Offenheit, dem Willen zur Aufdeckung und womöglich auch einem neuen Restitutionsgesetz werden begegnen müssen.

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